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Interview / Archiv | Beitrag vom 16.08.2013

Gladbeck war "eine Art Realkrimi"

Medienpsychologe: Der Mensch reagiert auf Gefahrenreize archaisch

Jo Groebel im Gespräch mit Julius Stuck

Der Entführer Hans-Jürgen Rösner gibt in seinem Fluchtwagen dem Reporter Peter Wüst ein Interview. (dpa / picture alliance / Thomas Wattenberg)
Der Entführer Hans-Jürgen Rösner gibt in seinem Fluchtwagen dem Reporter Peter Wüst ein Interview. (dpa / picture alliance / Thomas Wattenberg)

Das Geiseldrama von Gladbeck vor 25 Jahren sei wie eine "Story mit Cliffhangern" gewesen, sagt Jo Groebel, Direktor des Deutschen Digital Instituts. Kein Mensch habe gewusst, wie es ausgeht und jeder sei natürlich auf das Ende gespannt gewesen.

Julius Stuck: Das Geiseldrama von Gladbeck, viele dürften es noch in Erinnerung haben, die Bilder von damals noch vor Augen. Wem das nicht so geht, den erinnern die Medien in diesen Tagen daran, denn heute ist es genau 25 Jahre her.

Am 16. August 1988 überfallen Dieter Degowski und Hans-Jürgen Rösner eine Bank in Gladbeck. Mehrfach nehmen sie Geiseln, sie fliehen durch Deutschland, halten Polizei und Öffentlichkeit mehr als 50 Stunden in Atem. Die Bilanz am Ende: zwei tote Geiseln, ein toter Polizist, Rösner und Degowski wandern ins Gefängnis.

Da sind die beiden bis heute, gerade erst am Mittwoch wurde eine Entlassung Degowskis bei einer Haftprüfung abgelehnt. Gladbeck, das steht auch für einen viel kritisierten Umgang der Medien mit dem Verbrechen. Live-Interviews, Journalisten, die zeitweise mit den Geiselnehmern im Auto fuhren, kontinuierliche und offensive Berichterstattung. Aber ohne Interesse der Nutzer doch auch kein Angebot der Medien! Oder?

Darüber spreche ich mit dem Psychologen Jo Groebel, Medien und Gewalt ist einer seiner Schwerpunkte. Guten Morgen, Herr Groebel!

Jo Groebel: Guten Morgen grüße Sie!

Stuck: Herr Groebel, Gladbeck ist unser Anlass, aber unendlich viele andere Beispiele zeigen auch: Wenn etwas Schreckliches passiert, wenn ein Verbrechen passiert, dann schauen wir hin. Welche Erklärung hat die Psychologie?

"Der Reflex hinzuschauen"

Groebel: Es gibt mehrere Erklärungen dazu, die auch ziemlich plausibel sind, glaube ich, und sogar auch einigermaßen wissenschaftlich belegt. Eine der fundamentalsten, der grundlegendsten Erklärungen ist, dass, wenn es in irgendeiner Weise Gefahrenreize gibt, wir archaisch automatisch darauf reagieren, weil wir so programmiert sind - unabhängig davon, ob es jetzt ein realer Reiz ist oder nur - in Anführungszeichen - durch die Medien, zum Beispiel das Fernsehen bekommen -, darauf programmiert sind, notfalls die Flucht ergreifen zu müssen.

Und es ist natürlich klar, dass auch jeder sofort weiß, wir haben den Kortex, wir haben das Großhirn, wir haben ein Bewusstsein, jeder weiß natürlich, dass, wenn so etwas im Fernsehen läuft, dass wir als Erstes eine Reaktion, einen Reflex haben, hinzuschauen, wissen aber natürlich gleichzeitig, uns kann nichts passieren.

Und was dann übrig bleibt, ist das, was man leider sowohl aus dem realen Ereignis wie damals Gladbeck, aber auch aus den Krimis kennt, dass man halt ... Nervenkitzel, wollen wir es mal so nennen, haben. Also, das ist eigentlich so die fundamentalste Reaktion, die man hat.

Stuck: Sie haben gesagt, es gibt mehrere Erklärungen. Was ist die andere?

Medienpsychologe Jo Groebel, Direktor des Deutschen Digital Instituts Berlin (picture alliance / dpa / Karlheinz Schindler)Medienpsychologe Jo Groebel, Direktor des Deutschen Digital Instituts Berlin (picture alliance / dpa / Karlheinz Schindler)Groebel: Es gibt noch mindestens zwei weitere, die ebenfalls fast genauso wichtig sind. Speziell Gladbeck allerdings, und nicht eben für viele vergleichbare Dinge, weil es seitdem nur noch wenig Vergleichbares gegeben hat, durch den Kodex, den man sich gegeben hat, et cetera, aber bei Gladbeck kam hinzu, dass es auf der einen Seite aus den genannten Gründen diesen Reflex eines realen Geschehens gab, auf der anderen Seite aber Gladbeck speziell so etwas - so pervers das klingen mag - wie eine Story mit Cliffhangern war.

Das heißt, das Geschehen lief über mehrere Tage und keiner, nicht mal die Täter, keiner wusste ja, wie es ausgeht. Und mit anderen Worten, das war natürlich so wie ungefähr der ultimative Kick, die ultimative Geschichte, kein Mensch wusste, wie es ausging, und jeder war natürlich gespannt, geht es gut aus, geht es schlecht aus? Und das ist - noch mal: leider! - im Grunde nichts anderes gewesen als eine Art Realkrimi. Und das Letzte, ich will es noch gleich nachschieben, ist, dass natürlich ein solches Thema, das so lange läuft, dann auch außerhalb der Medien zu einem großen Gesprächsthema wird.

Das heißt mit anderen Worten, es gibt so etwas wie eine soziale Ansteckung, alle reden darüber, man möchte dabei sein, man möchte mitreden können. Und es war übrigens - bis heute, wir reden nach 25 Jahren wieder und zum Teil immer noch davon - natürlich ein ganz, ganz großes kollektives Thema. Ich weiß noch, ich war damals in Australien zu einem Kongress, selbst dort wurde darüber berichtet und wirklich buchstäblich die ganze Welt hat darüber gesprochen. Und dann will man natürlich auch dabei sein.

Stuck: Ein Riesenthema, wo man dabei sein will, sagen Sie, Herr Groebel, wo andererseits eine natürliche Faszination uns hinzieht. Aber noch mal die Henne-Ei-Frage: Schauen wir zu, weil die Medien berichten, oder berichten die Medien, weil wir es sehen wollen?

"Auch die Polizei ist klüger geworden"

Groebel: Zwei Dinge dazu: Würden die Medien nicht darüber berichten, könnten wir nicht hinschauen, das ist das eine. Es gibt immer auch Geschehnisse, die vielleicht nicht ganz so drastisch, aber die durchaus auch dramatisch verlaufen, mittlerweile sehr viele, weil man hat sich damals den Kodex gegeben, dort eben nicht mehr automatisch über so etwas zu berichten, einfach schon um die Fahndung, um die Ermittlung, um die Klärung, die Lösung des Falles nicht zu gefährden.

Aber auch, weil natürlich die Polizei doch etwas klüger geworden ist und so etwas kaum noch zugelassen hat. Das ist das eine. Aber auf der anderen Seite ist es natürlich auch so, dass in den Journalisten selbst auch so etwas - also, in sehr vielen jedenfalls, damals zumindest und bis heute übrigens -, so etwas drin ist wie, wir nennen das mal so ein internalisiertes, ein verinnerlichtes Wissen darum, was die Leute sehen wollen.

Nur, um es sehr deutlich zu sagen, das war damals ein Live-Geschehen und da hat nicht jeder Journalist, jeder Reporter zunächst darüber nachgedacht, ach, das wollen jetzt unsere Zuschauer sehen, also bringen wir das! Das war auch eine ganze Menge von diesen - wir haben es eben angesprochen - archaischen Abläufen, da war auch der Jagdinstinkt der Reporter da, weil es möglich war.

Also, ja, wir schauen hin, weil es uns geboten wird, insofern einmal eine Henne, aber unter Medienleuten damals wie heute - heute nur weniger möglich - ist natürlich auch drin, Mensch, das interessiert unsere Leute. Und jetzt im Boulevard speziell sind vielleicht die besten - in Anführungszeichen oder auch Anführungszeichen - Reporter die, die am besten wissen, was die Leute interessiert. Auch wenn es eben ins Archaische und nicht immer automatisch ins moralisch Einwandfreie geht.

Stuck: Der Psychologe Jo Groebel zur Faszination und Anziehungskraft des Verbrechens. Wie sieht es denn mit dem Punkt aus, den Sie da gerade erwähnt haben, dem Kodex der Medien? Die Medien geben sich einen Kodex und überlegen, wie detailliert müssen wir das Ganze zeigen, wie live und wie genau müssen wir das zeigen.

Wie ist es denn da beim Menschen, wollen wir Menschen ganz natürlich auch das Detail sehen, wollen wir im Fall Gladbeck die Waffe am Hals der Geisel sehen oder ist das der Punkt, an dem es die Medien sind, die an der Spirale drehen?

"Immer noch fassungslos"

Der tätowierte Gladbeck-Geiselnehmer Hans-Jürgen Rösner gibt in Köln ein Interview. (AP)Hans-Jürgen Rösner gibt in Köln ein Interview. (AP)Groebel: Da sind es schon die Medien, die an der Spirale drehen. Ich meine, es gibt eine Schwelle, bei der fast jeder eben doch nicht mehr hinschauen kann, weil es einfach zu viel ist. Das ist mal natürlich alles, was besonders blutig ist, was besonders grausam ist, das wird aber auch ganz selten gezeigt, also jedenfalls in den offiziellen Medien ganz selten gezeigt.

Und das sind natürlich andere Dinge, die bis heute ... Also, wenn ich jetzt in den letzten Tagen hier die Bilder gesehen habe, dann bin ich immer noch fassungslos und dann können wir auf der einen Seite sagen, wir sind alle abgestumpft, weil in den letzten 25 Jahren so viel Grausamkeit durch viel mehr Kanäle, durchs Internet gezeigt wurde, und trotzdem macht es bis heute fassungslos, wenn man diese Dinge sieht und man im Grunde ja auch heute sogar weiß, da wird eine Waffe auf jemanden gerichtet, was wir damals live sehen konnten, eine Frau, die dann später gar nicht mehr leben wird.

Also, es gibt schon eine Schamschwelle, oder wie auch immer wir diese Schwelle definieren wollen, die dann tatsächlich uns doch zu weit geht und aus der heraus und aus dieser Erkenntnis heraus man auch bei den Medien natürlich a) aus ethischen Gründen, aus ermittlungstechnischen Gründen, aber genau auch unter diesem Aspekt ... Diese Schwelle darf nicht überschritten werden.

Stuck: 25 Jahre Gladbeck und die Faszination des Zuschauens. Dazu Jo Groebel, Medienpsychologe. Herr Groebel, danke für das Gespräch und Ihnen einen schönen Tag!

Groebel: Danke, ebenfalls, ja!


Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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