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Religionen / Archiv | Beitrag vom 12.11.2011

Glaube, Marketing und ganz viel Drama

Der Dokumentarfilm "Die große Passion - Hinter den Kulissen von Oberammergau"

Von Bernd Sobolla

Andreas Richter als Jesus, Mitte, spielt in der Szene "Einzug in Jerusalem" während einer Fotoprobe der Passionsspiele 2010 im Theater in Oberammergau. (AP)
Andreas Richter als Jesus, Mitte, spielt in der Szene "Einzug in Jerusalem" während einer Fotoprobe der Passionsspiele 2010 im Theater in Oberammergau. (AP)

Alle zehn Jahre herrscht im bayerischen Oberammergau der Ausnahmezustand. Dann nämlich ist Passionsspielzeit. Seit 1633 bringen die Oberammergauer die Geschichte von Jesu Tod und Auferstehung auf die Bühne, ein Gelübde, das sie vor knapp 500 Jahren zur Bewahrung vor der Pest abgelegt hatten. Der Dokumentarfilmer Jörg Adolph hat darüber einen Film gedreht.

Touristen strömen nach Oberammergau. Die fünfeinhalbstündige Inszenierung, an der auf und hinter der Bühne rund die Hälfte der 5.200 Einwohner teilnehmen, ist weltberühmt. Und Christian Stückl, der 50-jährige Spielleiter, steht im Zentrum des Films darüber.

"Das ist eines der großen jüdischen Bilder. So empfinden seit 5.000 Jahre Leut, oder länger schon, empfinden die Welt so. Wir sind irgendwie von Gott entfernt und suchen eigentlich Gott."

Gemein ist allen am Passionsspiel Beteiligten, dass sie mindestens seit 20 Jahren in Oberammergau leben, im Idealfall dort geboren sind. Da fühlte sich Filmemacher Jörg Adolph ein wenig wie ein Außenstehender. Aber vielleicht erhielt er gerade deshalb im Jahr 2007 vom Oberammergauer Gemeinderat die Zustimmung zu seinem Filmprojekt.

"Die Initialzündung war sicherlich die erste Begegnung mit dem Spielleiter Christian Stückl und das Gefühl, das er ausstrahlte, dass das keine hochheilige, festgefahrene, folkloristische, volkstümlich angehauchte Veranstaltung ist. Bei so einer Pressekonferenz sagte er: Ja, bisher ist der Jesus bei uns so wahnsinnig heilsgewiss aufgetreten. Er kam mir immer vor, als hätte er einen Korken im Hintern, auf dem steht: Ich bin der Messias! Und das, finde ich, muss man ändern. Und da dachte ich: Mein Gott, wenn der das hier sagen kann, dann meint der das ernst."

Stückl hat die Spielleitung 1987 übernommen und versucht seither, das Stück weiter zu entwickeln: Dazu gehörte 2010 zum Beispiel, dass er Zitate aus der Bergpredigt einbaute, obgleich das Stück erst mit dem Einzug nach Jerusalem beginnt - also zeitlich später. Zudem bemühen sich Stückl und der Dramaturg Otto Huber, die antisemitischen Tendenzen, die das Stück einst hatte, aufzulösen. So gibt es im Hohen Rat verschiedene Gruppierungen, die nicht unisono die Verurteilung Jesu fordern, sondern heftig miteinander debattieren. Auch berieten sich die Theatermacher mit Vertretern der jüdischen "Anti-Defamation-League". Allerdings wehrt sich Otto Huber, als diese versucht, die Rolle des Hohen Priester Kaiphas zu beeinflussen. Denn, so Huber, Jesus sei am Kreuz und nicht im Bett gestorben.

"Noam called me and he was all upset about it. / You know we can not change the whole story. Somebody did not like Jesus. And he did not die in his bed."

Auf der Bühne gehen die Arbeiten unter Christian Stückl inzwischen in die entscheidende Phase.

"Fort von hier! Ich gebiete es Euch! / Lachen. / Nehmt, was Euer ist und verlasst die heilige Stätte!"

Doch Jörg Adolph, und das macht seinen Film besonders, konzentriert sich nicht nur auf die Bühnenarbeit, sondern zeigt, manchmal entblößt er geradezu, das Drumherum: Zum Beispiel den Kampf ums Geld. Vor den Passionsspielen ist die Gemeinde mit 23 Millionen Euro verschuldet, und der sparsame Gemeinderat, der Angst hat, wegen der Finanzkrise nicht genügend Touristen anzuziehen, wird als Totengräber von Oberammergau bezeichnet.

"Ja, meine Damen und Herren, weil es nicht anders geht. Und nicht: Da seien nur irgendwo die Gelder versteckt. Ich warne im Moment, das Fell jetzt schon zu verteilen. Da müssen wir erst mal alle Karten verkauft haben."

Deshalb wird über das beste Marketingsystem diskutiert.

"Wir sollten es als Weltkulturerbe vermarkten. Irgendwas in dieser Richtung, aber nicht als Mega-Event. Das ist nicht die Passion. Die Passion ist wertiger - oder Legacy. Das klingt immer ein bisschen pathetisch. Aber das verkauft es."

Jörg Adolph ist überall dabei: Wenn die Passionsspieler in Jerusalem die Grabeskirche besuchen oder im Vatikan über die Vorbereitungen berichten, wenn zum Aschermittwoch der Aufruf verkündet wird, dass sich keiner mehr die Haare schneiden dürfe oder Schauspieler in US-Talk Shows für die Passionsspiele werben. So formt er einen spannenden, vielschichtigen Film, der alle Aspekte der Theaterproduktion umfasst. Der schönste Momente ist ihm gelungen, als er - ohne Dialog - von außen durchs Fenster filmt, wie Christian Stückl vor dem Gemeinderat um seine Idealbesetzung kämpft.

Bei den Aufführungen schließlich fällt auf, dass wenig junge Leute nach Oberammergau kommen. Der Filmemacher Jörg Adolph glaubt aber, dass die Theatermacher mit ihren Veränderungen das Stück moderner gemacht haben.

"Die Schritte sind natürlich die in eine Stilisierung, was das Bühnenbild angeht. Und dann natürlich auch in einem Transparentmachen dessen, was da in Oberammergau passiert. Und da ist diesmal, glaube ich, viel passiert. Ich merke das schon mit unserem Film. Leute sagen dann plötzlich: "Oh, das hätte ich aber nicht erwartet, dass es dort so ist. So lustig, so intensiv, so groß auch und auch emotional gewaltig."

Und nicht zuletzt gelingt es ihm, immer wieder auch heitere Momente einzufangen.

"Der Nazarener soll sterben! / Der Nazarener soll sterben. / Du, Robert! Wenn du das merkst, gleich die ganze Achse rüber! / Der Nazarener soll sterben! / Lachen ... / Noch folgen sie dir nicht."

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