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Interview / Archiv | Beitrag vom 07.07.2010

Gesundheitsökonom erwartet stärkere Belastung der Versicherten

Stefan Greß: Gesundheitsminister Philipp Rösler ist zu optimistisch

Stefan Greß im Gespräch mit Hanns Ostermann

Kassenpatienten müssen künftig tiefer in die Tasche greifen, damit das Gesundheitssystem finanzierbar bleibt. (Stock.XCHNG / Sanja Gjenero)
Kassenpatienten müssen künftig tiefer in die Tasche greifen, damit das Gesundheitssystem finanzierbar bleibt. (Stock.XCHNG / Sanja Gjenero)

Der Gesundheitsökonom Stefan Greß erwartet nach den Koalitionsplänen zur Gesundheitsreform neue Finanzlöcher. Bei der Reform handele sich - anders als von Gesundheitsminister Philipp Rössler behauptet - nicht um den Anfang einer dauerhaft soliden Finanzierung des Gesundheitssystems, sagte der Professor der Hochschule Fulda.

Hanns Ostermann: War das jetzt die große strukturelle Reform, oder wurde wieder einmal an Symptomen herumgedoktert? Parteien und Wohlfahrtsverbände beurteilen die Ergebnisse der Gesundheitsreform höchst unterschiedlich. Von einer "Lizenz zum unbegrenzten Abkassieren der Versicherten" spricht der Paritätische Wohlfahrtsverband, von "Wortbruch" SPD und Bündnis-Grüne. Der zuständige Minister dagegen, Philipp Rösler von der FDP, äußerte sich zufrieden.

O-Ton Philipp Rösler: Wir hatten einmal die Aufgabe, das kurzfristige Defizit für das Jahr 2011 auszugleichen und gleichzeitig über die Finanzreform den Einstieg in ein dauerhaft solides, tragfähiges Finanzierungssystem in der gesetzlichen Krankenversicherung zu wagen. Beides ist gelungen!

Ostermann: Stimmt das wirklich? – Darüber möchte ich mit Professor Stefan Greß sprechen. Er ist Gesundheitsökonom an der Hochschule Fulda. Guten Morgen, Herr Greß!

Stefan Greß: Guten Morgen, Herr Ostermann.

Ostermann: Sind Sie auch so optimistisch wie Philipp Rösler? Also ist das der Anfang einer, ich zitiere, "dauerhaft soliden Finanzierung des Gesundheitssystems"?

Greß: Nein, sicher nicht. Also die Einschätzung des Ministers, die wir gerade gehört haben, ist aus meiner Sicht deutlich zu optimistisch. Man muss ein bisschen trennen zwischen den kurzfristigen und den eher mittel- bis langfristigen Maßnahmen. Kurzfristig ist der Regierung eine Beitragssatzerhöhung eingefallen, die Arbeitnehmer und Arbeitgeber gleichermaßen belastet, kombiniert mit kurzfristigen Kostendämpfungsmaßnahmen, wobei beispielsweise die Apotheker, wie ich gesehen habe, ausgenommen wurden. Aber echte Strukturreformen sowohl auf der Einnahmen- als auch auf der Ausgabenseite sind ausgeblieben, sodass es über kurz oder lang, wahrscheinlich eher über kurz, zu neuen Finanzlöchern kommen wird, und dann kommen wir zu den langfristigen Maßnahmen. Zukünftig werden ausschließlich die Versicherten über die Zusatzbeiträge die Ausgabenzuwächse verkraften müssen.

Ostermann: Die Zeche zahlen die Versicherten. – Worin hätte für Sie ein wirklicher Systemwechsel bestanden, wobei ein Baustein allein ja sicherlich nicht ausreicht?

Greß: Das ist richtig. Aus meiner Sicht brauchen wir keinen Systemwechsel. Wir brauchen sowohl auf der Einnahmen- als auch auf der Ausgabenseite aber ein Paket, ein sozial ausgewogenes und auch konsistentes Paket von Maßnahmen, um die gesetzliche Krankenversicherung zukunftssicher zu machen. Auf der Einnahmenseite aus meiner Sicht würde dazu beispielsweise gehören, auch höhere Einkommen stärker zur Finanzierung heranzuziehen, also diejenigen Beschäftigten, die ein Einkommen jenseits der Beitragsbemessungsgrenze haben, diejenigen Versicherten, die Vermögenseinkommen haben, und auch die privat Versicherten, die sich ja zumindest teilweise aus der gesetzlichen Krankenversicherung, aus der Solidargemeinschaft der gesetzlichen Krankenversicherung verabschieden können.
Und auf der Ausgabenseite wären aus meiner Sicht Maßnahmen nötig gewesen, um beispielsweise den Krankenkassen mehr Instrumente an die Hand zu geben, um das System insgesamt effizienter zu machen. Beides, sowohl auf der Einnahmen- als auch auf der Ausgabenseite, ist nicht geschehen.

Ostermann: Ich möchte noch bei uns, den Versicherten bleiben, damit bei der Ausgabenseite. Es ist ja immer recht einfach, mit dem Finger auf andere zu zeigen. Wo könnten wir sparen?

Greß: Die Versicherten selbst haben insgesamt (oder die Patienten insgesamt) haben relativ wenig Möglichkeiten, das System zu steuern. Wenn wir beispielsweise mal die private Krankenversicherung heranziehen, das ist ja ein System, das ausschließlich darauf ausgerichtet ist, dass die Versicherten, die Patienten Verträge mit den Krankenversicherungen haben, dann zum Arzt gehen und hoffen, dass das irgendwie durch Kostenerstattung und Rechnungen, dass der Versicherte und der Patient draufschaut. Die Erfahrung zeigt aber, dass das nicht gut funktioniert. Wenn ich krank bin und Patient bin, dann möchte ich gesund werden und habe kein Interesse daran, das System zu steuern insgesamt. Deswegen wäre mein Ratschlag, stärker über die Anbieterseite zu gehen, über starke Krankenversicherungen und Krankenkassen, die Alternativen für die Versicherten und die Patienten zur Verfügung stellen. Beispielsweise Selbstbeteiligung – das ist ja auch immer wieder in der Diskussion; da zeigt die internationale Erfahrung, dass die zwar wirken, die Patienten nehmen weniger Leistungen in Anspruch; da ist aber auch dann immer viel dabei, was sinnvoll gewesen wäre. Die Patienten schaffen das einfach nicht, in der schwierigen Situation des Krankseins zu unterscheiden, was Sinn macht und was nicht Sinn macht.

Ostermann: Völlig klar. – Ganz generell: die Gesellschaft wird älter, die Medizin immer besser. Heißt das eigentlich zwangsläufig auch, dass gute Medizin immer teurer werden muss?

Greß: Sicher, das System wird insgesamt teurer. Das hat damit zu tun, dass wir immer älter werden, dass die Lebensqualität auch im Alter steigt, dass viele Krankheiten zwar nicht heilbar sind, aber doch zumindest der frühzeitige Tod vermieden werden kann und damit auch die chronischen Erkrankungen steigen. Das heißt, es gibt schon einen Ausgabendruck, der unvermeidbar ist. Aber wir wissen auch, dass viele Leistungen im Gesundheitssystem finanziert werden, die keinen, oder nur einen sehr geringen Zusatznutzen bringen, aber sehr, sehr hohe Zusatzkosten, beispielsweise bei Arzneimitteln, aber auch bei vielen technologischen Verfahren, bildgebenden Verfahren, und da ist noch viel, viel Luft im System. Das heißt, Gesundheit wird sicherlich nicht teurer, aber sie muss nicht so teuer sein, wie sie im Moment ist.

Ostermann: Professor Stefan Greß, Gesundheitsökonom an der Hochschule in Fulda. Herr Greß, ich danke Ihnen für das Gespräch.

Greß: Gerne!

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