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Politisches Feuilleton / Archiv | Beitrag vom 07.01.2014

GesellschaftDie Utopie der sozialen Mischung

Gleichheit ist beim Wohnen in der Stadt nicht durchzusetzen

Von Rolf Schneider

Haus im Münchner Stadtteil Lehel (picture alliance / dpa / Johanna Hoelzl)
Im teuren Münchner Stadtteil Lehel haben Durchschnittsverdiener keine Chance auf eine Wohnung. (picture alliance / dpa / Johanna Hoelzl)

Viele Kommunalpolitiker denken darüber nach, wie sie eine soziale Mischung der Stadt erzwingen könnten, um schroffe Gegensätze von Luxusquartieren und Problembezirken zu vermeiden. Doch widerspricht diese Utopie der Wirklichkeit, der Erfahrung und der Geschichte.

Zu den gern gebrauchten Formeln gegenwärtiger Stadtplaner gehört die von der sozialen Durchmischung. Gemeint ist, dass Menschen aus unterschiedlichen kulturellen, ökonomischen und ethnischen Milieus nah beieinander wohnen; in neu zu errichtenden Stadtvierteln will man dies etwa durch unterschiedliche architektonische Gestaltung und unterschiedlich hohe Mieten erreichen.

Jedenfalls soll damit der sozialen Trennung begegnet und die Bildung von Ghettos vermieden werden. Das klingt recht menschenfreundlich und ist doch nichts als eine romantische Utopie. Sie teilt das Schicksal aller Utopien: nicht realisierbar zu sein. Sie widerspricht der Wirklichkeit, der Erfahrung und der Geschichte.

Es gibt eine einzige Siedlungsform, in der sich soziale Durchmischung wie von selbst ergibt: das Dorf. Dort kennt man einander und ist aufeinander angewiesen.

Kennzeichen der Stadt sind die weitgehende Trennung von Arbeiten und Wohnen und, auch dadurch, eine weitgehende Anonymität. Sie wenigstens partiell zu überwinden, ziehen ähnlich gestimmte Menschen in ein gemeinsames Wohnquartier. Den Rest besorgt der Markt.

Ein Leben in teuren Vierteln kann sich leisten, wer das dafür erforderliche Geld hat, billigere Quartiere bleiben den Kleinbürgern, die billigsten dem Prekariat. Die Situation ist so oder jedenfalls ähnlich, seit es Städte gibt.

Der alten Forderung nach Egalité, nach Gleichheit, versucht man sich nun auf dem Umweg über das Wohnungsamt zu nähern. Wir haben die verbriefte Gleichheit vor dem Gesetz. Ansonsten unterscheiden wir uns, durch Talent, Charakter und Aussehen ebenso wie durch unsere Bankguthaben. Es wurden immer wieder – religiös oder sozialistisch inspirierte – Versuche unternommen, diese Ungleichheit zu beseitigen und die Wohnsituationen entsprechend zu gestalten.

Der Chefarzt neben der Verkäuferin

Die DDR konnte, da die Einkommen hier nah beinander lagen und es an Wohnraum mangelte, in ihren Neubauten den Chefarzt neben die Verkäuferin, den Betriebsleiter neben den ungelernten Arbeiter einweisen. Die Architektur war freilich mies, die ständige Überwachung quälend und der Staat zuletzt bankrott.

Nun findet soziale Durchmischung in unseren Städten ohnehin statt, immer wieder, wiewohl meist nur vorübergehend: Wenn zuvor volkstümliche Viertel veredelt und eingesessene Bewohner durch die steigenden Kosten allmählich vergrault werden oder, umgekehrt, ein bis dahin bürgerliches Viertel allmählich verslumt. Ansonsten gibt es nur die zufälligen und meist folgenlosen Kontakte im öffentlichen Raum.

Die Menschheit strebt vom Dorf in die Stadt. Das Dorfleben kann sie nicht mitnehmen, städtische Wohnviertel sind kein Dorfersatz. In München, wo man sich gezielt um soziale Durchmischungen bemühte, muss man zähneknirschend eingestehen, dass "ein schlichtes Nebeneinanderwohnen unterschiedlicher Bevölkerungsgruppen bestenfalls zu Indifferenz, nicht aber zu engeren Sozialbeziehungen" führe.

Projekte zur sozialen Durchmischung sind gesellschaftspolitische Alibi-Veranstaltungen. Die Energien, die dabei investiert werden, sind verplempert. Das Schicksal von Utopien ist, unrealisierbar zu sein. Aber das sagten wir bereits.

 

Rolf Schneider, Schriftsteller und Publizist (Therese Schneider)Rolf Schneider, Schriftsteller und Publizist (Therese Schneider)Rolf Schneider stammt aus Chemnitz. Er war Redakteur der kulturpolitischen Monatszeitschrift Aufbau in Berlin (Ost) und wurde dann freier Schriftsteller. Wegen "groben Verstoßes gegen das Statut" wurde er im Juni 1979 aus dem DDR-Schriftstellerverband ausgeschlossen, nachdem er unter anderem in einer Resolution gegen die Zwangsausbürgerung Wolf Biermanns protestiert hatte. Veröffentlichungen u.a. "November", "Volk ohne Trauer" und "Die Sprache des Geldes". Seine politischen und künstlerischen Lebenserinnerungen fasst er in dem Buch "Schonzeiten. Ein Leben in Deutschland" (2013) zusammen.

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