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Filme der Woche / Archiv | Beitrag vom 03.02.2010

"Giulias Verschwinden"

Hans-Ulrich Pönack hat Corinna Harfouch und Bruno Ganz als Traumpaar gesehen

Eine Frau, gespielt von Corinna Harfouch, lässt an ihrem 50. Geburtstag ihre Gäste im Stich. Sie lässt ihr Leben noch einmal an sich vorbeiziehen und lernt an einer Hotelbar ihren "Altersprinz" in Gestalt von Bruno Ganz kennen.

Schweiz 2009, Regie: Christoph Schaub, Drehbuch: Martin Suter, Hauptdarsteller: Corinna Harfouch, Bruno Ganz, Stefan Kurt, ab sechs Jahren

Der 51-jährige Schweizer Produzent und Regisseur ist bei uns wenig bekannt. Sein Episodenfilm "Happy New Year" von 2008 wurde beim vorjährigen Internationalen Filmfest in Moskau präsentiert, erhielt vier Nominierungen für den "Schweizer Filmpreis", wurde aber hierzulande nie aufgeführt. Für seinen neuesten Film, der mit mehr als 160.000 Besuchern im Vorjahr der erfolgreichste Schweizer Kinofilm war, konnte der 61-jährige Schweizer Erfolgsautor Martin Suter ("Small World"1997, "Lila, lila", 2004, neulich als enttäuschende wie erfolglose deutsche Produktion kurz im Kino; "Der letzte Weynfeldt", 2008) als Drehbuch-Autor gewonnen werden.

Brandaktuelles Gesellschaftsthema: Das Älter-Werden. Menschen, die in die Jahre kommen, gekommen sind. Frauen wie Männer. Dabei im ersten Blickpunkt: Die gerade 50 Jahre "jung"-alt werdende Giulia. Auf dem Weg zu ihrer Geburtstagsfeier, mit Freunden beim "Italiener", hält sie inne und fährt mit dem Bus weiter. Kuckt sich um, schaut, registriert, bilanziert, befindet sich in "traumatischer" Melancholie-Stimmung. Von wegen "Nun-50". Eine Laune, die sie gar nicht mag, verstehen, begreifen will. Meine Güte, 50, ich bin doch noch toll, sehe einigermaßen aus. Oder?

Währenddessen erleben wir ihre Freunde in der Lokalität wie die sich anfurzen, aufplustern, dauersticheln. Sich lächerlich benehmen. Dummbazig daherreden. Wie die sich angiften (ich wäre dort nicht sitzengeblieben, sondern abgehauen; die wären mir allesamt zu unangenehm, zu "tückisch").

"Giulias Verschwinden" zerfällt in zwei Teile, die leider sehr unterschiedlich im Niveau ausfallen. Da ist diese Clique aus selbstgefälligen, sich selbst überschätzenden, sich andauernd verletzenden Freundes-Herrschaften, deren "Botschaft" immer nur dieselbe ist: Ich bin doch nicht alt! Ich bin doch noch toll. Wieso, weshalb, warum wird vehement erklärt, langwierig ausgetragen, vollmundig ausgepustet. Und natürlich benehmen sie sich dabei zumeist lächerlich, blöd, unangenehm, einfach doof. Hörspiel-Charme verbreitet sich. Auftritt hier, Ansage dort, Gegenantwort dort; die Typen sind klar und deutlich fixiert und ändern sich auch nicht (mehr). Nach einigen Minuten hat man´s kapiert, überschaut, zur Kenntnis genommen. Man diskutiert über Bauch und Falten, Sportschuhe, Vergesslichkeit, das Altern, klar, undsoweiter undsoweiter. Das Dauer-Palaver.

Daneben mischt noch eine freundliche ältere Dame mit, die zum 80. Geburtstag ihrer Freundin ins Altersheim fährt, wo sich gerade Mutter und Tochter ein verbales Duell liefern. Eindeutige Punktsiegerin dabei: Die gedanklich rüstige Oma. Und dann wuseln noch zwei Teenie-Girlies herum und klauen im Kaufhaus Sportschuhe. Alle treffen schließlich im besagten italienischen Restaurant zusammen. Auch Giulia. Aber: Die hat inzwischen einen außerordentlich interessanten Herrn kennengelernt und mit dem die ganze Zeit, angeregt wie trinkfreudig wie gemütlich plaudernd, an einer Hotel-Bar verbracht.

Diese Begegnung ist filmischer Highlight. Denn wie hier die bezaubernde, wunderschöne, energische wie "konfuse" Corinna Harfouch ("Whiskey mit Wodka") und der unwiderstehliche, amüsante, liebenswerte Bruno Ganz ("Vitus") als unwiderstehlicher Charme-Bolzen und "George Clooney im Alter" loslegen, flirten, "duften", argumentieren, ist Beziehungstalk vom Feinsten. Leider viel zu kurz, denn immer müssen wir uns mit diesen "anderen Frust-Hanseln" befassen, obwohl man viel lieber und noch viel mehr bei Corinna und Bruno wäre. Die Ensemble-Akteure (wie Stefan Kurt, André Jung, Teresa Harder, Sunnyi Melles ... ) geben sich allesamt gute (Körper-)Sprachmühe, können aber eine schnelle Reizlosigkeit, Farblosigkeit, Gleichgültigkeit nicht überpinseln.

Zu wenig Fleisch geben die schrillen, überdrehten Klischee-Aha-Figuren mit ihren erwarteten Meinungen her. Einzig wenn die Titelheldin und ihr "Altersprinz" auftreten, wird es herrlich pointiert, amüsant-leicht, wunderschön-intim. Ansonsten: Quassel-Kino, das beim vorjährigen "Locarno-Festival" den Publikumspreis gewann und neulich in Saarbrücken Eröffnungsfilm beim "Max-Ophüls-Festival" war.

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