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Fazit / Archiv | Beitrag vom 05.07.2009

Gespaltener Auftakt

Musikfestival in Aix-en-Provence ist eröffnet

Von Frieder Reininghaus und Jean-François Marza

Dirigent Sir Simon Rattle war in Aix-en-Provence ebenfalls dabei. (AP)
Dirigent Sir Simon Rattle war in Aix-en-Provence ebenfalls dabei. (AP)

Das Musikfestival in Aix-en-Provence, das neben der Pariser Oper als internationales Aushängeschild des französischen Musiktheaters gilt, wurde mit Wagners "Götterdämmerung" und Mozarts "Idomeneo" eröffnet. Für viele Musiker, darunter den Berliner Rundfunkchor, gab es Applaus - für Regisseur Oliver Py dagegen nicht.

Als sich nach einem ausgiebigen Ballett-Appendix gegen 1:20 Uhr der durchscheinende Vorhang in den nachtdunklen Hof der altehrwürdigen Archevêché senkte, eilte nicht nur die Pariser Minister-Riege den im Separee auf Eis wartenden Champagnerflaschen zu. Rasch gab es noch einhelligen Applaus für das fulminante Sänger- und Tänzer-Team, für die Musiciens du Louvre Grenoble und eine Kammerbesetzung des Berliner Rundfunkchors. Nicht aber für den Regisseur Olivier Py.

Der hatte mit pfiffig mobiler Bebilderung und einer kurzweiligen Inszenierung das Stück von Menschenopfer, kretischen Liebeswirren, langwieriger göttlicher Zumutung und schlussendlicher Huld für die Herrschenden plausibilisiert. Py zog mit seinem moderat aktualisierenden Zugriff auf Giambattista Varescos spätbarockes Libretto den Unmut eines Publikums auf sich, das hier offensichtlich nur Musik genießen und einfach mit keinerlei Problemen konfrontiert sein möchte.

Sub specie des Theaters war die Mozart-Nacht trotz der Längen, die einer ohnedies nicht durchgehaltenen Werktreue geschuldet sein mochten, der am Vorabend präsentierten "Götterdämmerung" überlegen. Zur Eröffnung des Festivals hatte sich der Dirigent Simon Rattle und sein mit Ersatzleuten aufgefülltes Berliner Orchester durch den letzten Teil der Wagnerschen Tetralogie bemüht, dabei auf manche schöne Stelle verwiesen und die kompositorischen Unheilsbotschaften immer wieder kräftig krachen lassen. Die halbamtlichen Philharmoniker spielten unter der Flagge der Deutschen Bank, was bei einem Untergangsstück nicht ohne Delikatesse ist. Abgründigkeit oder gar Aura stellen sich jedoch nicht ein.

Stéphane Braunschweig verurteilte die "Götterdämmerung", dies bis heute ungeheure Werk, zur Höchststrafe: Gähnende Langeweile von Anfang an mit anschließender Sicherheitsverwahrung. Ohne Sinn für die Verwerflichkeiten des Stücks. Ohne Verstand für die verstopfte (und weithin kontaminierte) Rezeptionsgeschichte. Das Spiel um die heidnische Libertinage des naiven Helden Siegfried wurde einfach durchgestellt. Als kritiklos zu ertragende Selbstverständlichkeit stand das Usurpatorische der kraft Herkunft zur Herrin prädestinierten germanischen Superfrau an die Rampe: Katarina Dalayman im Negligé, nachdem Ben Heppner sich schon zur letzten Ruhe legte, die teutonisch rachwütige Brünnhilde. Sie blieb sich (und der matt mit Feuerschein spielenden säuberlichen Inszenierung) treu bis zum selbst herbeigeführten Untergang.

So ergab sich eine merkwürdig deformierte Veranstaltung – die Musik hochmotorisiert auf die Strecke, aber durch Glätte um einen Teil ihrer ungebärdigen Kraft gebracht – die Bebilderung dazu mit vorsätzlicher Naivität gegen die Probleme des Werks in Szene gesetzt.

Demgegenüber führte Olivier Pys "Idomeneo"-Inszenierung zunächst in die Katakomben einer modernen Modell-Stadt. Kriegsgefangene oder Migranten werden da zu der unter Marc Minkowskis Händen treffsicher dynamisierten Musik von Maskierten mit Maschinenpistolen drangsaliert. Zwischen den etwa im Maßstab 1:20 vorgestellten fünf in Bau befindlichen Straßenzügen arbeiten sich die Sänger voran – die zartkaffeebraune Sophie Karthäuser als sensible Trojanerprinzessin Ilia, Yann Beuron als ihr Liebhaber und Kronprinz Idamante, Mireille Delunsch als eifersüchtige und suizidgefährdete Prinzessin Elektra, Richard Croft in der Titelpartie – als der aus dem Trojanischen Krieg heimkehrende Kreterkönig Idomeneo, der in Seenot dem Meeresgott Neptun gelobt, den ersten Menschen zu opfern, der ihm im Falle einer unversehrten Rückkehr in der Heimat begegnet (es ist bekanntlich der dem Vater entgegeneilende Idamante).

Die auf Leichtmetallstützen bewegliche Stadtlandschaft Olivier Pys zersetzt sich in Einzelteile. So ergeben sich Podien und Räume für den Chor und die hoch artistisch angelegten Tanzeinlagen sowie die zum Einsatz getragenen Pferde, die zum Halbfinale von vier apokalyptischen Reitern in Beschlag genommen werden. Die Allegorien erscheinen so stimmig wie die obligate Violine, die ihren Part von der Bühne herab bestreitet.

Was wäre mit "Götterdämmerung" und "Idomeneo" weitergehend anzufangen? Erstere könnte uns Männer immerhin lehren, dass wir – um es mit Heinrich Heine zu sagen – günstigstensfalls an der Rachsucht von Frauen zugrunde gehen, denen gegenüber wir zu großzügig waren. Und "Idomeneo" lehrt uns, dass für immer von Menschenopfern Abstand zu nehmen ist, auch wenn sie zwischenzeitlich zum Retten der eigenen Haut als geeignet erscheinen. Vor dieser Zuspitzung schreckte Py zurück. Man sollte es ihm angesichts des diplomatischen Drucks nicht verdenken.

Service

Das Festival in in Aix-en-Provence findet noch bis zum 31. Juli 2009 statt.

Kulturpresseschau

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