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Kulturinterview / Archiv | Beitrag vom 13.07.2005

Giftiger Rentner, zorniger Oberstleutnant

Der Kabarettist Georg Schramm

Moderation: Vladimir Balzer

Der Kabarettist Georg Schramm (AP Archiv)
Der Kabarettist Georg Schramm (AP Archiv)

Der Kabarettist Georg Schramm ist zurzeit auf Deutschlandtournee. Viele seiner Bühnenfiguren, wie den Presseoffizier Sanftleben, hat er aufgrund seiner eigenen Biographie entworfen. Ein Großteil seiner Ideen stammt auch aus seiner Zeit als Psychologe.

Balzer: Georg Schramm, steigert sich das eigentlich noch weiter mit Herrn Sanftleben?

Schramm: Nein, er wird immer langsamer. Er wird larmoyant zum Schluss und wehleidig.

Balzer: Warum eigentlich wehleidig?

Schramm: Na ja, die berufliche Karriere neigt sich dem Ende zu. Die Zukunft der Bundeswehr ist ungewiss, Standorte werden geschlossen und der neue Auftrag mit der neuen Bundesregierung ist eben ziemlich unklar.

Balzer: Und dann wird er ein bisschen wehleidig.

Schramm: Ja, es werden fünf Panzerdivisionen in Deutschland aufgelöst. Es zerfällt ihm zwischen den Fingern. Und er hat ja nie einen Einsatz gehabt. Wenn Sie bedenken, Sie hätten nie ans Mikrophon dürfen.

Balzer: Schrecklich.

Schramm: Und hätten immer Sprechübungen gemacht. Das ist nicht schön.

Balzer: Herr Schramm, Sie waren ja selber mal bei der Bundeswehr. Haben Sie solche Leute kennen gelernt?

Schramm: Nein, den habe ich mir ausgedacht. Mir ging es darum, das Klischee vom Kommisskopp zu nehmen und den aber gar nicht wie einen Kommisskopp erscheinen zu lassen. Deswegen kam ich dann auf Presse- und Öffentlichkeitsoffizier. Der hätte ja eh nie einen Schuss abgegeben. Der hätte immer nur vermittelt, warum gerade geschossen oder gerade nicht geschossen wird. Ich habe dieses Klischee einfach missbraucht, um es eben auf den Kopf zu stellen.

Balzer: Aber Sie waren bei der Bundeswehr und - soweit ich das erfahren habe - hatten Sie durchaus auch Freude daran. Denn Sie waren nicht einfach nur Wehrpflichtiger, Sie waren Soldat auf Zeit und haben es bis zum Offizier auf Reserve gebracht.

Schramm: Also, jetzt müssen wir mal ein bisschen relativieren. Die Tatsache, dass ich da länger war, ist ja nicht, dass ich Freude daran hatte. Wenn Sie hier 20 Jahre sind, heißt das ja nicht, dass Sie 20 Jahre Freude daran hatten. Es kann auch sein, dass Sie nichts anderes gefunden haben. Verstehen Sie, das ist relativ.

Ich wollte mir mein Studium finanzieren und mir fehlte damals die Zivilcourage, um den Wehrdienst zu verweigern. Dann habe ich mich freiwillig gemeldet und bin aber richtig auf die Schnauze geflogen bei der Bundeswehr. Ich habe eine positive Beurteilung gehabt in den drei Jahren. Das war auf dem Einzelkämpfer-Lehrgang und dann bin ich wegen charakterlicher Nichteignung zum Offiziersberuf an der Heeresoffiziersschule im Sperrfach Persönlichkeit durchgefallen mit mangelhaft.

Balzer: Sperrfach Persönlichkeit?

Schramm: Ja, es gab ein Fach, das hieß Persönlichkeit. Und da stand bei mir eben als Ergänzung zur Note mangelhaft, "findet keine innere Haltung zum Offiziersberuf". Dann war es passiert. Dann hatte ich das Geld für das Studium doch nicht, musste aber trotzdem noch ein Jahr bleiben.

Balzer: Was hieß das konkret? Sie waren nicht diszipliniert genug?

Schramm: Ja, das waren Lächerlichkeiten. Da war so ein Offizier, der hieß von Zeppwitz, der sah auch so aus. Sie müssen überlegen, das war 1969. Ich wollte abends aus der Kaserne, das war in München, hatte kurze Hosen an und Jesuslatschen, und dann hat er gesagt, so kann ich die Kaserne nicht verlassen. Dann habe ich gesagt, doch das kann ich. Dann hat er gesagt, ich bin hier der Offizier vom Dienst und ich verbiete ihnen das. Dann habe ich ihm gesagt, aufgrund welcher Paragraphen er mir das gar nicht verbieten kann.

Das war aber mein Hörsaal-Offizier. Und dann haben sie noch ein bisschen gesucht, und haben gefunden, ich habe keine Körperhaltung, meine Körperhaltung ist schlecht, meine Kommandosprache ist schlecht, ich habe einen negativen Einfluss auf die Kameraden im Hörsaal. Das haben sie halt gesammelt und haben mir eine Fünf gegeben. War lehrreich.

Balzer: Haben Sie das eigentlich bedauert?

Schramm: Nein, habe ich überhaupt nicht. Also, erstmal habe ich eine schöne Nummer fürs Kabarett, jetzt rückblickend hat mir das viel geholfen. Aber es hat mir auch geholfen, weil ich keine Ahnung hatte, was ich studieren sollte damals. Und es war meine erste Begegnung mit dem realen Leben. Und da habe ich ein bisschen Realität getankt. Das war nicht schlecht.

Balzer: Und um dieses reale Leben besser zu verstehen, haben Sie dann Psychologie studiert?

Schramm: Nein, wissen Sie, mein Abitur war so schlecht, dass ich gar nicht wusste, was ich so richtig machen sollte. Lehrer wollte ich nicht werden. Das wäre bei meinen Fächern, die keine vier waren, die einzige Möglichkeit gewesen. Lehrer zu werden, da hatte ich keine Lust zu gehabt. Und Sport studieren hätte nicht gereicht, weil ich im Turnen zu schlecht war.

Außer quatschen konnte ich halt nichts. Und dann habe ich das gemacht. Aber damals gab es ja einen Numerus Clausus. Aber mit drei Jahren Bundeswehr und meinem Vater, der in Frührente gegangen war und nur eine kleine Mindestrente hatte, habe ich so viele Abstriche, so viel Bonus gekriegt - für drei Jahre Bundeswehr und einen armen Vater - dass ich dann doch noch eine Studienplatz gekriegt habe.

Balzer: Aber Sie haben es durchgezogen, in Bochum.

Schramm: Ja, bis zur bitteren Neige.

Balzer: Die große Massen-Uni.

Schramm: Also bitte, Sie sind ja so negativ! Bochum hatte zwar damals die höchste Selbstmordrate von deutschen Universitäten, aber ansonsten war es sehr toll. Das war eine junge Universität, hat Bochum auf die Beine geholfen damals. Der Zadek war damals in Bochum am Theater. Das war eine interessante Zeit. Ich habe es nicht nur bis zur bitteren Neige durchgezogen, ich habe auch anschließend sogar gearbeitet. Nur, um die nächste Frage vorweg zu nehmen.

Balzer: Sie haben zwölf Jahre lang als Psychologe gearbeitet und zwar am Bodensee in einer Reha-Klinik. Was haben Sie da gelernt für Ihren Kabarettistenberuf?

Schramm: Also nicht die Psychologie war so wichtig für den Kabarettistenberuf, sondern die Berufserfahrung als solche. Wenn Sie zwölf Jahre lang in einer sehr hierarchisch strukturierten Klinik arbeiten, da lernen Sie eine ganze Menge. Dann bin ich neun Jahre im Betriebsrat gewesen, bin in die ÖTV eingetreten. Ich hatte ja vom Leben keine richtige Ahnung, dann bin ich in die ÖTV eingetreten und habe mich gewundert, dass der ÖTV-Geschäftsführer in der CDU war. Ich dachte, das dürfte der gar nicht. Und damals war der Frauenbeauftragte im Schwarzwald-Wahlkreis ein Mann, weil der immer gesagt hat: Ihr Frauen, ihr versteht das nicht richtig. Und dann haben die immer den Mann gewählt. Und da bin ich reingeraten. Und da lernt man eine ganze Menge.

Balzer: Was haben Sie da gelernt? Was lernt man bei der ÖTV, am Bodensee in der Reha-Klinik?

Schramm: Ich gebe Ihnen ein konkretes Beispiel. Ich war der Überzeugung, dass man im Krankenhaus mit gewerkschaftlicher Haltung, die ich mir da antrainiert habe, die Leute bewegen kann, auch für ihre eigene Sache einzutreten. Ist aber nichts draus geworden. Ich bin dann immer für die Sache der Leute eingetreten. Die haben auch gesagt, das musst du mal sagen, das musst du mal sagen. Dann habe ich es gesagt, und dann habe ich anschließend einen auf die Löffel gekriegt, weil die gesagt haben, das kannst du aber nicht sagen. Das ist ja gar nicht gut für die Stimmung hier und so.

Balzer: Was haben Sie denn da so gesagt zum Beispiel?

Schramm: Weiß ich nicht mehr, keine Ahnung. Allerweltskram in der Klinik, verstehen Sie. Also Mitsprache bei Einstellungen... ich weiß es nicht mehr.

Balzer: Sie waren zu offen?

Schramm: Nein, ich war streitlustig. Ich habe gerne Auseinandersetzungen gepflegt. Ich habe es auch schon ein bisschen als Bühne betrachtet. Das wusste ich aber damals noch nicht. Und die Auseinandersetzung mit der Obrigkeit, die hat mir Spaß gemacht. Aber den anderen Mitarbeitern hat es keinen Spaß gemacht.

Balzer: Und dann muss ja irgendwann der Moment gekommen sein, wo sie gesagt haben, ich muss hier raus.

Schramm: Der kam öfter.

Balzer: Ich will endlich alles sagen können, was ich will.

Schramm: Ach was, nein.

Balzer: Das kann man doch als Kabarettist.

Schramm: Nein, auch nicht. Wenn ich einfach sage, was ich will, dann zahlt doch keiner, verstehen Sie. Die Leute treten ja in Vorkasse und ich habe ja einen Vertrag zu erfüllen. Die Leute haben ja schon einen Haufen Geld bezahlt. Ich muss etwas sagen, was die Leute unterhält. Und wie ich sie unterhalte, das ist meine Sache, aber unterhalten muss ich sie. Wenn ich sage würde, was ich will, dann würde ich über Jens Voigt reden, dann lacht doch keiner.

Nein, also es war eine Fluchtmöglichkeit. Ich habe gemerkt, dass ich in diesem Beruf innerlich verkomme und wollte weg. Und dann habe ich geliebäugelt mit einem Gewerkschaftsjob. Dann habe ich aber gemerkt, das wird noch schlimmer für mich. Dann hätte ich eine richtige Therapieausbildung machen müssen, wenn ich Psychotherapeut hätte werden wollen. Da hatte ich Angst vor, mit Recht. Und dann gab es eben diese Gelegenheit, so etwas zu machen, und diese Flucht ist gelungen. Das war auch der letzte Versuch. Danach wäre es zu spät gewesen.

Balzer: Wie ist es denn heute? Also wir haben jetzt viel darüber geredet, woher Sie ihren Stoff nehmen, also was Ihre Biographie betrifft, als Mann bei der Bundeswehr, als Psychologe. Wie ist es heute eigentlich als Kabarettist Georg Schramm im Jahr 2005? Stehen Sie früh auf, schlagen die Zeitung auf und beginnen, sich zu ärgern?

Schramm: Ja, so kann man es im Moment beschreiben.

Balzer: Worüber ärgern Sie sich im Moment, worüber haben Sie sich heute früh geärgert?

Schramm: Weil ich hierher musste, konnte ich die Zeitung noch nicht lesen.

Balzer: Nicht so Ihre Zeit?

Schramm: Nein, also hören Sie mal. Ich habe mich gewaschen, habe mir den Rest vom Gel aus den Haaren gespült von gestern Abend, weil ich abends einfach zu müde bin, um zu duschen. Dann habe ich meine beiden durchgeschwitzten Hemden gewaschen, wenn Sie es genau wissen wollen. Dann habe ich schnell einen Tee getrunken, konnte wegen Ihnen nichts essen, weil der Taxidriver schon kam und konnte mir keine Zeitung kaufen. Ich habe mit Mühe und Not noch im Morgenmagazin einen hämischen Kommentar über Jan Ulrich mitgekriegt. Das ist alles. Und wenn ich hier fertig bin, dann lese ich die Zeitung.

Balzer: Worüber ärgern Sie sich denn in den letzten Tagen?

Schramm: Ich vermute mal über das Wischiwaschi, was die zukünftige Bundesregierung veranstaltet. Ich hätte mir mehr konservative Klarheit erhofft.

Balzer: Also, Sie gehen erstmal aus von einer unionsgeführten Bundesregierung?

Schramm: Ja, natürlich. Wobei Sie sehr richtig sagen - unionsgeführt. Meine stille Hoffnung ist ja und das ist meine Hoffnung seit vielen Jahren, Hauptsache die FDP ist nicht in der Regierung. Da würde ich schon viel für in Kauf nehmen.

Balzer: Warum sind die denn so böse?

Schramm: Ich finde, es ist gar keine Partei. Es ist eine Zweigstelle von Lobbyverbänden, mehr ist das nicht mehr. Und das ist bitter, weil es ja mal grandiose Freidemokraten gab: Burkard Hirsch, Baum, Frau Leutheusser-Schnarrenberger, die kabarettistisch allein schon durch dem Namen was hergibt. Aber das ist eine der wenigen, die in der Geschichte der Bundesrepublik für ihre Überzeugung ihren Ministerposten aufgegeben hat. Die war gegen den großen Lauschangriff und ist dann erhobenen Hauptes gegangen und hat die Brocken hingeschmissen, weil ihre Partei dafür war.

Balzer: Georg Schramm, wenn Sie bei der Gewerkschaft waren, dann unterstelle ich einfach mal, dass Sie vielleicht auch an das rot-grüne Projekt geglaubt haben.

Schramm: Ja, klar.

Balzer: Und jetzt ist es vorbei?

Schramm: Ja, klar, eindeutig.

Balzer: Warum?

Schramm: Wissen Sie, ich weiß es nicht genau. Ich stochere natürlich auch mit der Stange im Nebel. Aber ich denke, sie haben mehrere Fehler gemacht. Sie sind handwerklich hundsmiserabel gewesen. Wenn man sich vorstellt, dass die neue Regierung Gesetze kassieren wird, die die steuerfreie Abgabe von Aktien und ganzen Unternehmenspaketen erlaubt hat von anderen Regierungen, das ist schon merkwürdig.

Die Rot-Grünen haben damals einen solchen Vertrauensbonus in der Bevölkerung gehabt, und sie haben ihn nicht genutzt. Sie haben das gemacht, was alle machen. Sie haben den Weg des geringsten Widerstandes genommen und da, wo am wenigsten Widerstand von Lobbyverbänden zu erwarten wäre, da haben sie Gesetze gemacht. Und das ist eine große Enttäuschung für mich gewesen. Sie haben einen großen Verdienst: Sie haben uns aus diesem Krieg rausgehalten.

Balzer: Georg Schramm, abschließend noch die Frage: Gestern hatte ich so den Eindruck, als ich die Aussage von SPD-Fraktionsvize Ludwig Stiegler gehört habe über das Unionsprogramm, in dem also drin steht, "Sozial ist, was Arbeit schafft", und er dann gesagt hat, das habe ihn an die Parole erinnert "Arbeit macht frei". Er hat es zwar heute früh wieder etwas relativiert, aber da hat man schon den Eindruck, dass die politische Wirklichkeit den Kabarettisten fast wegläuft.

Schramm: Ja, manchmal kann man den Eindruck haben. Aber da hat er wirklich einen ganz rabenschwarzen Tag erwischt. Da hat er für eine Pointe seine Großmutter verkauft.

Balzer: Georg Schramm, ich danke Ihnen sehr, dass Sie bei uns waren. Georg Schramm im Moment zu erleben täglich, außer Montags, in Berlin in den Wühlmäusen. Und das nächste Mal im Scheibenwischer, der ist am 1. September im Ersten Deutschen Fernsehen zu sehen. Danke.

Schramm: Gern geschehen.

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