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Nachspiel / Archiv | Beitrag vom 08.06.2014

GesundheitDie zweite Chance

Sport nach einer Organtransplantation

Von Fritz Schütte

Symbolbild Volleyball (picture alliance / dpa /  Roman Kruchinin/RIA Novosti)
Franziska Liebhardt spielte bis zu ihrer Operation Volleyball. (picture alliance / dpa / Roman Kruchinin/RIA Novosti)

Franziska Liebhardt ist 31 Jahre alt. Was so alltäglich klingt, ist in ihrem Fall nicht selbstverständlich. Sie spielte Volleyball in der Regionalliga, bis sie merkte, dass sie relativ schnell außer Atem kam. Die Ärzte diagnostizierten eine Autoimmunerkrankung, die bereits die Lunge angegriffen hatte, und setzten sie auf die Warteliste für eine Organspende.

"Mein Name ist Franziska Liebhardt. Ich bin 31, bin Leichtathletin, mache Kugelstoßen und Weitsprung."

"Mein Name ist Peter Hellriegel. Ich betreibe alle möglichen Sportarten, habe viele Jahre Handball gespielt, fahre Kajak, fahre Mountainbike, Rennrad, spiele Tischtennis."

Und das sind Chantal Bausch ...

"... ich spiele Tennis, Golf und primär eigentlich Hockey. Da spiele ich in der Regionalliga..."

... und Nehar Nurlu ...

"...ich bin spezialisiert auf die Mittelstrecken, 400, 800, 1500 Meter, mache auch gerne mal Speer und Diskus."

Die vier gehören zum "Team Deutschland" und haben schon einige Medaillen gewonnen.

Ein Wettlauf mit dem Tod

Niemand sieht es ihnen an, aber es grenzt an ein Wunder, dass sie überhaupt noch leben.

"Ich war sehr sportlich als Kind und habe dann mit elf auf einmal Probleme gehabt, Treppen zu steigen. Und da wurde sofort festgestellt, dass ich etwas mit dem Herzen habe, also eine Herzmuskelentzündung. Der Chefarzt kam dann zu meinen Eltern und hat denen gesagt, dass ich wahrscheinlich die Nacht gar nicht überleben würde. Und in einer Not-OP habe ich dann ein Kunstherz implantiert bekommen. Und damit wurde ich dann automatisch auf die Warteliste gesetzt für ein Spenderherz."

"Bei einem Routinebesuch bei meinem Arzt wurden die Leberwerte abgenommen, und am nächsten Tag wurde ich angerufen und gefragt, ob ich in letzter Zeit öfter Alkohol getrunken hätte. Das hat mich sehr erstaunt, weil es nicht so war. Man hat mich dann genau untersucht und hat dann festgestellt, dass ich eine Autoimmunerkrankung habe, die das Gallengangsystem der Leber schädigt."

"Ich habe mich mit Hundebandwürmern infiziert. Und die haben sich dann in der Leber eingenistet. Die Leber schmerzt ja nicht, die tut auch nicht weh. Ich fühlte mich nur ein bisschen matt und hatte auch keinen Appetit. Dann bin ich mal zur Routineuntersuchung gegangen. Und dann hat der Arzt das festgestellt per Ultraschall. Das ist so wie so ein großer Ball, Durchmesser zwölf bis 13 Zentimeter. Und dann hat man mir die Hälfte der Leber herausoperiert. Ich habe mich dann auch gut gefühlt. Und nach ungefähr zwei, drei Monaten fingen dann erst recht die Probleme an. Ich hatte Gelbsucht, Schüttelfrost, und dann muss man halt zusehen, dass man eine neue Leber kriegt. "

"Ich musste dann regelmäßig in die Klinik, um diese Gallengänge aufweiten zu lassen, bis ich dann eine Blutung in der Speiseröhre hatte. Das war dann der Zeitpunkt, zu dem die Erkrankung soweit fortgeschritten war, dass klar war, dass ich auf die Warteliste für einen neues Organ muss."

"Die haben mir also klipp und klar ins Gesicht gesagt: Herr Nurlu, Sie haben, wenn es gut geht noch ein halbes Jahr zu leben. Wir setzen Sie auf die Transplantationsliste, damit Sie halt eine neue Leber bekommen. Ansonsten haben Sie keine Chance."

"Eine Arbeitskollegen von mir hat festgestellt, dass die Fingernägel so ein bisschen blau verfärbt waren. Und dann hat man das eher so zufällig festgestellt, dass das eine Lungenerkrankung ist, die zu dem Zeitpunkt wohl auch schon länger bestanden hat."

"Als die Diagnose festgestellt wurde, dass die Lungen krank ist, war noch nicht von einer Transplantation die Rede. Man hat versucht, das mit Medikamenten erstmal in den Griff zu kriegen, und irgendwann hat man dann gesagt: „Die Transplantation ist die einzige Chance, die Krankheit zu überleben." Und da hat der Arzt zu mir gesagt in dem Gespräch: „Also, in einem Jahr sind sie tot, wenn sie kein Organ kriegen."

"Es war zu dem Zeitpunkt schon klar, dass es sehr wenige Organe gibt in Deutschland, und dass es jetzt mehr oder weniger so einen Wettlauf mit dem Tod gibt. Drei Monate Lebenserwartung war das, was die Ärzte mir noch zugetraut haben."

"Und es war klar, dass es jetzt nicht so sein würde, dass übermorgen das Telefon klingelt und einer sagt: "Ich habe eine Lunge für dich." Es war schon klar, dass das schwierig wird, überhaupt ein Organ rechtzeitig zu bekommen."

Täglich sterben in Deutschland drei Schwerkranke, weil sie vergeblich auf ein Spenderorgan gewartet haben," heißt es in einer Erklärung der Deutschen Stiftung Organtransplantation. „Die meisten Menschen in Deutschland sind zwar zur Organspende bereit, aber nur jeder Vierte hat einen Organspendeausweis ausgefüllt.

"Und ich hatte Glück. Zwei oder zweieinhalb Wochen später bekam ich den Anruf: Herr Nurlu, wir haben eine passende Leber für Sie, und Sie werden gleich abgeholt und zum Flughafen gebracht, und dann werden Sie da noch einmal abgeholt." Und so war es auch."

"Der richtige Klassiker. Dreiviertel ein Uhr nachts. Das Telefon klingelt. Uniklinik Heidelberg. Wir haben ein Organ für Sie. Möchten Sie es haben?"

"Dann sind wir losgefahren nach Heidelberg. Nachts drei Uhr, die Autobahn war leer. Wir wurden direkt in Empfang genommen von der Dienst habenden Ärztin. Ich musste noch zu verschiedenen Untersuchungen. Und dann gegen fünf Uhr kam ein Krankenwagenfahrer an mit einer Styroporbox und der Aufschrift: human organ inside. Und der verschwand im Arztzimmer. Kurz darauf kam ein Arzt heraus und hat meine neue Leber dann in den OP gebracht, wo noch mal alles untersucht wurde. Und eine halbe Stunde später war dann ich dran."

"Ja, und dann wurdest du ... quasi ... wurdest du dann narkotisiert."

"In der Nacht von Sonntag auf Montag wurde ich geweckt. Da hieß es dann, es wäre ein Herz da. Und dann wurde ich in den OP-Saal geschoben, oder in einen Vorraum. Und dann passierte aber nichts. Ich lag da fünf Stunden alleine, und dann wurde mir gesagt, dass das Herz doch nicht passen würde. Und dann war natürlich erstmal eine große Verzweiflung da, weil man nicht wusste, ob man wieder so schnell ein Angebot bekommen würde oder, ja, wie lange es dauert."

Ein Gefühl wie neu geboren

"Zwei Tage später war aber ein sonniger Tag, und da kam mein Lieblingsarzt rein und hat mir gesagt, dass wieder ein Herz da wäre. Und da hat von der Stimmung und vom Gefühl hat alles schon im Vorfeld gepasst. Und das Herz wurde dann schlussendlich auch genommen."

"Am Anfang habe ich es gemerkt, dass ich nicht mehr gut Treppen steigen konnte, dass ich halt schnell aus der Puste war. Ein paar Monate später konnte ich gar nicht mehr gehen, oder dann eben gar nicht mehr sitzen am Schluss, nicht mehr sprechen, nicht mehr essen. Also, ganz zum Schluss war ich auf der Intensivstation und wurde künstlich beatmet. Da ging gar nichts mehr. Und es war wirklich auch so auf dem letzten Drücker mit dem Organ."

"Dann wurde ich operiert und bin auf die Intensivstation gekommen und erst ein bisschen später aufgewacht, nach zwei Wochen."

"Ich lag in einem Bett. Ich sah vor mir verschwommen eine weiße Gestalt, und die hat auch direkt gemeint: „Herr Hellriegel, die Operation ist gut verlaufen. Das Organ arbeitet hervorragend. Alles ist gut. Das war das Erste, was ich gehört habe, und dann war ich erstmal wieder weg."

"Ich habe nur gesehen: so viele Schläuche, so viele Geräte. Und es tat natürlich alles weh."

"Und von da an ging das aber ziemlich schnell bergauf. Und als ich dann auf die normale Station verlegt wurde, wurde mir irgendwie gefühlt täglich ein neuer Schlauch gezogen. Das war dann so ein wahnsinniges neues Gefühl von Freiheit."

"Die ersten Tage nach der Operation waren noch ziemlich heftig. Da hatte man Entzug von diesen Medikamenten, die einen im Koma halten. Und so ab dem dritten, vierten Tage habe ich einfach jeden Tag gemerkt, wie es aufwärts ging. Und ich war noch zwei Wochen nach der OP noch nachbeatmet über so einen Luftröhrenschnitt. Also, da habe ich es noch nicht so gut gespürt, wie gut die neue Lunge arbeitet. Aber nach zwei Wochen haben die diesen Luftröhrentubus entfernt, und dann ist das natürlich wie neu geboren. Dann kam man auf einmal tief durchatmen, was ich ja Monate vorher gar nicht mehr konnte. Da habe ich erstmal Rotz und Wasser geheult. Das ist natürlich schon ein heftiges Gefühl, Glücksgefühl."

"Direkt nach der Transplantation war für mich das Frappierende, wie viel Energie dieses gesunde Organ wieder in meinen Körper pumpt. Direkt hinterher habe ich angefangen, einmal ums Quadrat zu laufen, zweimal ums Quadrat, größere Spaziergänge zu machen, dann die Walkingstöcke herauszuholen, größere Runden zu drehen. Und irgendwann konnte ich dann auch wieder einigermaßen ordentlich Rad fahren und auch wieder laufen richtig, und habe dieses Sich-Bewegen-Können ganz klar wahrgenommen als wichtiger Teil des Lebens."

"Ich habe dann ungefähr ein halbes, dreiviertel Jahr gewartet, und dann habe ich ganz langsam angefangen, ja, laufen kann man nicht sagen, aber zu joggen, beziehungsweise zu gehen. Und seitdem habe ich die sportlichen Aktivitäten dann immer ein bisschen erweitert, erweitert und erweitert. Und ich fühle mich richtig gut."

Nach einem Dreivierteljahr schon zum Hockeytraining

"Nachdem ich dann so ein bisschen die Grundkondition aufgebaut hatte, hatte ich dann gedacht, es wäre schön, mit meinen alten Mannschaftskollegen wieder weiterzumachen. Ich bin dann, glaube ich, so ein dreiviertel Jahr nach der Transplantation wieder zum Hockey gegangen und mit Rücksicht auf meine noch nicht ganz wieder hergestellte Konditionen erstmal ins Tor gegangen. Das hat mir dann aber gleich so gut gefallen, dass ich bis jetzt auf der Position geblieben bin."

"Ich habe vorher Volleyball gespielt, und das wollte ich nach den Transplantationen, - ich bin lungen- und nierentransplantiert -, nicht mehr so machen, weil die Verletzungsgefahr einfach höher ist beim Volleyball als jetzt bei einem Einzelsport wie Leichtathletik und weil es auch mit dem Training zusammenhängt. Wenn man eine Mannschaftsportart macht, dann hat man natürlich auch eine gewisse Verpflichtung der Mannschaft gegenüber, regelmäßig da zu sein und nicht so oft auszufallen und so weiter. Und das wusste ich am Anfang nicht, wie oft ich ausfalle, wie belastbar ich überhaupt bin. Und dann habe ich mich für eine Einzelsportart entschieden, weil dann ist es nur mein Problem, wenn ich ausfalle, und nicht das Problem einer Mannschaft oder so."

"Wenn ich im Schwimmverein zum Beispiel sehe, da bin ich jetzt in meiner Schwimmgruppe der einzige Transplantierte, da schwimme ich gut mit bei den anderen. Wenn wir längere Bruststrecken schwimmen oder Sprints in dem Bereich machen, da kann ich durchaus mit einigen mithalten, die auch zehn Jahre jünger sind."

"Wenn ich jetzt zum Beispiel aus dem ruhigen Sitzen lossprinten würde, merkt mein Herz sozusagen verzögert, dass es jetzt schneller schlagen müsste. Und wenn ich dann laufe, schlägt es proportional zu der Leistung, die mein Körper quasi schon bringt, zu langsam, und dann bekomme ich immer ein bisschen Luftnot. Und deshalb wärme ich mich länger auf. Also, ich fange langsamer an und brauche ein bisschen länger, um es quasi auf Hochtouren zu bringen. Aber im Leistungsbereich habe ich dann keine Grenze."

"Ich bin in einer Gruppe mit gesunden Sportlern. Ich bin die einzige Behinderte in unserem Verein, aber gut integriert. Ich trainiere die normalen Trainings mit von der Werfergruppe. Aber wir machen zwei- bis dreimal die Woche Einzeltraining zusätzlich zu dem, was die anderen noch machen."

"Natürlich kann ich mich nicht mit den Kollegen hier messen. Das geht einfach nicht. Die nehmen keine Tabletten. Das heißt, die können voll trainieren. Sagen wir mal so: Letzter werde ich nicht. Irgendwo im letzten Drittel komme ich an. Aber man kann da nicht mithalten. Das geht gar nicht."

1960 gelang die erste Nierentransplantation, 1967 wurde erstmals ein Herz verpflanzt und 1985 sogar eine Lunge. Im Rampenlicht standen Chirurgen, aber ohne die Entwicklung der Pharmazie wären ihre Erfolge gar nicht möglich gewesen.

"Ich muss ein Leben lang so genannte Immunsuppressiva nehmen. Das sind Tabletten, die mein Immunsystem unterdrücken, damit quasi dieses Fremdorgan nicht abgestoßen wird."

"Ich muss immer noch Medikamente nehmen im 24- oder 12-Stunden-Rhythmus, Immunsuppressiva. Und die Ärzte haben auch gemeint, die nächsten 60 Jahre müsste ich das noch machen. Dann wäre ich 110, und dann würden wir mal weiter sehen."

Sport als Therapie

"Ich nehme am Tag 18 Tabletten, morgens zehn und abends acht. Die wichtigsten sind die so genannten Immunsuppressiva. Die sorgen dafür, dass das Immunsystem heruntergefahren wird, damit das Organ nicht abgestoßen wird, weil das lebenslänglich vom Körper als fremd angesehen wird. Wenn das Immunsystem zu stark wäre, würde es abgestoßen. Und das ist ja genau das, was man vermeiden möchte."

"Es ist zum Beispiel eine Nebenwirkung der Medikamente, dass die Muskulatur abgebaut wird."

"Diese Tabletten haben natürlich Nebenwirkungen, klar. Etwas Zittern am Anfang, dann Bluthochdruck, und diese Tabletten greifen auch gerne die Niere an. Dann habe ich sofort gefragt: "Ja, was kann man dagegen machen?" Ich will ja jetzt nicht noch mal Medikamente nehmen. "Das beste wäre, wenn Sie sich irgendwie betätigen, irgendwie sportlich aktiv sind, dann kriegen Sie vielleicht so die Nebenwirkungen ein bisschen runtergedrückt."

"Im Krankenhaus wurde mir gesagt, ich muss auf jeden Fall Sport machen. Am besten Ausdauersport.

"Also ich sage oft so als Witz, dass, wenn ich früher so viel trainiert hätte, wie ich es heute tue, also auch Krafttraining und so, da wäre ich wahrscheinlich so ein Schrank."

"Was habe ich früher gemacht? Zweimal die Woche wäre ich Joggen gegangen, vielleicht einmal die Woche Schwimmen. Irgendwie so was. Aber auf keinen Fall so wie jetzt, nein, auf keinen Fall. Das ist ja schon profihaft. Das sind ja tatsächlich fünf- bis sechsmal die Woche. Ich will es aber auch so, weil mir das halt gut tut."

"Was ich im Moment sehr intensiv mache, Ist Schwimmen, zweimal die Woche auf jeden Fall Schwimmtraining. Laufen müsste ich jetzt mal anfangen, weil in einigen Wochen wieder Meisterschaften sind. Ich spiele auch Tennis einmal die Woche noch und bin jetzt nicht in einem ganz schlechten Zustand, aber es könnte natürlich immer besser sein."

Deutsche Sportvereinigung für Organtransplantierte

1982 wurde der Deutsche Sportverein für Nierentransplantierte gegründet und fünfzehn Jahren später in Deutsche Sportvereinigung für Organtransplantierte umbenannt. Heute heißt er "TransDia", denn auch Dialysepatienten dürfen an Meisterschaften teilnehmen.

"Irgendwie habe ich auf Facebook etwas gelesen von einer transplantierten Person, mit der ich mich befreundet hatte, von den österreichischen Skimeisterschaften."

"Ich war zur Untersuchung, und da habe ich das per Zufall in so einem Prospekt gelesen: Deutsche Meisterschaften der Transplantierten."

"Und dann bin ich da einfach mit meiner Mutter zusammen hingefahren. Und es war einfach so eine wahnsinnige Stimmung. Und da wurden wir dann aufgeklärt, was es überhaupt alles gibt und was man machen kann. Und jetzt bin ich voll aktiv."

"Mein Leben sieht jetzt so aus, dass ich viermal die Woche trainiere und zur Vorbereitung auf die Europa- oder Weltmeisterschaften sind das ganz locker fünf- bis sechsmal in der Woche."

"Wenn ich schon den Trainingsaufwand betreibe, ist es auch schön, wenn man auch Wettbewerbe hat, wo man sich messen kann. Mir geht es immer gar nicht so sehr um die Platzierung, sondern ob ich mit der Leistung zufrieden bin."

"2004 habe ich hier angefangen, erstmal in Köln so kleinere Wettkämpfe zu machen, um überhaupt zu sehen: wie ist das denn?"

"Dann bin ich über Pfingsten zu den Deutschen Meisterschaften nach Stendal gefahren, und da habe ich Golf gespielt, 100-Meter-Sprint und Weitsprung gemacht und drei Mal Gold gewonnen. Das war natürlich ein super Einstieg, und da war die Motivation natürlich auch riesig weiterzumachen."

Alle zwei Jahre werden Europäische Spiele der Organtransplantierten und Dialysepatienten ausgetragen im Wechsel mit den Weltspielen.

"Nach so einer schweren Krankheit nehmen sich viele Menschen vor, ihr Leben zu ändern. Und oft bleibt es dann ein Vorsatz, den man fasst, solange man in dieser Akutphase drinnen ist. Und später kommt man in seinen alten Trott wieder herein, in seinen alten Lebensrhythmus, und die guten Vorsätze werden vergessen, wie es den Menschen ja auch an Neujahr immer geht."

Gänsehaut und Emotion pur

"Ich wollte zusammen mit meiner Frau nach Australien fliegen. Und dann wurde meine Frau schwanger, und das Projekt wurde verschoben. Dann kam die zweite Tochter, dann kam meine Krankheit, dann die dritte Tochter, und Australien war eigentlich vergessen. Und als es dann hieß, es sind Weltmeisterschaften in Australien, habe ich meine Frau angeguckt und gesagt: "Wenn wir das jetzt nicht machen, dann kann man diese ganzen Vorsätze auch wieder in den Eimer kicken." Und dann haben wir zwei Jahre Zeit gehabt zu sparen, zu planen und sind dann mit Sack und Pack, spricht mit unseren drei Mädels, 2009 nach Australien geflogen und haben diesen Traum dann wahr gemacht."

"Das erste Mal, 2005, bei den Weltmeisterschaften in Kanada, oh, da kann ich dir sagen: das war richtig aufregend, also ich habe so etwas noch nie erlebt."

"Im letzten Sommer war ich in Durban in Südafrika bei den Sommerweltmeisterschaften für Transplantierte, und im Januar war ich in Frankreich bei den Winterweltmeisterschaften."

Goldgewinn trotz aller Widerstände

"Ich war 2011 bei den Weltmeisterschaften der Transplantierten in Schweden. Und da waren eben 2000 Teilnehmer aus allen Ländern, Neuseeland, Australien, da war wirklich alles dabei. Und du hast da geguckt, links und rechts, die hatten alle irgendetwas, alle sind irgendwie transplantiert gewesen. Und das war wie eine große Familie. Emotion pur, Gänsehaut."

"Und das ist schon auch toll. Und jeder hat so seine eigene Geschichte, die mit der eigenen Geschichte dann natürlich zum Teil auch ähnlich ist."

"Ich hatte auch im Vorfeld ein bisschen Angst, als ich zu dem ersten Event gefahren bin, dass das jetzt so eine Selbsthilfegruppe wird, wo alle von ihren Geschichten erzählen und sich ein bisschen austauschen möchten. So ist das aber eigentlich gar nicht. Natürlich tauscht man sich aus, welche Tabletten man nimmt, was man für Erfahrungen hat. Aber da steht einfach das Positive im Vordergrund."

"Eröffnungsfeier und Abschlussfeier. Das kann man nicht vergessen."

"Diese Tatsache, dass eigentlich alle etwas Negatives erfahren haben und dieses wahnsinnige Schicksal haben, vereint uns einfach. Und dabei ist die Stimmung aber auch extrem positiv, weil die Menschen nach vorne schauen und nicht nach hinten gucken, und mit einer unglaublichen Lebensfreude dabei sind. Und das, ja, das wirkt sich dann auf die Grundstimmung dieser Events immer aus, und deswegen ist es toll, ein Teil davon zu sein."

"Ja, und das erste Mal dann dabei zu sein, und dann auch noch Gold zu gewinnen, das war der Höhepunkt. Also, das war richtig klasse."

"In Fernsehen war von den Wettbewerben nichts zu sehen. Die Aufmerksamkeit, die Teilnehmern der Paralympics und ihren Leistungen zuteil wird, bleibt transplantierten Sportlern versagt."

"Wir sind hier in dem Sinne nicht behindert, nur organtransplantiert. Und so ist es auch bei den Paralympics zum Beispiel. Die Leute, die haben irgendwas amputiert, und wir ja nicht."

"Ich glaube, unser Problem ist ein bisschen, dass wir quasi als Gesunde wahrgenommen werden. Andererseits sind wir aber leistungsmäßig nicht auf dem Stand von gesunden Leuten. Wir stehen so ein bisschen zwischen den normalen Leuten und den Paralympicsteilnehmern. "

"Ich bin im versorgungsrechtlichen Sinne hundert Prozent schwer behindert durch die Transplantationen. Die finden aber beim Sport der Körperbehinderten keine Beachtung, sondern da geht es wirklich um diese klassische Körperbehinderung, also Gehbehinderung und solche Dinge."

Das Glück weitergeben

"Bei den Paralympics ist das Problem, dass dort keine Altersklassen vorgesehen sind. Bei den Transplantierten gibt es auch Altersklassen, so dass dann dort der 60-Jährige durchaus eine Goldmedaille im 100-Meter-Sprint oder im 200-Meter-Freistilschiwmmen holen kann. Und dadurch dann zum Beispiel in seiner Lokalzeitung das Thema in einem Artikel auf eine andere Art und Weise präsentieren kann."

"Ich versuche, meine sportlichen Erfolge zu nutzen, um das Thema an die Öffentlichkeit zu bringen, weil ich einfach den Menschen helfen möchte, die das gleiche Schicksal haben und noch warten."

"Mittlerweile ist es so, dass ich durch den Sport und meine Erfolge auch viel bewegen konnte. Das heißt, man kann nach außen zeigen, man ist transplantiert, das stimmt, aber man ist nicht tot, oder man braucht nicht auf der Couch zu liegen."

"Wir wollen tatsächlich Leute nach Transplantationen animieren, Sport zu treiben, aber das zweite Standbein des Sporttreibens nach Organspende ist ganz klar, das Thema Organspende auf eine ganz andere Art und Weise unter die Leute zu bringen und zu zeigen, dass jemand nach einer Transplantation nicht unbedingt ein Pflegefall ist, sondern mitten im Leben steht und wieder tolle Leistungen erbringen kann."

"Man muss natürlich Glück haben, dass es einem relativ gut geht. Einigen Kumpels von mir geht es nicht so besonders. Da sind die Nebenwirkungen so hoch. Die können kaum trainieren. Deswegen habe ich Glück und will den anderen Leuten sagen: Also, man kann was tun."

"Als ich zur Kontrolle Im Krankenhaus war, habe ich einen Jungen kennen gelernt, der dreieinhalb Jahre war und genau dasselbe hat wie ich. Der hat noch nie in seinem Leben etwas anderes gesehen als das Krankenhaus. Und ich fand das so wahnsinnig ergreifend, dass diesem Jungen nicht geholfen werden kann. Und dann habe ich gedacht, ich hatte so ein unglaubliches Glück und das möchte ich einfach ausnutzen, dass das so positiv verlaufen ist, um Menschen mit dem gleichen Schicksal zu helfen."

Unterstützung erhalten Leistungssportler vom Verein "TransDia", der sich aber auch um Breitensport kümmert, Radtouren und Jugendcamps ausrichtet.

"Das ist der Vorteil bei den Körperbehinderten, dass die eine Unterstützung durch die Stiftung Deutsche Sporthilfe haben. Da werden die Sportler, die im Nationalteam sind, unterstützt. Die bekommen auch monatlich einen Betrag für Trainingsaufwand und Fahrten zu irgendwelchen Wettkämpfen. Und bei den Transplantierten muss man alles komplett selber finanzieren. Wenn man Glück hat, hat man Sponsoren, die das finanzieren."

"Ein Bekannter von mir hat eine große Firma, ist selber nierentransplantiert. Und ich habe bei ihm Gesundheitstage in der Firma mitgemacht, habe dort einen Infostand gehabt zum Thema Organspende, habe mit Leuten über das Thema gesprochen, und im Gegenzug hat er mich dann ein wenig unterstützt für solche internationalen Wettkämpfe."

Die Sparkasse als Sponsor

"Vor zwei Jahren fing es an, dass das Gesundheitsministerium mich unterstützt, finanziell unterstützt. Ich reiche die Reisekosten ein und bekomme einen Teil dann wieder. Und alles andere hat man halt selber gespart."

"Die Sparkasse ist mein treuester Sponsor. Von denen bekomme ich eigentlich immer einen relativ hohen Betrag. Und ein Sanitätshaus in Würzburg, die solche Orthesen bauen, ist natürlich noch ganz interessant. Das sind oft kleine Beträge, aber das läppert sich dann zusammen."

"Ich habe die Unterstützung meiner Eltern, für die ich sehr dankbar bin. Und materiell habe ich mir dann ein lokales Sporthaus gesucht, die mich unterstützen. Die haben mir Skier zur Verfügung gestellt, die ganze Ausrüstung, also, Helm, Brille, alles, was man da so benötigt."

"Die freuen sich natürlich, wenn man gut platziert ist, weil dann landet man ja auch in der Zeitung, in den Medien und so. Aber das ist keine Voraussetzung, um Geld zu kriegen."

"Ich hoffe nur, dass die Leute darauf aufmerksam werden, dass die Leute auch mal zuhören, dass sie sich entscheiden, einen Organspendeausweis auszufüllen. Sie können auch Nein sagen. Aber wichtig ist für mich, dass die Leute sich Gedanken machen. Und das ist das, was ich mit meinem Sport erreichen will. „Leute, denkt darüber nach! Es kann jeden treffen."

"Das Problem ist ja in Deutschland: es kümmert sich keiner um das Thema, weil jeder denkt, Punkt 1, ich werde nicht krank, Punkt 2, wenn ich krank werde, werde ich schon irgendwoher ein Organ bekommen. Aber da man Organ noch nicht am Fließband produzieren kann, geht die Rechnung nicht auf."

"Das ist in Deutschland leider so, dass es meist auf den letzten Drücker klappt. Das liegt einfach an der Organknappheit in unserem Land, dass es zu wenig Spender gibt und zu wenige Spenderorgane. Das ist halt so, dass die Leute auf den allerletzten Drücker noch was kriegen oder halt versterben auf den Wartelisten."

"Die klassische Vorstellung, die man hat: da ist ein Motorradfahrer, der sich um den Baum wickelt, und dann kommt der Krankenwagen, und ein Arzt stellt fest: "Oh, der ist tot, aber noch warm, den nehmen wir jetzt mal mit, dem entnehmen wir die Organe." Das ist Quatsch. Dieser Mensch ist tot und kommt nicht als Organspender in Frage."

Eine Unterschrift kann Leben retten

"Wenn jemand auf der Intensivstation verstirbt, und es wird dort der Hirntod festgestellt, dann ist ein Moment, wo der Arzt überlebt, die Angehörigen zu fragen, ob sie wissen, ob dieser Mensch ein Organspender hätte sein wollen. Dann werden Untersuchungen angefangen, ob die Organe in Ordnung sind. Und dann muss noch mal ein weiterer Arzt kommen und den Tod dieses Menschen definitiv feststellen. Erst wenn diese Untersuchungen alle gelaufen sind, dann kann dieser Mensch Organspender werden. Also, es sind einige Schritte und Hürden, bis es soweit ist. Und deswegen gibt es nur sehr wenige Organspender auch."

Belgien, Deutschland, Kroatien, Luxemburg, die Niederlande, Österreich, Slowenien und Ungarn haben die Stiftung Eurotransplant gegründet. Je größer das Einzugsgebiet, desto höher die Chancen, ein Organ vermitteln zu können. Das ist bisher in 125.000 Fällen gelungen. Es könnten noch mehr sein, doch leider ist die Spendenbereitschaft im bevölkerungsreichsten Land niedrig.

"Den anderen geht es, was das betrifft, besser als uns."

"In Österreich sind natürlich sehr viel mehr Organe vorhanden als vergleichsweise in Deutschland."

"Und deren Organspendegesetz ist ja ein anderes als unseres. Das heißt, in den meisten europäischen Ländern ist man, wenn man sich nicht ausdrücklich dagegen geäußert hat, ein Kandidat für Organspende."

"Das ist zum Beispiel in Österreich so, das nennt sich Widerspruchslösung... dass man von Geburt an automatisch Organspender ist. Es gibt dann aber die Möglichkeit, dass man, ja, widersprechen kann. Das muss man dann aber dokumentieren. Aber alle, die das nicht tun, sind automatisch Organspender."

"Bei uns zählt nur die Einverständniserklärung. Niemandem soll gegen seinen Willen irgendein Organ entnommen werden oder irgendwelche medizinischen Untersuchung an ihm gemacht werden. Da tragen wir noch ganz schwer an der Last aus der Hitlerzeit, muss ich mal sagen. Österreich hat einen anderen Zugang: Kaiserin Maria Theresia, immer sehr interessiert an Wissenschaft und Medizin, hat irgendwann einmal verordnet, dass jeder Österreicher nach seinem Tod obduziert werden darf, um herauszufinden, woran er gestorben ist, und dadurch auch zu lernen und sich weiterzubilden. Und als dann das Thema Organspende ein aktuelles Thema wurde, war es in Österreich ein kleiner Schritt von dieser Obduktion zur Organspende."

In Israel gilt das Clubmodell

"Das wäre unsere Traumlösung. Alle Leute, die sich für die Organspende einsetzen, hoffen, in der Politik das so zu bewegen, dass sich das deutsche Gesetz auch zur Widerspruchslösung ändert, weil dann diese wahnsinnigen Wartezeiten vermieden werden."

"Also, bei uns sind es ja, glaube ich, 12.000 Menschen, die auf ein Organ warten. Da ist bei den anderen Nationen überhaupt nicht so."

"Ich bin inzwischen sogar schon einem dritten Modell eher zugeneigt, dass in Israel praktiziert wird, das so genannte Clubmodell, dass Menschen die sich als Organspender registrieren lassen im Bedarfsfall, also sprich, sie würden ein Organ brauchen, auf der Warteliste vor alle anderen kommen, die sich nicht registrieren haben lassen. Und in Israel sind dann die Spenderzahlen in zwei Jahren um 30 Prozent gestiegen."

Der Empfänger des Organs erfährt den Namen des Spenders nicht, und dessen Angehörige wiederum erfahren nicht, wer das Organ erhalten hat. Anonymität soll belastende Abhängigkeiten verhindern. Auf Wunsch erfahren die Angehörigen des Spenders lediglich, ob die Transplantation erfolgreich war.

"Das ist so: die dürfen das nicht sagen, woher das kam, wer das war. Und dann habe ich mich auch damit abgefunden. Natürlich denkt man ab und zu an ihn und betet halt, oder sagt danke."

"Ja, kennen lernen? Ich weiß nicht. Ich habe mir natürlich oft vorgestellt, wie die Person gewesen sein könnte."

"Ich weiß, dass das eine junge Frau war, die Spenderin der Lunge, und trage die natürlich in meinem Herzen mit mir, weil sie mir das Leben gerettet hat durch Ihre Spende. Und ich denke mir, dass die sich bestimmt freuen würde, wenn sie jetzt von oben herunter gucken kann und sieht: „Mensch, das hat wirklich noch jemand richtig was gebracht."

"Ich habe erfahren, dass ich eine Spenderin hatte, die ein Jahr jünger war als ich. Ich wollte das gerne erfahren, weil ich auch der Familie einen Brief schreiben wollte, was ich dann auch getan habe. Das ist ein anonymer Brief, der über den Koordinator an diese Familie weitergegeben wird. Aber das ist für mich total okay. Das war mir ein Bedürfnis, meine Gedanken und meinen Background einfach loszuwerden und mitzuteilen."

"Jeder kann in die Situation kommen, ein Organ zu benötigen. Die Wahrscheinlichkeit, dass man in die Situation kommt, eines zu benötigen, ist dreimal so hoch wie die, dass man in die Situation kommt, eines zu spenden. Und in meinem Fall war das ja wirklich von jetzt auf gleich. Ich wurde plötzlich aus dem Leben gerissen und war dann auf ein Spenderorgan angewiesen. Und deswegen ist mein Appell an die Menschen, dass sie sich mit dem Thema auseinandersetzen, sich darüber informieren und dann im besten Fall auch einen Organspendeausweis zulegen, und dass sie sich dann für die Sache entscheiden, weil es auch einfach eine wahnsinnig positive Sache ist. Im Extremfall kann man sogar bis zu sieben Menschen das Leben retten. Und ich denke, dieser Gedanke mit dem eigenen Tod trotzdem sieben Menschen einfach das weitere Leben zu schenken, ist Wahnsinn."

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