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Thema / Archiv | Beitrag vom 20.03.2014

GesundheitswesenKasse machen mit Patienten

Bonusklauseln in Ärzteverträgen

Von Sigrun Damas

OP-Saal: Ärzteteam arbeitet an der Magenverkleinerung einer stark übergewichtigen Patientin (Leipzig, April 2011) (dpa / picture alliance / Waltraud Grubitzsch)
Ärzteteam arbeitet an der Magenverkleinerung einer stark übergewichtigen Patientin (dpa / picture alliance / Waltraud Grubitzsch)

Jeder zweite Chefarzt-Vertrag sieht inzwischen die Zahlung von Boni vor bei Durchführung lukrativer Operationen. Ärzteorganisationen sehen durch solche Klauseln die Unabhängigkeit der Mediziner gefährdet.

Dr. O. vom Universitätsklinikum Göttingen transplantierte Lebern. Er tat das häufig, aber vermutlich nicht immer aus medizinischen Gründen, sondern auch für den eigenen Geldbeutel. Dr. O. bekam einen Bonus: 1500€ extra ab der 21. verpflanzten Leber im Jahr, und das zusätzlich zu seinem Gehalt. Er operierte Menschen, die für den Eingriff nicht infrage kamen. Andere, die eine Leber gebraucht hätten, bekamen deswegen keine.

"Dieser Göttinger Skandal war die Spitze des Eisbergs. Das gibt’s und gab's in allen medizinischen Bereichen, nicht nur in der Transplantationsmedizin. Es gibt seit 2011 eine rapide Zunahme solcher Verträge mit Bonus-Klauseln."

 - sagt Hans-Fred Weiser, Gefäßchirurg und Präsident des Verbandes Leitender Krankenhausärzte. Er sieht die Unabhängigkeit des Arztes gefährdet. Denn Bonusverträge motivieren den Arzt, Behandlungen oder sogar Operationen durchzuführen, für die es vielleicht gar keinen medizinischen Grund gibt.

Mit planbaren Operationen viel Geld verdienen

Als lukrativ, weil gut vergütet, gelten besonders Operationen, die planbar und technisch aufwendig sind: Knie- und Hüftprothesen, Rückenoperationen oder Herzkatheter. Mit ihnen können Krankenhäuser viel Geld verdienen. Und die Ärzte sollen dabei helfen: mehr Patienten, mehr Fälle, mehr Geld.

Auch Rudolf Henke, Präsident der Ärztegewerkschaft Marburger Bund, lehnt solche Klauseln ab.

"Es werden ähnliche Anreize gesetzt, wie man sie aus der übrigen Wirtschaft kennt. Und da ist natürlich die Zielgröße immer wieder der Gewinn. Das kann im Krankenhaus nicht das Ziel sein. Das ist eine Annäherung der Medizin an industrielles Verhalten – und da soll man den Anfängen wehren."

Jeder zweite Chefarzt unterschreibt inzwischen einen Neuvertrag mit Bonus-Vereinbarungen, berichtet die Unternehmensberatung Kienbaum. Und auch Ober- und Fach- und Assistenzärzte ziehen nach. Gut für den Geldbeutel, aber womöglich nicht gut für den Patienten.

Wenig Kontrollmöglichkeiten für den Patienten

Nur wenige Ärzte haben den Mut, aus diesem System auszusteigen. Steffen Oehme, Orthopäde und Unfallchirurg in Eckernförde tat es. Er wechselte das Krankenhaus, weil er keinen Vertrag unterschreiben wollte, der sein Gehalt an Operationszahlen knüpfte.

"Ich denke, dass ärztliche Handeln wird durch solch einen Vertrag ganz erheblich eingeschränkt, weil man ja unweigerlich bei jeder Indikationsstellung für eine OP, mit jeder Behandlung überlegt: Wie ist das mit der Wirtschaftlichkeit des Krankenhauses zu vereinbaren? Und die Medizin wird in den Hintergrund gedrängt."

Kasse machen mit Patienten – der Gesetzgeber wollte dem einen Riegel vorschieben. Im vergangenen Jahr änderte er das Sozialgesetzbuch. Paragraf 136a verbietet seitdem, einzelne medizinische Leistungen zu vergüten.

In der Praxis bringt das Gesetz allerdings kaum etwas, denn weder sieht es Kontrollen der Verträge vor, noch gibt es Strafen für die, die sich nicht daran halten. Und der Patient wird völlig allein gelassen. Denn er hat kaum eine Möglichkeit herauszufinden, welches Krankenhaus seinen Ärzten solche Boni zahlt. 

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