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Lesart / Archiv | Beitrag vom 30.03.2008

Gesellschaftstheoretische Brillanz

Heinz Bude: "Die Ausgeschlossenen"

Rezensiert von Reinhard Kreissl

Lebensmittelverteilung an Bedürftige in München (AP)
Lebensmittelverteilung an Bedürftige in München (AP)

Der Autor Heinz Bude wirft in "Die Ausgeschlossenen" einen präzisen soziologischen Blick auf die Gesellschaft. Er balanciert die genaue Beobachtung mit der analytischen Distanz, und so gelingen ihm in den einzelnen Kapiteln immer wieder Vignetten von gesellschaftstheoretischer Brillanz.

Inzwischen dürfte es sich herumgesprochen haben. Die einst viel zitierte nivellierte Mittelschichtgesellschaft ist nicht der kulturell-ökonomische Kulminationspunkt des westlichen Kapitalismus. Viel ist dazu bereits geschrieben worden, manch einer hat es beklagt. Mancher hat auch mit klammheimlicher Freude das Wiedererstarken der Starken begrüßt – wozu also noch ein Buch über die Ausgeschlossenen?

Heinz Bude will sich mit seinem Essay von den üblichen Verdächtigen absetzen. Nachdem er zum Thema bereits bei Suhrkamp einschlägige Beiträge für die sozialwissenschaftliche Expertenschaft herausgegeben hat, schiebt er jetzt bei Hanser die Version für die lesenden und gebildeten Klassen nach.

Das ist gut so und in der Leseanweisung deklariert er sein Anliegen als "öffentliche Soziologie".

"Es geht darum, aus persönlichen Problemen öffentliche Fragen zu machen. Die öffentliche Soziologie unterscheidet sich damit einerseits von einem bestimmten Genre sozialwissenschaftlich informierter Sachbücher, die sich auf den mitfühlenden Rapport persönlicher Problemlagen beschränken, weil ihnen der Begriff für die darin liegenden öffentlichen Fragen fehlt. Sie will sich andererseits aber auch nicht mit der prinzipiellen Erörterung öffentlicher Fragen über den Zustand unseres Zusammenlebens zufrieden geben, die keinen Sinn dafür haben, dass die Dinge, die alle angehen, immer einen Sitz im Leben haben. Die öffentliche Soziologie lässt die schlechte Alternative von Begriffsblindheit und Erfahrungsleere im Blick auf unsere Gesellschaft hinter sich. Sie nimmt das Einzelne auf, um das Allgemeine zu treffen."

Cover von Heinz Bude: "Die Ausgeschlossenen" (Hanser Verlag)Cover von Heinz Bude: "Die Ausgeschlossenen" (Hanser Verlag) Gut gebrüllt Tiger, möchte man dem Autor zurufen. Doch lauert bei solchen Absprüngen voller Pathos immer die Gefahr, letztlich doch als Bettvorleger im Feuilleton zu landen. Bude entfaltet sein Panoptikum der Prekären über gut hundertdreißig Seiten. Vom Abstieg bedroht scheinen so ziemlich alle zu sein, die nicht als Beamter in Lebenszeitstellung mit Pensionsansprüchen und möglichst noch ergänzender Alimentierung durch großherzige Mäzene der Kulturindustrie versorgt sind. Nur jenen ist bis zum sozialverträglichen Ableben in der privaten Seniorenresidenz ein auskömmliches Dasein beschert. Allen anderen möchte man nach der Lektüre von Budes Buch warnend mit Pierre Bourdieu zurufen: précarité est aujourd'hui!

Bude hat den präzisen soziologischen Blick auf die Gesellschaft, und das unterscheidet seinen Text von vielen anderen, hebt ihn wohltuend ab. Er balanciert die genaue Beobachtung mit der analytischen Distanz, und so gelingen ihm in den einzelnen Kapiteln immer wieder Vignetten von gesellschaftstheoretischer Brillanz. Die Menschen auf dem Land in den neuen Bundesländern, die diversen Varianten von Alleinerziehenden, die Jugendlichen, die über 50-Jährigen und alle nicht unkündbar Beschäftigten werden uns als derzeit oder zukünftig irgendwie ausgeschlossen vorgestellt. Das Rundumhafte dieses Schlages gewinnt seinen Charme durch die Liebe zum Detail. Man liest gespannt und wartet, ob die eigene soziale Gattung nicht auch noch in diesem Zoo der Prekären auftaucht.

Als guter Soziologe weist Bude dabei pflichtgemäß auch auf den konstruierten und interessengeleiteten Charakter einschlägiger gesellschaftlicher Diskussionen hin. So ist etwa die durch PISA losgetretene Bildungsdebatte, die in mehr und besseren Bildungsangeboten das Allheilmittel gegen soziale Exklusion sieht, Zielscheibe seiner Kritik:

"Das PISA-Konsortium ist Teil eines bildungsindustriellen Komplexes, der die Bildung der Bevölkerung als Gegenstand von investiven Strategien zur Intensivierung des Humankapitals und zur Veränderung der Lebensweise entdeckt hat. Dazu gehören neben den wissenschaftlichen Experten, die mit neuen Begriffen von Bildung hantieren, politische Unternehmer, die mit dem Bildungsthema Wähler ansprechen, private Anbieter von Schulen, Universitäten und sonstigen Bildungsstätten für das lebenslange Lernen ... die sich mit neuen Werbe-, Steuerungs- und Qualitätssicherungskonzepten hervortun."

Hier spricht vermutlich nicht nur der besorgte öffentliche Soziologe, sondern auch einer, der die halluzinanten Reformen und Qualitätsoffensiven am eigenen Leibe erlebt hat. Mit Blick auf die Bedeutung dieser Offensiven stellt Bude dann ernüchternd fest:

"Wenn Bildung vornehmlich als Hebel zur Lösung sozialer Konflikte und nicht mehr als Ausdruck einer vielstimmigen und vielgestaltigen Gesellschaft voller Missstimmung, Unbehagen und Abgrenzungen verstanden wird, dann hat eine technokratische über eine liberale Gesellschaftsauffassung gesiegt. Es geht hier um den Wahn einer schulischen und erzieherischen Abschaffung von sozialem Ausschluss. Die Widerständigkeit der Betroffenen, ihre Eigenständigkeit als Subjekte und ihr Anspruch auf Subjektivität kommt in diesem Denken nicht mehr vor."

Es ist ein schmaler Grat, auf dem sich solche Analysen bewegen - der goldene Pfad der von Bude propagierten "öffentlichen Soziologie". Auf der einen Seite lauert die Larmoyanz und stellvertretende Betroffenheit, auf der anderen Seite der grimmige Scheinrealismus derjenigen, die immer auf der richtigen Seite stehen. Bude gelingt es, beides zu vermeiden. Allerdings vermeidet er damit auch den Blick über das was ist – das Wort Utopie möchte man hier nicht mehr verwenden. Aber wie wir wissen, ist die Geschichte erfinderisch und das ihr schon mehrmals prophezeite Ende ist bisher nicht eingetreten. Und hier schweigt der öffentliche Soziologe und entlässt seine Leser mit dem Hinweis, dass es einen jeden treffen kann – wem diese Warnung 14 Euro 90 wert ist, der ist mit Budes Essay gut bedient.

Heinz Bude: Die Ausgeschlossenen - Das Ende vom Traum einer gerechten Gesellschaft
Hanser Verlag, München 2008

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