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Lesart / Archiv | Beitrag vom 19.03.2015

Geschichte des GeldesGold sollte die Götter besänftigen

Von Thorsten Jantschek

Der weltweit größte Goldschatz der römischen Kaiserzeit mit rund 2600 Münzen wird im Landesmuseum in Trier verwahrt. (picture alliance / dpa)
Der weltweit größte Goldschatz der römischen Kaiserzeit mit rund 2600 Münzen wird im Landesmuseum in Trier verwahrt. (picture alliance / dpa)

Der Philosoph Christoph Türcke räumt in seiner "Geschichte des Geldes" mit der Vorstellung auf, Geld sei ein Tauschobjekt für Waren. Für ihn hat das Geld religiösen Ursprung. Edelmetallopfer ersetzten irgendwann das Menschenopfer. Die Goldkammern der Tempel vergleicht er mit den heutigen Zentralbanken.

Der DAX schraubt sich in immer neue Höhen, der Euro fällt fast auf ein historisches Tief. Der Finanzmarkt akkumuliert gigantische Summen, Griechenland steht am Abgrund. Alles dreht sich ums Geld in diesen Zeiten. Zeiten, in denen die Finanz- und Wirtschaftskrise zwar hinter uns, deren langfristige Folgen für Europa aber noch vor uns liegen.

Wenn man die Frage stellt, was Geld eigentlich ist, kommt man sich entweder vor, wie der Philosoph Augustinus, der bezogen auf die Zeit sagte, dass er immer dann wisse, was sie ist, wenn er nicht danach gefragt werde, fragte man ihn indes, wisse er es nicht zu sagen. Oder man greift eben schnell in die Schublade der Philosophiegeschichte, zu der Erklärung, die Aristoteles geliefert hat, der davon ausging, dass Geld aus dem Tausch realer Waren hervorgegangen ist. Und anstatt Wein gegen Brot zu tauschen, habe man Münzen ins Spiel gebracht.

Diese sehr einfache und eigentlich schlagende Erklärung, die eine einzigartige philosophische Karriere bis hin zu Adam Smith und Karl Marx hingelegt hat, hält Christoph Türcke für ein Ammenmärchen, das weder den Beginn des Geldes erklärt, noch seine Bedeutung fassen kann. Vor allem aber kann dieses Tauschparadigma kaum erklären, warum Geld als solches – und nicht die Waren, die man dafür erwerben kann –  Gegenstand des Begehrens, der Obsession und der emotionalen Besetzung geworden sind.

Für Türcke entsteht Geld dort, wo Wert entsteht und es zu einer Zahlung aus vermeintlicher Schuld kommt. Den Ort, an dem dies mutmaßlich zum ersten Mal geschah, war das Menschenopfer in der Frühzeit des Geschichte des Menschen. Es galt, die Schrecken der existenzbedrohenden Natur zu bannen. Deshalb sei der Mensch darauf verfallen, in einer Art Wiederholungszwang diesen Schrecken im Opfer zu wiederholen. Ein Opfer, das nach Türcke der Logik von Schuld – etwas den Göttern zu schulden – und Bezahlen gehorcht und in welchem dem zu opfernden Wesen ein großer Wert zukommt, ein Zahlbetrag. "Opferfähigkeit", so Türcke, "ist eigentlich nur ein anderes Wort für Kaufkraft."

An die Stelle des Tieropfers trat das Edelmetallopfer

Den sakralen Glutkern seines Beginns wird das Geld auch bei all jenen Profanierungsschritten nicht verlassen, die Türcke minutiös nachverfolgt: An die Stelle des Menschenopfers tritt das Tieropfer, an die Stelle des Tieropfers das Ton-, später das Edelmetallopfer. Spätestens mit dem Goldopfern werden die Tempel zu Schatzkammern, ersten Zentralbanken, wie Türcke sagt. Erst dann entstehen Münzen und mit dem Handel die ersten Wechsel, die wiederum übertragbar und dadurch handelbar wurden.

In Flandern wurde Anfang des 15. Jahrhunderts die erste Börse gegründet, als Ort, wo Wechsel gehandelt wurden. Und bis ins 20. Jahrhundert hinein blieb das Gold die letzte Referenz des Papiergelds, das Türcke konsequent aus dem Schuld- und Opfermythos entwickelt. Doch auch nach 1973 – dem endgültigem Ende der Golddeckung des Geldes – verlässt das Geld nicht den sakralen Raum: Die Praxis der Zentralbanken, dem Geld Wert zuzumessen, ihm Kaufkraft zu verleihen, sei eigentlich eine priesterliche Praxis, der Wertschöpfung aus dem Nichts.

Anstelle des Ammenmärchens der Entstehung des Geldes schreibt Türcke einen spannenden Abenteuerroman, dessen Protagonist – das liebe Geld – Zeiten und Welten durchreist, in unterschiedlichen Verkleidungen auftaucht und dennoch die Wiederkehr des immergleichen Sakralgeschehens ist. Es ist jedoch ein Abenteuerroman, an dem der Autor am Ende sagt: "Und übrigens, die Geschichte ist wahr." Und bei aller Sympathie mutet der spekulative Überschuss, mit dem Türcke seine Geschichte schreibt, eben oft genug nur wie eine gute Narration an. Denn wer könnte schon wirklich wissen, warum Menschen in Frühzeiten geopfert haben? Wer kann schon sagen, ob die Mechanismen der Freudschen Psychoanalyse, die Türcke zur Erklärung des Opfergeschehens heranzieht, eigentlich für Menschen aus der Steinzeit überhaupt passen? Hatten die eine Psyche wie wir?

So wenig man diese Erzählung also – sozusagen – für bare Münze nehmen darf, so faszinierend ist jedoch eine Folge des von Türcke entfalteten "Schuldenparadigmas" für die Gegenwart: Aus der Logik des Opfermythos folgt ein grundsätzliches Ungleichgewicht: Die Begleichung der Opferschuld zieht nicht ausgeglichene Verhältnisse nach sich, sondern nur neue Opferschulden, die beglichen werden sollen. Wenn das der Kern des Geldes ist, dann kann die gesamte marktliberale Theorie nicht funktionieren, in deren Zentrum nach Türcke eine Vorstellung von Gleichgewicht herrscht - etwa das aus Angebot und Nachfrage -, das sich dann am besten herstellt, wenn man den Markt sich selber regeln lässt. Natürlich kann man einen Mythos wie den des Neoliberalismus durch die Realität kritisieren, aber fast noch wirkungsvoller ist es, ihn mit einem anderen Mythos in Schach zu halten. Und dazu ist die Erzählung, die Christoph Türcke entfaltet, bestens geeignet.

Christoph Türcke: "Mehr! - Die Philosophie des Geldes"C.H. Beck, München 2015480 Seiten, 29,95 Euro

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