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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 03.03.2014

GeschichtsbildDrama der doppelt gescheiterten Revolution

Heiner Karuscheit: "Deutschland 1914. Vom Klassenkompromiss zum Krieg"

Von Winfried Sträter

Zeitgenössisches Porträt des deutschen Staatsmanns Otto von Bismarck (1815-1898).  (picture alliance / Bibliographisches Institut & F.A)
Erster Kanzler des Deutschen Reichs: Otto von Bismarck (picture alliance / Bibliographisches Institut & F.A)

Die explosive innenpolitische Lage vor 1914 in Deutschland beschreibt Heiner Karuscheit. Er nennt schlüssige Gründe für den Kriegsausbruch und erklärt so, nüchtern im Stil, das Zusammenspiel deutscher Innen- und Außenpolitik.

Wenn man sich die Geschichtsschreibung zum Ersten Weltkrieg ansieht, gab es in Deutschland zwei große Zyklen: Die ersten 50 Jahre nach der "Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts" waren davon geprägt, die Schuld am Kriegsausbruch zurückzuweisen. Nach 1960 kehrte sich das um: Im Gefolge der spektakulären Veröffentlichungen des Hamburger Historikers Fritz Fischer setzte sich in der Bundesrepublik die Ansicht durch, dass das Deutsche Reich maßgeblich zum Ausbruch des Krieges 1914 beigetragen habe. Besonders einflussreich war Hans-Ulrich Wehlers Interpretation, dass die inneren Spannungen des Kaiserreiches wesentliche Ursache für die aggressive Außenpolitik gewesen seien, die den Krieg ausgelöst habe.

In der aktuellen Flut der Weltkriegsliteratur scheint sich dieses Geschichtsbild erneut grundlegend zu ändern – mit Christopher Clark und seinem Bestseller "Die Schlafwandler". Auch andere – wie Herfried Münkler – sehen viele Verantwortlichkeiten für die Entstehung des Krieges, ohne die deutsche Mitverantwortung zu leugnen. Mitverantwortung – nicht mehr Hauptschuld.

Ein politisches Panorama Deutschlands

Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage: Was bleibt von den Deutungsmustern der letzten 50 Jahre? Welche Erklärungskraft haben sie noch? Heiner Karuscheit gibt mit seinem Buch "Deutschland 1914" darauf eine Antwort, die im Untertitel angedeutet wird: "Vom Klassenkompromiss zum Krieg":

Karuscheit schlägt einen weiten Bogen - von der gescheiterten 1848er Revolution bis ins Jahr 1914, in das er erst ganz zum Schluss seines Buches vordringt. Seine These: Deutschland 1914 kann man nur verstehen, wenn man die inneren Entwicklungen seit der gescheiterten Revolution von 1848 durchschaut. Nach 1860 versuchen die inzwischen erstarkten Liberalen in Preußen noch einmal, Demokratisierung und Parlamentarisierung durchzusetzen. Aber Bismarck verhindert dies, er neutralisiert die Liberalen, indem er sie spaltet und auf dem Weg zur Gründung des Deutschen Kaiserreiches einen, wie Karuscheit es nennt, "Klassenkompromiss" schmiedet. Auf der einen Seite gewinnt er durch Zugeständnisse (Parlament ja, aber mit nur beschränkten Befugnissen) die großbürgerlich ausgerichteten Nationalliberalen; auf der anderen Seite konserviert Bismarck die Macht der preußischen Großgrundbesitzer. Das ist die Machtbasis des Bismarck-Reiches. Der Preis sind innergesellschaftliche Spannungen, die sich auf unerträgliche Weise steigern, da sich Deutschland wirtschaftlich rasant modernisiert.

1909 bricht das Bündnis auseinander. Inzwischen haben sich die Sozialdemokraten als dritte Macht etabliert. Denkbar wäre, dass Liberale und Sozialdemokraten nun gemeinsam versuchen, die Modernisierung und Parlamentarisierung des Reiches durchzusetzen. Aber beide Lager sind unfähig, sich zu verbünden und eine neue Herrschaftsachse zu bilden, und so droht das Reich regierungsunfähig zu werden. In dieser Situation versucht die altpreußisch-konservative Elite des Reiches 1912 vergeblich einen Staatsstreich, um ihre Herrschaft zu sichern. Danach setzen ihre führenden Vertreter auf Krieg, um die alte politische Ordnung zu retten.

Deutschland nicht auf Anklagebank

Karuscheit benutzt zwar ideologisch gefärbtes Vokabular ("Junker"), aber sein Buch ist kein Rückfall in ideologische Denkschemata vergangener Zeiten. So beschreibt er nicht die preußischen Kriegstreiber als diejenigen, die den "Griff nach der Weltmacht" wollen, sondern die Liberalen, die aber 1914 keine Kriegstreiber sind. Und die Parteiführung der SPD versteht die Zeichen der Zeit nicht (allen voran Bebel, den Karuscheit deutlich kritisiert).

Deutschland wird in diesem Buch nicht wieder auf die Anklagebank gesetzt, vielmehr beschreibt Karuscheit die verhängnisvollen Auswirkungen von Bismarcks preußisch-deutscher Modernisierungsblockade. Sein Buch ist im Stil nüchtern, bisweilen fast lehrbuchhaft, keine große Geschichtserzählung, aber eine scharfsinnige Analyse. In der Flut der Weltkriegsliteratur ist es eine interessante Ergänzung, weil es das komplizierte Zusammenspiel zwischen deutscher Innen- und Außenpolitik vor dem Ersten Weltkrieg durchschaubar macht.

Nicht zuletzt bekommt man eine Ahnung, warum der Krieg in Teilen der Bevölkerung als Befreiung von unerträglichen inneren Spannungen erlebt wurde. 

Heiner Karuscheit: Deutschland 1914. Vom Klassenkompromiss zum Krieg
VSA-Verlag, Hamburg 2013
256 Seiten, 19,80 Euro

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