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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 21.06.2012

Geschichte aus ungewohnter Perspektive

Jutta Schwerin: "Ricardas Tochter - Leben zwischen Deutschland und Israel", Spector Books, Leipzig 2012, 319 Seiten

Bundestagspräsident Philipp Jenninger (CDU) (picture alliance / dpa /Martin Athenstädt)
Bundestagspräsident Philipp Jenninger (CDU) (picture alliance / dpa /Martin Athenstädt)

Jutta Schwerin sorgte für Schlagzeilen, als sie im Bundestag 1988 die Rede des damaligen Bundestagspräsidenten Philipp Jenninger zum 50. Jahrestag der Novemberpogrome 1938 unterbrach. In ihrer Autobiografie erzählt sie von ihrer Kindheit in Israel und ihrem Leben in Deutschland.

Dies ist eine bemerkenswerte Autobiografie. Sie erzählt die bundesdeutsche Geschichte aus einer völlig ungewohnten Perspektive. Jutta Schwerin ist 1941 in Jerusalem geboren, und einer breiteren Öffentlichkeit wurde sie bekannt, als sie im November 1988 als Bundestagsabgeordnete die Ansprache des Bundestagspräsidenten Philipp Jenninger zur 50. Wiederkehr der Reichsprogromnacht durch einen Zwischenruf störte - und dadurch eine heftige Diskussion über diese unglückliche Rede auslöste. Doch es sind nicht nur die Etappen der bundesdeutschen Geschichte, die dieses Buch mit seiner nüchternen und präzisen Schilderung interessant machen, es ist auch die unmittelbare Vorgeschichte. Sie betrifft die Eltern Jutta Schwerins.

Diese lernten sich als Studenten 1930 am Bauhaus in Dessau kennen. Heinz Schwerin stammte aus einem jüdischen Elternhaus und war 21 Jahre alt, Ricarda Meltzer war 19, und ihr Vater machte eine große Bankkarriere, die er im "Dritten Reich" ohne Hemmungen fortsetzte. Da ihre Mutter früh gestorben war und ihr Vater sie ins Heim schickte, kam es schnell zu einer Entfremdung mit ihm.

Die Passagen, wie die beiden kunst- und politikinteressierten Studenten am Bauhaus zueinander finden und in der katastrophalen politischen Situation am Ende der Weimarer Republik und nach Hitlers Machtergreifung beieinander bleiben, gehören zu den beeindruckendsten des ganzen Buches: eine Flucht über die Schweiz und Prag nach Palästina, wo sie Mitte der dreißiger Jahre ankommen und ein neues Leben in einer für sie völlig fremden Umgebung beginnen müssen. Heinz Schwerin war Jude, aber nicht gläubig und am Zionismus überhaupt nicht interessiert, Ricarda bekannte sich zu ihrem Mann und lebte im sich bildenden Staat Israel als Deutsche.

Die direkten, atmosphärisch dichten Schilderungen des Lebens in Israel, die verschiedenen Schulen, die Jutta Schwerin als deutschsprachige Israelin durchläuft, die Erfahrungen im Kibbuz und durch die Verweigerung des Armeedienstes - das alles wirkt äußerst plastisch, gerade weil es knapp und präzise, mit der Betonung auf wenige wesentliche Erlebnisse geschrieben ist. Die geheime Heldin des Buches ist die Mutter, die sich als Deutsche und im Zweifelsfall als Kommunistin autonom in Israel durchschlägt - ihr Mann stirbt 1948 im Einsatz für die Armee bei einem Unfall.

Umso eindringlicher tritt aber auch die prekäre Beziehung zwischen Mutter und Tochter vor Augen. Jutta Schwerin begehrt früh auf und sucht nach einem eigenen Leben. Dabei zeigt sich wie beiläufig ein unbekannter, farbiger Ausschnitt aus der Geschichte Israels. Und ein neues Kapitel beginnt mit der Übersiedelung der Tochter Jutta Anfang der sechziger Jahre in die Bundesrepublik: Sie studiert in Stuttgart Architektur, wird Teil der 68er-Bewegung, heiratet einen SDS-Aktivisten und bekommt mit ihm drei Kinder, bekennt sich mit Mitte Vierzig dazu, lesbisch zu sein, wird Abgeordnete der Grünen und tritt in den neunziger Jahren als Außenseiterin aus dieser Partei wieder aus. Dies ist Zeitgeschichte, gegen den Strich gelesen.

Besprochen von Helmut Böttiger

Jutta Schwerin: Ricardas Tochter. Leben zwischen Deutschland und Israel.
Spector Books, Leipzig in Kooperation mit der Stiftung Bauhaus Dessau 2012, 319 Seiten, 19,90 Euro

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