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Weltzeit / Archiv | Beitrag vom 14.05.2013

Gift im Boden

Die Ackerflächen in China sind eine tickende Zeitbombe

Von Markus Rimmele

Chinesische Arbeiter pumpen in der Nähe einer Chemiefabrik verseuchtes Wasser aus dem Boden ab. (dpa / picture alliance / Chinafotopress)
Chinesische Arbeiter pumpen in der Nähe einer Chemiefabrik verseuchtes Wasser aus dem Boden ab. (dpa / picture alliance / Chinafotopress)

Chinas Umwelt befindet sich nach 30 Jahren Wirtschaftsboom in erbärmlichem Zustand. Ein großer Teil der Böden, von denen sich das Land ernährt, ist verseucht. Nicht nur die Fabriken, sondern auch die Bauern sind daran schuld.

Ein Dorfidyll. Fette Gänse stehen in der Sonne. Gleich neben ihnen Felder, so weit das Auge reicht. Reis und Weizen wachsen hier. Auch Wassermelonen unter Plastikplanen. Alles grünt und gedeiht in der warmen Frühlingsluft. Die Insel Chongming in der Jangtse-Mündung bei Schanghai ist geprägt von der Landwirtschaft. Das Schwemmland im Fluss ist fruchtbar – und möglicherweise auch vergiftet.

"Galvanisierungsfabriken haben hier früher unbehandeltes Abwasser in die Bäche geleitet", erzählt der 63-jährige Bauer Gong Peili. "Das hat keiner kontrolliert. Kraftwerke hatten wir auch. Jetzt sind alle Fabriken weg."

Nach Protesten, berichtet Bauer Gong, haben die Behörden die Fabriken geschlossen. Doch der Ackerboden hat die Verschmutzung vermutlich noch nicht vergessen. Jahrelang leiteten die Bauern der Insel das Wasser aus den Bächen und das verschmutzte Grundwasser auf ihre Felder. Niemand in den Dörfern weiß, wie belastet die Böden sind. Doch keiner zweifelt daran, dass sie es sind. Ein typisches Problem in Chinas Ballungsräumen. Kadmium, Quecksilber und Blei vor allem stecken im Boden. Immer mehr Flächen sind betroffen.

"Das chinesische Land ist von Schwermetallen verseucht. Das ist ein neues Problem der letzten 30 Jahre", sagt die Umweltschützerin Tian Jun. "Das Problem wird immer größer. Verschmutzende Fabriken werden jetzt oft von den Städten aufs Land verlagert. Der Schaden, der dadurch entsteht, ist enorm."

Die Industrie ist das eine. Doch auch die Landwirtschaft selbst verschmutzt die Böden durch den Übereinsatz von Pestiziden und Dünger. China konnte so in den vergangenen Jahren die Erträge massiv steigern.

"Jeder setzt unterschiedlich viel Dünger ein", sagt ein Nachbar von Bauer Gong. "Manche mehr, manche weniger. Keiner beaufsichtigt das. Wenn einer wenig Dünger einsetzt und deshalb wenig Ertrag hat, ist das sein Problem."

Also gehen viele nach dem Prinzip vor: Viel hilft viel. Einem Bericht der Regierung zufolge landet auf chinesischen Feldern mehr als zweieinhalb mal so viel Dünger wie im globalen Durchschnitt üblich. Schadstoffe reichern sich so im Boden an. Es ist kein Geheimnis, dass viele Bauern Extraflächen vorhalten, auf denen sie Getreide und Gemüse für den Privatverbrauch anbauen – mit deutlich weniger Chemie. Was sie da für den Massenmarkt produzieren, wollen sie selbst nicht essen.

Chinas Regierung tut kaum etwas gegen die Bodenverseuchung. Stattdessen hält sie wichtige Daten zurück. Sie selbst hat zwischen 2006 und 2010 eine große Untersuchung durchgeführt. Boden- und Wasserproben wurden im ganzen Land genommen. Doch noch immer ist der Abschlussbericht nicht veröffentlicht. Bislang kursieren nur einige Zahlen unter Wissenschaftlern. So sollen angeblich 200.000 Quadratkilometer Ackerland verseucht sein, das ist mehr als die Hälfte der deutschen Staatsfläche. Manche Experten halten gar 70 Prozent des chinesischen Ackerlandes für belastet. Andere wiederum schätzen, dass 40 Prozent der Flächen mit verschmutztem Wasser bewässert werden.

Klar ist jedenfalls, dass Chinas Böden eine tickende Zeitbombe sind. Denn Schwermetalle, Dünger- und Pestizidrückstände gelangen über die Nahrungskette in den menschlichen Organismus. Krebs und Missbildungen können die Folgen sein. Für Chinas Bevölkerung, die an vielen Tagen bereits unter einer dicken Smogglocke lebt und mit Horror einen Lebensmittelskandal nach dem anderen verfolgt, sind das neue Hiobsbotschaften. Vielleicht will die Regierung deshalb nicht so gern mit der Wahrheit herausrücken.

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