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Politisches Feuilleton / Archiv | Beitrag vom 14.04.2011

Glaubenskrise - Kirchenkrise

Lohnt eine Reform der katholischen Kirche?

Von Judith Könemann

Koenemann: Vertrauen und die Übertragung von Verantwortung an die Gläubigen tut Not.  (Stock.XCHNG / Jonathan Adrianzen)
Koenemann: Vertrauen und die Übertragung von Verantwortung an die Gläubigen tut Not. (Stock.XCHNG / Jonathan Adrianzen)

Die katholische Bischofskonferenz hat getagt. Der "Gesprächsprozess" ist in geordnete Bahnen gelenkt. Ausgewählte Katholiken, Vertreter der Verbände und der theologischen Fakultäten werden mit den Bischöfen in einem Zeitraum von vier Jahren über das kirchliche Leben sprechen. Sie werden also darüber sprechen, wie unter den gegenwärtigen Bedingungen der christliche Glaube verkündigt, bezeugt, gefeiert und im tatkräftigen Handeln verwirklicht werden kann.

Ist die Krise, die vor einem Jahr im Missbrauchsskandal gipfelte, überwunden? Kann nun zur Tagesordnung übergegangen werden, nachdem Buße getan und Entschädigungszahlungen für die Opfer angeboten worden sind, nachdem die Reformforderungen des Zentralkomitees der deutschen Katholiken, des Memorandums der Professorinnen und Professoren der Theologie sowie der vielen Stimmen der kirchlichen Basis in einen "Gesprächsprozess" eingehegt wurden? Kann nun endlich, ja endlich wieder zu einer Tagesordnung übergegangen werden, die da unter anderem lautet, sich um den Mangel an Glauben, um den Mangel an Gläubigen zu kümmern?

Wer dies wirklich denkt, hat die Krise der katholischen Kirche nicht verstanden. Zweifelsohne geht die religiöse Bindung an die Kirchen in unserer Gesellschaft zurück. Die Wissenschaft – wie die Religionssoziologie – hat dafür viele unterschiedliche Erklärungen. Kirchlicherseits wird die Ursache vor allem in der sogenannten Gotteskrise gesehen.

Die Krise jedoch auf eine Gotteskrise und damit eigentlich auf einen Mangel an rechtem Glauben an Gott zu reduzieren, nichts anderes ist ja mit dem Begriff Glaubensmangel gemeint, greift zu kurz. Es bedeutet, die Ursachen der Krise ausschließlich außerhalb der Kirche zu suchen: in den gesellschaftlichen Modernisierungsprozessen, in der Individualisierung und Pluralisierung und bei den Menschen, die in den Augen der Kirche in ihrem Glauben defizitär sind, die nicht genug oder nicht das Richtige glauben. In der Externalisierung der Probleme, darin liegt ein deutliches innerkirchliches Krisenszenario.

Doch diese Art Ursachenforschung belegt nur eines: die eigentliche Krise der katholischen Kirche liegt in ihrem Verhältnis zur Moderne. Auch wenn das II. Vatikanische Konzil der Kirche das Tor in die Welt öffnete, den Anspruch formulierte, die Kirche zu "verheutigen" und ihr einen Platz in der Welt und nicht dieser gegenüber zu geben, blieb das Verhältnis der Kirche zu dieser modernen Welt widersprüchlich, bleiben moderne Errungenschaften wie Subjektivität, Selbstbestimmung, Autonomie, Gleichheit und Gerechtigkeit zwischen den Geschlechtern und vor allem Freiheit höchst ambivalent, haftet ihnen doch aus binnenkirchlicher Perspektive immer etwas von Willkür, Egoismus und Verantwortungslosigkeit an.

Diese ambivalente Haltung zur Moderne findet ihren Ausdruck in der Gegenüberstellung von Glaubens- versus Vertrauensmangel. Solange die Kirche in ihrer Haltung gegenüber der modernen Welt und ihren Errungenschaften wie dem Anspruch auf Subjektivität und Autonomie ambivalent bleibt, diese eher als Gefahr denn als Ermöglichung betrachtet, begegnet sie den Menschen und insbesondere den Gläubigen in der Kirche mit einem Vertrauensmangel. Einem Mangel an Vertrauen in deren "Rechtgläubigkeit", in deren verantwortetes Handeln, in deren "sentire cum ecclesia", ihrem Fühlen mit der Kirche. Demgegenüber tut Vertrauen und die Übertragung von Verantwortung an die Gläubigen Not.

Gelingt es der Kirche in Westeuropa nicht, ihre Ambivalenz zur Moderne in einem positiven Sinne aufzulösen, wird sich der schleichende Auszug aus der Kirche fortsetzen. Damit schwindet aber viel mehr als nur Tradition, damit schwindet viel Engagement, eine immer wieder auch kritische Gegenöffentlichkeit und ein entschiedenes Eintreten für die Armen und Schwachen in dieser Gesellschaft. Zurück bleiben wird eine kleinere Gruppe von Entschiedenen, die für sich "Rechtgläubigkeit" in Anspruch nehmen kann, aber es wird auch niemanden mehr geben, dem sie die "Rechtgläubigkeit" absprechen können. So weit sollte es nicht kommen.


Die katholische Theologin Judith Koenemann (privat)Die katholische Theologin Judith Koenemann (privat) Judith Könemann, katholische Theologin, Professorin für Praktische Theologie an der Katholisch-theologischen Fakultät der Universität Münster. Nach ihrem Studium der Theologie, Soziologie und Erziehungswissenschaften war sie in der Bildungsarbeit der Diözese Osnabrück tätig und leitete das Schweizerische Pastoralsoziologische Instituts (SPI) in St. Gallen. Als Forscherin beschäftigt sie sich intensiv mit Fragen der religiösen Bildung, dem Verhältnis von Religion und Öffentlichkeit sowie den Religiositätsformen in der modernen Gesellschaft. Sie ist Mitglied im Excellenzcluster "Religion und Politik" der Universität Münster.

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