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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 25.10.2006

Gestikulierende Literaturkritik in Druckform

Marcel Reich-Ranicki: "Aus persönlicher Sicht. Gespräche 1999 bis 2006", herausgegeben von Christiane Schmidt. Deutsche Verlagsanstalt München, 364 Seiten

Marcel Reich-Ranicki am 18. August 2000 in Salzburg (AP)
Marcel Reich-Ranicki am 18. August 2000 in Salzburg (AP)

Marcel Reich-Ranicki ist mit Abstand der prominenteste deutsche Literaturkritiker, ihn kennen auch Menschen, die gar nichts lesen. Seine Stärke ist die Rhetorik, die Art und Weise, wie er spricht, dabei gestikuliert und grimassiert.

Man muss ihn eigentlich hören und sehen, aber auch gedruckt kann man sich ihn vorstellen: in seiner Leidenschaft, seiner Entschiedenheit und in der unnachahmlichen Tonlage, Gestik und Mimik, die ihn zum Aushängeschild literarischer Öffentlichkeit und prominentesten Kritiker Deutschlands gemacht haben. Marcel Reich-Ranicki ist eine Marke, an der sich aber auch die Geister scheiden. Er wird gleichermaßen verehrt wie gehasst, so mancher Kritiker-Kollege windet sich angesichts seiner apodiktischen Urteile, seine Fehden mit Günter Grass und Martin Walser haben Literaturgeschichte geschrieben, eisern blieb Reich-Ranicki stets bei dieser Maxime: "Deutlichkeit ist die Höflichkeit der Kritiker."

Der vorliegende Band versammelt Gespräche aus den Jahren 1999 bis 2006. Etliche Interviews sind Reich-Ranickis 1999 veröffentlichter, hunderttausendfach verkaufter Autobiographie gewidmet; diese Gespräche ergänzen, kommentieren und reflektieren den autobiographischen Prozess, dessen Probleme dem Kritiker wohl bewusst sind: "Jeder Autobiograph schont sich selbst."

Befragt wird Marcel Reich-Ranicki in der Mehrzahl von Zeitungs- und Zeitschriftenredakteuren, wobei den Auftakt ausgerechnet ein Gespräch mit Dana Horáková bildet, der späteren, umstrittenen Hamburger Kultursenatorin. Sie stellt selten dämliche Fragen, die ihre Herkunft vom Boulevardjournalismus peinlich offensichtlich macht.

Interessant und originell sind dagegen Begegnungen mit Gregor Gysi, Klaus Bölling und Peter Gauweiler, weil sich hier auch politische Temperamente kreuzen und Marcel Reich-Ranicki dementsprechend zu großer Form aufläuft, die sich am Niveau seiner Partner bemisst. Sicher setzt er dann seine berühmten Pointen, steuert peilschnell auf die Schwachpunkte der Argumentation zu. Das ist mitunter großartig und höchst witzig zu lesen. An anderer Stelle merkt man sofort, wenn sich Reich-Ranicki langweilt, dann antwortet er schablonenhaft, fast wegwerfend, man sieht ihn förmlich vor sich, wie er dabei die Augen verdreht.

Weitere zentrale Themen der Gespräche sind das Literarische Quartett, der Kanon der Weltliteratur, den Marcel Reich-Ranicki herausgegeben hat, und - natürlich - immer wieder die großen Namen der Literaturgeschichte. Kernstück des Bandes ist ein 90-minütiges, transkribiertes Gespräch unter dem Titel "Wozu lesen?", das Elke Heidenreich mit dem Kritiker auf der lit.cologne 2005 geführt hat. Hier treffen zwei rhetorische Medienprofis aufeinander, die beide wissen und davon überzeugt sind, dass eine literarische Unterhaltung wortwörtlich zu verstehen ist: als Unterhaltung über Bücher und Autoren - zur Unterhaltung des Publikums. Man wäre gern an diesem Abend dabei gewesen. Aber auch die Lektüre bleibt ein Gewinn.

Rezensiert von Joachim Scholl

Marcel Reich-Ranicki: "Aus persönlicher Sicht. Gespräche 1999 bis 2006"
Herausgegeben von Christiane Schmidt
Deutsche Verlagsanstalt München 2006
364 Seiten, Euro 22,90

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