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Fazit | Beitrag vom 16.03.2017

Geschichte der InstallationskunstHier wird kalter Stacheldraht zart

Anna-Catharina Gebbers und Gabriele Knapstein im Gespräch mit Simone Reber

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Eine Installation von Qin Yufen im Hamburger Bahnhof. (imago/Reiner Zensen)
Eine Installation von Qin Yufen im Hamburger Bahnhof. (imago/Reiner Zensen)

Auf über 3500 Quadratmetern zeichnet eine Ausstellung im Hamburger Bahnhof, dem Berliner Museum für Gegenwart, die Geschichte der Installationskunst nach. Unsere Autorin Simone Reber hat gemeinsam mit den Kuratorinnen die Schau vorab besucht.

Gabriele Knapstein: "Wir haben uns dafür interessiert, wie überhaupt die Geschichte der Installationskunst zu erzählen wäre. Und sie beginnt tatsächlich in der zweiten Jahrhunderthälfte in den späten 50er-, frühen 60er-Jahren, als die Entgrenzungstendenzen von Malerei und Skulptur dazu führen, dass die Künstler den ganzen Raum bearbeiten.

Simone Reber: Und jetzt stehen wir hier in einem Raum von Ed Kienholz, da sind zu sehen Radiogeräte?

Anna-Catharina Gebbers: Das sind eigentlich Volksempfänger. Ed Kienholz hat die zufällig bei einem Berlin-Besuch auf den Flohmärkten hier entdeckt, hat sehr intuitiv ein Interesse an den Objekten entwickelt und angefangen, die zu sammeln. Bis er tatsächlich die Geschichte, die sehr mit der deutschen Geschichte verbundene Herkunft dieser Geräte feststellte und der Verknüpfung auch mit dem Dritten Reich. Und aus diesen Geräten kommt Sound.

Knapstein: Man kann nämlich hier im Raum mit Fußschaltern diese Radiogeräte betätigen und die meisten Geräte sind von Ed Kienholz so vorbereitet, dass man Wagner-Musik hört, aus den Geräten.

"Ed Kienholz wünschte sich einen gegenwärtigen Radiosender"

Gebbers: Das letzte in der Reihe ist das Remake eines Volksempfängers aus den 70er-Jahren bei dem sich Ed Kienholz wünschte, dass ein gegenwärtiger Radiosender eingestellt ist. Musik.....

Knapstein: Und wenn wir jetzt von Kienholz mit seinem Werk aus den 70er-Jahren in den nächsten Raum gehen, kommen wir zu einem Werk von Hermann Pitz, "Wedding Therese", wo wir einen alten Fensterrahmen montiert auf einem kleinen Stück Mauerwerk vorfinden, durch das man hindurchschauen kann auf eine Blümchentapete.

Eine Installation des Künstlers Marcel Broodthaers in der Ausstellung "Moving is in every direction" im Hamburger Bahnhof. (imago/Reiner Zensen)Eine Installation des Künstlers Marcel Broodthaers in der Ausstellung "Moving is in every direction" im Hamburger Bahnhof. (imago/Reiner Zensen)

Der Fensterrahmen stammt aus einem alten Haus in der Lützowstraße und war Teil eines ortsspezifischen Werks von Hermann Pitz dort in der Lützowstraße. Wenig später hat er für eine Ausstellung im Berliner Stadtteil Wedding das Fenster aus dem Haus in der Lützowstraße ausgebaut und hat es in diese kulissenhafte Arbeit im Wedding in der Ausstellung installiert und als solches kulissenhaftes Element ist es Teil dieses Werks geworden, Wedding Therese.

Reber: Jetzt gehen wir von Wedding Therese zu Barbara Bloom, zu einer Art Bibliothek.

Knapstein: Das ist ein Werk mit dem Titel Semblance of a House, eine Erscheinung eines Hauses und man sieht einen Salon mit einem Bibliothekselement, mit einem Spieltisch, der beleuchtet ist und in dem verschiedene kleine Objekte eingebaut sind und eine offene Schrankanlage, mit Schubladen, die halb aus der Wand herauskommen und in allen Elementen findet man kleinen Objekte, zu denen Barbara Bloom Geschichten erfunden hat, sie lässt unterschiedliche Stimmen hier im Raum zu Wort kommen. Und die Besucher sind eingeladen, bei der Bewegung durch dieses Zimmer, eine Sensibilität für die geisterhaften Stimmen, die hier im Raum anwesend sein könnten, zu entwickeln.

"Es hat das Abweisende ebenso wie das Zarte"

Reber: Hier sehen wir jetzt ein Gewölle von Stacheldraht und davor die Überreste einer Baustelle mit Bambusrohren, Schubkarre, einer Autofelge und das ist der Raum von Qin Yufen, wie passt der in Ihre Erzählung?

Gebbers: Qin Yufen ist, als sie in den 90ern nach Berlin kam, auf diese geteilte Stadt getroffen, die zusammenwachsen sollte aber noch nicht ihr gemeinsames Narrativ gefunden hatte. Das, was wir hier sehen, ist zum einen der Stacheldraht der Baustellen, aber es ist auch ein extrem dynamisches Baumaterial, was zugleich biegsam und gefährlich ist. Es hat auch das Abweisende ebenso wie das Zarte, wie Qin Yufen das hier arrangiert hat. Und sie hat es arrangiert auf Bambusstangen, die das Baumaterial in Asien sind.

Reber: Wenn man jetzt zurückschaut auf den Gang durch diese fünf Räume, von Ed Kienholz über die Wedding Therese, Barbara Bloom, Beuys, bis hin zu Qin Yufen, was entsteht in dieser Bewegung, in diesem Lauf?

Knapstein: Was uns wichtig ist - und darauf deutet ja auch der Ausstellungstitel hin: "Moving is in every direction", das ist ein Zitat aus den Vorträgen von Gertrude Stein über das Erzählen aus den 30er-Jahren und bei uns hat das "Moving is in every direction", diese Ebene, dass die Besucher durch die Bewegung in den Räumen also in jederlei Richtung sich eine Geschichte denken und finden und entwickeln können. Und das fanden wir ein gutes Prinzip, um die Geschichte der Installationskunst aufzufächern.

Die Ausstellung "moving is in every direction. Environments – Installationen – Narrative Räume" kann vom 17.03.2017 bis zum 17.09.2017 im Hamburger Bahnhof - Museum für Gegenwart - in Berlin besichtigt werden.

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