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Interview / Archiv | Beitrag vom 27.05.2013

Gleiche Chancen aufs Studium

Aktion Arbeiterkind unterstützt Studierwillige aus nichtakademischen Familien

Katja Urbatsch im Gespräch mit André Hatting

Wer aus guten Verhältnissen kommt, ist im Vorteil: Studierende während einer Prüfung (picture alliance / dpa /ZB)
Wer aus guten Verhältnissen kommt, ist im Vorteil: Studierende während einer Prüfung (picture alliance / dpa /ZB)

Ob jemand in Deutschland eine Hochschule besucht, das ist stark abhängig von seiner Herkunft. 70 Prozent der Studierenden kommen aus Akademikerhaushalten. Allen anderen fehlen vor allem Vorbilder, sagt Katja Urbatsch von der Aktion Arbeiterkind: "Viele kommen gar nicht auf die Idee, dass sie studieren könnten."

André Hatting: Jeder in Deutschland hat nach dem Abitur die Möglichkeit zu studieren. Dabei spielt es keine Rolle, ob die Eltern arm oder reich, selber Akademiker sind oder nicht studiert haben – jeder hat die gleiche Chance. Schön wäre es! In Wahrheit ist Abitur nicht gleich Abitur. In kaum einem anderen westlichen Industrieland spielt die Herkunft eine so große Rolle bei der Frage, ob studiert werden kann oder nicht.

Wenn Sie zum Beispiel selber studiert haben, dann liegt die Wahrscheinlichkeit, dass Ihr Kind das auch tun wird, bei über 70 Prozent, Abitur natürlich vorausgesetzt. Bei Eltern ohne Studium ist es nur jedes vierte Kind, und das, obwohl doppelt so viele Abitur machen. Kein Ruhmesblatt für ein Land, das bei jeder Gelegenheit Bildung als Standortfaktor betont.

Das muss sich ändern, und dafür kämpft zum Beispiel die Aktion Arbeiterkind. Diese gemeinnützige Initiative unterstützt seit 2008 Schülerinnen und Schüler aus nichtakademischen Elternhäusern dabei zu studieren. Gründerin und Geschäftsführerin ist Katja Urbatsch. Herzlich willkommen bei uns im Studio, Frau Urbatsch!

Katja Urbatsch: Danke!

Hatting: Sie haben jetzt fünften Geburtstag gehabt – ungetrübte Feierstimmung?

Urbatsch: Ja, wir sind sehr fröhlich, weil ich hätte nie gedacht, dass wir überhaupt mal fünf Jahre alt werden. Das war ja am Anfang ein Riesenüberraschungserfolg. Ich wollte einfach nur eine Internetseite machen, und dann ist das über Nacht eingeschlagen in den Medien, und es haben sich aus ganz Deutschland Menschen gemeldet, die auf einmal mitmachen wollten, und davon bin ich immer noch überwältigt, dass wir so viele ehrenamtliche jetzt haben. Es sind mittlerweile 5.000, die sich in 70 lokalen Gruppen engagieren, und ich finde, bei so viel Engagement kann man nur fröhlich sein.

Hatting: Sie haben das Engagement angesprochen, Sie haben die Internetplattformen angesprochen – wie im Detail funktioniert Arbeiterkind? Was genau machen Sie?

Urbatsch: Also ich bin ja selber die Erste in meiner Familie, die studiert hat, und habe gemerkt, wie schwierig das sein kann, sowohl vielleicht auch in der Familie Überzeugungsarbeit zu leisten, aber auch dann in der Hochschule sich ein bisschen alleine zu fühlen, weil man das Gefühl hat, um einen herum sind nur Akademikerkinder, und man hat keine Informationen. Und ich wollte einfach diese Informationen, diese Erfahrungen weitergeben und Mut machen. Und deswegen haben wir angefangen mit einer Internetseite, wo sich viele Informationen finden, auch insbesondere zum Thema Studienfinanzierung, warum es sich lohnt zu studieren, und wie man das machen kann. Und dann haben sich eben ganz viele Ehrenamtliche gemeldet, die jetzt tolle Vorbilder sind und in die Schulen gehen, um eben andere zu ermutigen, den gleichen Weg zu gehen.

Hatting: Verstehe ich Sie richtig, dass es vor allem ein Informationsproblem ist, dass Kinder aus nichtakademischen Elternhäusern einfach nicht so genau wissen, was sie machen sollen, wenn sie studieren?

Urbatsch: Zum einen muss man erst mal auf die Idee kommen, dass man überhaupt studieren kann …

Hatting: Aber wenn ich einen bestimmten Beruf ergreifen möchte, weiß ich doch, ich muss dafür studieren, das ist doch eigentlich klar.

Urbatsch: Ja, aber viele kommen gar nicht auf die Idee, dass sie studieren könnten, und denken, ich mache das, was meine Eltern machen, die …

Hatting: Trotz Abitur?

Urbatsch: … trotz Abitur, weil sie eben keine Vorbilder haben, keine Vorstellung, was man überhaupt alles machen kann. Ich zum Beispiel kannte nur wenige akademische Berufe in meiner Schulzeit, ich kannte Lehrer – das ist auch ein typischer Aufstiegsstudiengang, ich kannte vielleicht einen Apotheker, und dass es Ärzte gibt. Aber ich hatte überhaupt keine Vorstellung, wie das funktioniert, und man braucht vor allem Vorbilder, die einem zeigen, was alles möglich ist.

Hatting: Das bedeutet, das ist Ihnen auch in der Schule gar nicht gesagt oder gezeigt worden.

Urbatsch: Nein, als Schule war das kein Thema. Ich glaube, mittlerweile gibt es schon mehr in der Schule zum Thema Berufsorientierung. Aber häufig ist einfach klar, wenn man aus einer Familie kommt, wo alle studiert haben, geht man auch studieren, und wenn man aus einer Familie kommt, wo keiner studiert hat, dann tendiert man eher zu einer Ausbildung.

Hatting: Also eher wie so eine Art Automatismus vielleicht. Können Sie eigentlich ablesen, wie erfolgreich Sie sind? Haben Sie Belege dafür, dass die Schülerinnen und Schüler, die mit Ihnen gesprochen haben, die sich von Ihnen haben beraten lassen, dass die dann wirklich auch studieren?

Urbatsch: Ja, es ist natürlich sehr schwierig, weil wir sind eine Initiative, die in die Breite geht, wir wollen möglichst viele erreichen. Wir haben im vergangenen Jahr Schulverträge für 8.000 SchülerInnen gemacht, die können wir natürlich nicht alle weiterverfolgen, aber wir bekommen natürlich Feedback. Also wir merken, dass unsere Schulveranstaltungen sehr gut ankommen, dass wir viele Rückmeldungen bekommen, die Lehrer sind sehr begeistert, und viele uns auch eben zurückmelden, dass sie sich ermutigt gefühlt haben, dass sie nun viele Informationen haben. Und von einigen erhalten wir auch Rückmeldungen, dass die sogar ein Stipendium bekommen haben.

Hatting: Jetzt haben Sie die mangelnde Information, das mangelnde Wissen darüber, dass man studieren kann, als einen Hauptgrund genannt, warum Kinder aus nichtakademischen Elternhäusern nicht studieren in der Regel. Damals war ja die Antwort auf diese Frage zumindest der sozialliberalen Koalition in den 70ern das Geld. Die haben gesagt: Na ja, wir müssen eine Unterstützung – daraus ist dann das BAföG geworden – einführen, damit diese Kinder auch die Möglichkeit haben, zu studieren. Wenn Sie mit Schülerinnen und Schülern heute sprechen aus nichtakademischen Elternhäusern, ist das nach wie vor das Hauptproblem?

Urbatsch: Ja, die Studienfinanzierung ist ein ganz, ganz großes Thema, trotz BAföG. Viele wissen gar nicht genau, wie BAföG funktioniert, und man muss ja auch trotzdem die Hälfte zurückzahlen, und viele machen sich große Sorgen wegen der Schulden. Also normalerweise würde man ja sagen, es lohnt sich, und man kann das hinterher locker zurückzahlen, aber wir haben viele auch jetzt in unserer Community, die studieren und die nachts nicht schlafen können, weil sie diese Schulden haben, und noch nicht so recht daran glauben können, dass das hinterher nicht so schwierig sein wird, das zurückzuzahlen. Und da müssen wir sehr viel Überzeugungsarbeit leisten, dass überhaupt BAföG in Anspruch genommen wird, und viele kommen auch zu uns und sagen: Eigentlich kann ich nur studieren, wenn ich ein Stipendium bekomme.

Hatting: Wünschen Sie sich hier auch noch mehr Unterstützung von der Politik? Muss da noch was verbessert werden?

Urbatsch: Ja, beim BAföG gibt es auf jeden Fall noch viel zu tun, weil viele ja auch rausfallen oder viele Probleme haben, wenn die Eltern nicht mitmachen, die Unterlagen nicht ausfüllen können, da gibt es noch viel zu tun, und auch die Bürokratie ist schon sehr schwerfällig. Ich war gerade wieder in einer Gruppe, wo eine schon zum fünften Mal Einspruch eingelegt hat, das kostet einfach so viel Kraft neben dem Studium, wenn man sich dann auch noch Existenzsorgen machen muss und mal wieder zwei Monate das BAföG nicht kommt. Also da muss noch viel vereinfacht werden, und natürlich wünsche ich mir auch noch viel mehr Stipendien, weil es doch gerade für die sozial Bedürftigen noch zu wenig Stipendien gibt.

Hatting: Studium nach dem Abitur, das ist in Deutschland nach wie vor eine Frage des Elternhauses. die Initiative Arbeiterkind will das ändern – ich habe mit Geschäftsführerin Katja Urbatsch eine Bilanz der ersten fünf Jahre gezogen. Vielen Dank für Ihren Besuch bei uns, Frau Urbatsch!

Urbatsch: Danke schön!


Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.


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