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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 28.04.2011

Globaler Ort des Verbrechens

Peter Temple: "Wahrheit", Verlag C. Bertelsmann, München 2011, 478 Seiten

Autounfall in einem Parkhaus in Melbourne, Australien (picture alliance / dpa)
Autounfall in einem Parkhaus in Melbourne, Australien (picture alliance / dpa)

Der Kriminalroman hat eine lange Tradition - von Chester Himes bis Derek Raymond. Peter Temple steht in dieser Tradition und beherrscht das Genre wie kaum ein zweiter. Sein neuester Cop-Roman spielt in Melbourne, in einer Welt, in der Wahrheit keinen besonderen Wert darstellt.

Melbourne. Um die australische Metropole herum wüten die Buschfeuer. Die City selbst bietet alles, was eine Großstadt zu bieten hat: scheußliche Morde, Bandenkriminalität, organisiertes Verbrechen an den Schnittstellen von Politik und Big Business, domestic violence, gewalttätigen Sexismus, Selbstjustiz durchgeknallter Cops, Korruption, extreme Brutalität, Folter, Mord und alle anderen unschönen Begleiterscheinungen urbanen Lebens.

Das Szenario, das Peter Temple in seinem Roman "Wahrheit" zeichnet, behandelt Melbourne und Australien als konkret gezeichneten, aber globalen Ort. Melbourne bietet, wie James Joyces Dublin von 1904, eine Art "Weltalltag" unserer Zeit.

Mitten drin Stephen Villani, der Leiter der Melbourner Mordkommission, dessen Aufgabe es sein sollte, Wahrheiten zu finden. Aber allein der Gedanke ist naiv, denn Polizeiarbeit ist eine hochpolitische Angelegenheit. Polizeiarbeit erfordert kommunizierbare Ergebnisse. Akzent auf "kommunizierbar". Diese Wahrheit hat Villani schon kapiert, zähneknirschend. Er möchte ein guter Polizist sein, wenn er schon ein schlechter Vater, Ehemann und Sohn ist. Seine privaten Probleme sind wirklich drängend, die Tochter auf Droge, Vaters Farm droht abzubrennen. Entscheidungen sind gefragt, für Larmoyanz bleibt kein Platz und für die Suche nach dem hehren Gut Wahrheit keine Zeit. Aber der gute Polizist möchte in der Hierarchie vorankommen und das geht, jetzt, mitten im australischen Wahlkampf, sowieso nur über politische Wege. Und die haben mit Wahrheit nichts im Sinn.

Peter Temple schreibt ganz und gar meisterhaft eine lange Tradition des Polizeiromans fort. Die Polizei als Gesellschaft in der Gesellschaft und insofern als deren Miniaturmodell gehört zu den Motiven, mit denen sich die Kriminalliteratur spätestens seit Dashiell Hammett von der ideologischen Unterstellung freischrieb, es sei ihr irgendwie an der Wiederherstellung von Ordnung gelegen.

(Fast) alle Cop-Romane von Rang, seit Chester Himes Zeiten bis zu Joseph Wambaugh, Bob Leuci oder Derek Raymond, benutzen wie Temple die subversiven Möglichkeiten ihres Sujets, in sämtliche Winkel der Gesellschaft einzudringen, das Politische im Privaten und umgekehrt zu sehen und Ordnungsvorstellungen in Frage zu stellen.

Bei Temple, dessen Roman ungeheuer komplex ist, weil er die vielen Handlungsstränge und die Figuren mit knapper Lakonie und ohne großen Erklärungsaufwand miteinander agieren lässt, fällt die Diagnose besonders unromantisch, illusionsfrei und bitter-ironisch aus: "Wahrheit" ist vermutlich nur noch ein privater Luxus, an dem die Welt sicher nicht genesen wird.

Die ästhetische, die literarische Seite der Cop-Novel, die Temple ebenfalls meisterlich beherrscht, liegt in der Vielfalt der Perspektiven auf die Welt, die durch die vielen mitspielenden Figuren repräsentiert werden. Der böse Witz, die intelligenten, klischeefreien Dialoge, die schnellen Schnitte und Ortswechsel erzielen den Effekt des Urbanen und der totalen Präsenz im Hier und Jetzt. "Wahrheit" ist ein Roman auf der Höhe der Zeit und auf der Höhe der Entwicklung der Kriminalliteratur.

Besprochen von Thomas Wörtche

Peter Temple: Wahrheit
Übersetzt von Hans M. Herzog
Verlag C. Bertelsmann, München 2011
478 Seiten, 21,22 Euro

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