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Feiertag / Archiv | Beitrag vom 15.07.2012

Glaube und Zweifel

Wo wir an unsere Grenzen stoßen

Von Jens Daniel Schubert, Dresden

Ein langer Weg
Ein langer Weg (AP)

Zweifel kann am Menschen nagen. Zweifel kann den Glauben fressen. Menschen, die durch den Zweifel den Glauben verlieren, geraten in die Gefahr zu Ver-Zweifeln. Aber ist es nicht oft zum Verzweifeln?

Darf ein Gläubiger zweifeln? Was hindert den Zweifler am Verzweifeln? Wie konnte Abraham losziehen, bereit, den eigenen Sohn zu opfern? Wie konnte Gott das verlangen? Wann schlägt Zutrauen um in Vertrauen?

Es ist eine alte, schier unglaubliche Geschichte. Als Abraham schon ein alter Mann war, bekommt er von seinem Gott einen Auftrag, der alles, was dieser bisher von ihm verlangt hat, in den Schatten stellt.

"Nimm deinen Sohn, deinen einzigen, den du liebst, Isaak, geh in das Land Morija, und bring ihn dort auf einem der Berge, den ich dir nenne, als Brandopfer dar." (Gen 22,2)

"Das ist jetzt nicht wahr. Da muss ich mich verhört haben. Das kann nicht so gemeint sein." - So würde ich wohl reagieren. Von Abraham sind solche Reaktionen nicht überliefert. Der alte Mann hat so seine Erfahrungen mit Gott. Bislang nur gute. Gott hatte ihn aufgefordert, Freunde, Verwandte und die Heimat aufzugeben und wegzuziehen, in das Land, das Gott ihm zeigen würde. Abraham hat es getan und hatte neues, fruchtbares Land gefunden.

Gott hatte ihm "Nachkommen wie Sand am Meer" verheißen, obwohl Abraham und sein Weib schon viel zu alt für‘s Kinderkriegen waren. Und dennoch wurde die Frau schwanger und sie bekamen einen Sohn.

Dieser Sohn, Isaak, war der Schlüssel für die Verheißung von Nachkommen ohne Zahl. Der alte Mann sah nur ihn und musste daran glauben, dass aus ihm ein ganzes Volk werden würde. Und nun soll er dieses Kind opfern.

Das ist unglaublich. Das kann nicht möglich sein. Das widerspricht allem, was Abraham bisher von diesem Gott erfahren hat.

Es fällt schwer, nachzuvollziehen, dass Abraham sich tatsächlich mit Esel und zwei Knechten, Feuer und Brennholz und seinem Sohn, dem Knaben Isaak, auf den Weg macht.

Was mag er gedacht haben, der alte Mann auf diesem Weg, drei Tage immer weiter, dem Geheiß Gottes folgend. Die Bibel berichtet es nicht. Vielleicht wollte es Abraham zunächst einfach nicht wahr haben, was Gott da von ihm verlangt hat. Vielleicht hat er sich in die innere Isolation zurückgezogen.

Es ist nichts zu lesen von den Fragen, nichts von der Verzweiflung, nichts von einem versuchten Verhandeln oder Feilschen. Dabei hatte Abraham da seine Erfahrungen mit Gott. Bislang nur gute. Damals bei Sodom.

"Willst du auch den Gerechten mit den Ruchlosen wegraffen? Vielleicht gibt es fünfzig Gerechte in der Stadt: Willst du auch sie wegraffen und nicht doch dem Ort vergeben wegen der fünfzig Gerechten dort?" (Gen, 18, 23ff)

Abraham handelt mit Gott um die Stadt Sodom: Fünfzig Gerechte sollen sie retten, dann vierzig, vielleicht auch nur zwanzig

"Mein Herr zürne nicht, wenn ich nur noch einmal das Wort ergreife. Vielleicht finden sich dort nur zehn." (Gen 18, 32 ff)

Und Abraham trotzt Gott auch diese Zusage ab. Um seinen Sohn, den einzigen, den er liebt, feilscht er nicht. Jedenfalls berichtet die Bibel nichts davon. Ist es Depression, sind es Selbstvorwürfe, die Abraham quälen, dass er nur das Nötigste redet?

Dann kommt der Punkt, an dem er Knechte und Esel zurück lässt. Der Sohn muss das Holz tragen, er selbst nimmt Feuer und Messer, die todbringenden Werkzeuge. Und der Sohn fragt, er sehe zwar Holz und Feuer, wo aber sei das Opfertier.

Was mag er gedacht haben, der alte Mann, bei dieser unschuldigen Frage des Kindes. Was steht hinter der behutsamen Antwort, die das ganze Maß der bevorstehenden Katastrophe beschreibt und dennoch den Sohn schont: Gott wird sich das Opfer selbst suchen.

Mir als Vater von vier Kindern werden bei dem Text von Abraham, der auf Gottes Geheiß seinen eigenen Sohn zur Opferung bringt, immer die Knie weich.

Mehrfach habe ich es in Verwandtschaft und Freundeskreis erleben müssen, dass Eltern ein Kind verloren haben. Eine unheilbare Krankheit, ein Unfall, eine tödliche Sucht, ein verzweifelter Suizid. Kaum besser geht es den Eltern, die Kinder haben, die zwar weiter leben, sich aber von den Eltern getrennt und losgesagt haben, verloren ohne Hoffnung auf Wiederkehr.

Ich kenne keine Eltern, für die dies nicht das Schlimmste ist, die nicht alles gäben, selbst das eigene Leben, für ein glückliches Weiterleben ihrer Kinder.

Und hier nun dies: der Vater soll den eigenen Sohn, den einzigen, den er liebt, opfern. Kann ich an einen Gott glauben, der so etwas zulässt, der so etwas fordert? Klingen da die Namen Gütiger, Vater, Liebender nicht wie Hohn? Zweifel sind angebracht.

Zweitausend Jahre nach der Abraham-Geschichte trägt ein anderer Sohn das Holz, an dem er sterben soll, einen anderen Berg hinauf. Jesus. Gottes einziger Sohn. Diesmal kommt kein Engel, der dem Ganzen Einhalt gebietet. Jesus stirbt.

Es genügt nicht, dass er zu den Menschen gekommen ist, als Mensch gelebt hat, bis ganz nach unten gegangen ist, zu den Aussätzigen, Kranken, Sterbenden. Er musste hinunter in das Reich des Todes.

Gekreuzigt, gestorben und begraben. Es ist kaum zu glauben, dass danach noch etwas kommt. Selbst die engsten Vertrauten Jesu, die Jahre mit ihm durchs Land gezogen sind, die ihn gehört und gesehen haben, die mit ihm gegessen haben konnten es nicht glauben.

Dass einer von den Toten wiederkommt ist unerhört. Zweifel sind angebracht.

"Wenn ich nicht die Male der Nägel an seinen Händen sehe und wenn ich meinen Finger nicht in die Male der Nägel und meine Hand nicht in seine Seite lege, glaube ich nicht." (Joh 20, 25)

Thomas, der deswegen bis heute "der ungläubige Thomas" genannt wird, hat seinen Zweifel sehr deutlich angemeldet. Und Jesus? Er kommt wieder und bedient den Zweifler.

"Streck deinen Finger aus - hier sind meine Hände! Streck deine Hand aus und leg sie in meine Seite, und sei nicht ungläubig, sondern gläubig!" (Joh 20, 27)

Genau den Beweis, den Thomas fordert, bringt er ihm. Thomas "begreift" das Wunder und bekennt Jesus als seinen Herrn und Gott. Johannes, der diese Geschichte ans Ende seines Evangeliums setzt, lässt Jesus den für die Kirche, für die Christen der folgenden Generationen wichtigen Satz sagen:

"Weil du mich gesehen hast, glaubst du. Selig sind, die nicht sehen und doch glauben." (Joh 20, 29)

Selig, die nicht sehen und doch glauben. Glauben, was hinter dem steht, was man sieht. Was verbirgt sich hinter dem, was man sieht? Ist das, was wir zu erkennen glauben das, was wir glauben können? Zweifel sind angebracht.

Der Zweifel ist kein Verrat am Glauben. Thomas ist nicht ungläubig. Jesus selbst lässt seine Zweifel zu. Er versteht ihn, er begegnet ihm.

Menschen, die felsenfest glauben ohne je zu zweifeln, sind beneidenswert. Aber sie sind nicht die besseren Gläubigen.

Doch der Zweifel kann am Menschen nagen, den Glauben fressen. Menschen, die durch den Zweifel den Glauben verlieren, geraten in die Gefahr zu Ver-Zweifeln.
Aber ist es nicht oft zum Verzweifeln?

Wo ist der Gott, der verhindert, dass Trauer und Schmerz in der Welt sind? Wo war er an dem Abend, als der Freund der Familie mit dem Auto von der Fahrbahn geschleudert wurde und der kleine Sohn starb?

Wo war er an dem Nachmittag, als sich der Jugendliche die Pistole an den Kopf setzte und abdrückte, obwohl doch seine Eltern und seine Freunde ihm jede Zuwendung und Hilfe angeboten hatten?

Wo war er an dem Morgen, als sich der junge Mann, gerade aus dem Entzug heimgekehrt, die Überdosis spritzte?

Wo war er in der Nacht, als die Eltern begreifen mussten, dass der geschwächte Körper ihres Kindes keine weitere Therapie überstehen würde?

Wo ist Gottes Beistand, wenn die Tochter auf keine Briefe und Mails mehr antwortet, irgendwo in der fremden Stadt abgetaucht ist.

Was ist das für ein Gott, der all das zulässt? Was ist das für ein Gott, der zu Abraham sagt:

"Nimm deinen Sohn, deinen einzigen, den du liebst, Isaak, geh in das Land Morija, und bring ihn dort auf einem der Berge, den ich dir nenne, als Brandopfer dar." (Gen 22, 2)

"Abraham, Abraham! Streck deine Hand nicht gegen den Knaben aus, und tu ihm nichts zuleide! Denn jetzt weiß ich, dass du Gott fürchtest; du hast mir deinen einzigen Sohn nicht vorenthalten." (Gen 22, 11 ff)

Das war knapp. Da hat Gott gerade noch einmal "die Kurve gekriegt".

Hat Abraham darauf spekuliert? Hat er darauf gebaut, dass so ein Ruf kommt? Hat er die ganze Zeit auf diesen Wink Gottes gewartet, war seine Bereitschaft nur ein Spiel, hoch gepokert und schließlich gewonnen?

Ist das Vertrauen? Und wenn es dann doch schief geht?

Samuel Koch, der bei "Wetten dass...?" verunglückte junge Mann, hat dies bei verschiedenen öffentlichen Auftritten berichtet. Er ist als Gläubiger aufgewachsen und hat immer damit gerechnet, dass Gott seine schützende Hand schon über ihn halten würde, dass alles gut gehen würde.

Nach seinem schweren Unfall, seit dem er im Rollstuhl sitzt, musste er mit dieser Erschütterung seines Gottvertrauens erst einmal fertig werden.

Wenn ich einen Plan habe, nachdem mein Gott mich retten kann, muss ich immer mit einer Enttäuschung rechnen. Samuel Koch hat es, so ist seinen Äußerungen zu entnehmen, gelernt, "Ja" zu sagen zu dieser Enttäuschung.

Wenn Abraham tatsächlich geglaubt hat, dass es sich Gott mit der Opferung seines Sohnes noch einmal anders überlegt, dann hat er Glück gehabt. Dann passte seine Vorstellung von dieser Prüfung - die es ja trotz des glimpflichen Endes zweifellos war - genau auf den Plan Gottes. Es wäre aber doch nur ein Zufall.

"Euch steht es nicht zu, Zeiten und Fristen zu erfahren, die der Vater in seiner Macht festgesetzt hat." (Apg 1, 7)

Abrahams Geschichte ist gerade noch einmal gut gegangen. Diese. Aber all die anderen?

Was macht Abraham? Er bringt ein Opfer. Natürlich. Dafür ist er ja losgezogen. Und nun hat er aus lauter Erleichterung und Dankbarkeit noch einen Grund mehr.

Abraham nannte jenen Ort Jahwe-Jire (Der Herr sieht), wie man noch heute sagt: "Auf dem Berg lässt sich der Herr sehen". (Gen 22, 14)

Thomas hat Jesus begriffen, Abraham auf dem Berg sagt:
"Hier lässt sich Gott sehen."

Selig, die nicht sehen und doch glauben.

Manche Menschen erleben die Gnade, Gott zu begreifen. Ein Stück von ihm. Seligmachender Glaube ist, auch wenn ich nicht sehe, auch wenn ich nicht begreife, zu vertrauen.

Abraham hat es vorgemacht. Abraham hat seinem Gott allerhand zugetraut. Er hatte so seine Erfahrungen. Abraham hatte Vertrauen in Gott. Er hat ihn aus dem Land seiner Väter in ein neues Land geführt. Er hat ihm den Sohn geschenkt und Nachkommen ohne Zahl verheißen.

Können nur weltferne Träumer, Einfältige und Verrückte Gottes heilbringendes Wirken in der Welt, im Leben eines jeden Menschen erkennen?

Ja, es ist Glaube nötig. Und es gehört zum Glauben auch der Zweifel. Immer wieder.

Fragen ist erlaubt. Nachfragen. Nicht verstehen. Zweifeln.

Aber Gott zeigt sich als der, dem alles zuzutrauen ist. Der seine Liebe immer wieder beweist. Dem der einzige Sohn nicht zu schade war für diese Welt. Dessen Treue über den Tod hinausgeht.

Gott kann man vertrauen. Und dieses Vertrauen schützt vor dem Verzweifeln.

Selbst, wenn Eltern ein Kind verlieren. Durch eine unheilbare Krankheit, einen Unfall, eine tödliche Sucht, einen verzweifelten Suizid. Oder Kinder, die zwar weiter leben, sich aber getrennt und losgesagt haben, verloren ohne Hoffnung auf Wiederkehr.

Und kein Engel kommt im letzten Moment und sagt: Halt! Alle Gebete, alle Bitten waren und sind umsonst. Gott gibt nicht nach, er hat seine eigenen Pläne.

Nur der Glaube an Seine Liebe und die Hoffnung, dass ER es letztendlich gut meint, schützt, auch den Zweifelnden, vor Ver-Zweiflung.

Musik dieser Sendung
CD: Arvo Pärt: Darf ich.../ Vladimir Nartynov: "Come in" Movement V auf "Silencio”, Gidon Kremer, Kremerata Baltica, Nonesuch

Die redaktionelle und inhaltliche Verantwortung für diesen Beitrag hat der katholische Senderbeauftragte für Deutschlandradio Kultur, Pfarrer Lutz Nehk.