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Interview / Archiv | Beitrag vom 15.04.2014

Geschäfte mit LebensmittelnThilo Bode: Spekulation kann tödliche Folgen haben

Foodwatch-Chef über Exzesse an den Terminbörsen

Moderation: Gabi Wuttke

Foodwatch-Geschäftsführer Thilo Bode (dpa / Jensen)
Foodwatch-Geschäftsführer Thilo Bode (dpa / Jensen)

Die EU will Geschäfte mit Nahrungsmitteln stärker regulieren. Thilo Bode von der Verbraucherschutzorganisation Foodwatch hält die Pläne für unzureichend - und kritisiert Finanzminister Schäuble wegen "Deals" mit der Deutschen Börse.

Gabi Wuttke: Banken und Börsen wollen Geld verdienen, und mit Weizen, Mais und Reis lässt sich auch viel Geld verdienen. Zum Beispiel, wenn Wetten auf Nahrungsmittel abgeschlossen und deren Preise damit künstlich in die Höhe getrieben werden.

Zu dien Kritikern gehört der Verein Foodwatch, die Essensretter. Thilo Bode ist am Telefon, einen schönen guten Morgen, Herr Bode!

Thilo Bode: Guten Morgen!

Wuttke: Was genau kritisieren Sie, warum ist die ESMA für Sie zu schwach?

Bode: Die Europäische Union ist ja ein Markt. Und wenn jeder Börsenplatz selber die Zahl der spekulativen Kontrakte begrenzen kann, dann gibt es natürlich einen Wettlauf zu dem Börsenplatz, der die besten Bedingungen anbietet, das heißt also, die meisten Geschäfte zulässt. Das bedeutet, eine wirklich wirksame Obergrenze der Zahl der Kontrakte kann nicht mehr gesetzt werden, und dadurch wird die Absicht, in Zeiten exzessiver Spekulation den Handel zu begrenzen, natürlich unterlaufen.

Wuttke: Was wäre denn die Alternative? Immerhin, Nationalstaaten sind Nationalstaaten in der EU, mit ihren Rechten.

Bode: Das ist natürlich richtig, aber man kann Finanzmärkte nicht mehr national regulieren. Es wäre natürlich absolut richtig gewesen, dass die ESMA, also die zentrale europäische Behörde, die Limits nicht nur technisch berechnet, sondern auch festlegt, dann wäre eine wirksame Obergrenze eingeführt worden. Aber es ist ja leider so, dass es noch zusätzliche Schlupflöcher in der heute zur Abstimmung stehenden Regulierung gibt, die die gesamte Regulierung wirkungslos machen.

Wuttke: Welche Schlupflöcher sind das? Lassen Sie uns vielleicht, wenn es möglich ist, beim Beispiel Deutschland bleiben!

Die Gefahr, dass die Preise durch die Decke gehen

Bode: Also, große Industrieunternehmen wie die Lufthansa zum Beispiel oder auch RWE, die haben heute Finanzabteilungen, die Banken ähneln. Die spekulieren also in großem Ausmaß an den Terminbörsen, um Geschäfte zu machen, und das können sie auch sehr gut, weil sie die Märkte sehr gut kennen. Und wenn in Zeiten, in denen sowieso exzessiv spekuliert wird, dann diese großen Konzerne ohne Begrenzungen einsteigen können, dann ist die Gefahr, dass die Preise durch die Decke gehen, sehr groß.

Wuttke: Aber die Deutsche Bank beispielsweise betreibt doch gar keinen direkten Handel mehr mit Agrarrohstoffen?

Bode: Es geht ja hier nicht nur um den physischen Handel, es geht hier um den Handel an den Börsen. Und die Banken sind zwar raus aus dem Geschäft, aber ich habe ja gesagt, die großen Industriekonzerne wie ThyssenKrupp, die Bahn oder RWE, die sind weiter im Geschäft.

Wuttke: Und das, glauben Sie, geht auf die Kappe von Wolfgang Schäuble?

Bode: Das geht auf die Kappe von Wolfgang Schäuble, dafür gibt es sehr sichere Anzeichen. Denn innerhalb der Finanzmarktregulierung wurde auch über die Liberalisierung der Börsenplätze gestritten. Und da ging es darum, ob die deutsche Börse Geschäfte abgeben muss, in dem der Markt liberalisiert wird. Und da hat die deutsche Börse sich weitgehend durchgesetzt und dafür hat Wolfgang Schäuble Kompromisse bei der Finanzmarktregulierung der Rohstoffe gemacht. Das lässt sich daraus ablesen, dass die deutsche Regierung im September noch Vorschläge gemacht hatte, die sehr strikt den Rohstoffhandel regeln wollten, dann aber nachgegeben hat, und die deutsche Börse konnte ihre Geschäft weitgehend behalten. Also, hier liegt die Vermutung vor, dass es einen Deal gegeben hat.

Wuttke: Einen Deal. Bleiben wir mal bei dem Stichwort Geschäft und schauen wir mal auf die andere Seite. Ihre Position ist jetzt klar geworden, aber es gibt eben noch eine andere. Beispielseise die Wissenschaftler der Uni Halle-Wittenberg, die meinen, ohne Nahrungsmittelspekulation könnten noch mehr Menschen hungern. Wie kommen die darauf und was erwidern Sie?

Bode: Exzessive Spekulation muss reguliert werden

Bode: Ich erwidere darauf, das ist ausgemachter Blödsinn. Die Börsenplätze, die dienen natürlich dazu, dass der Handel Preisabsicherungen möglich macht. Dazu brauche ich ein gewisses Maß an Spekulation, Händler, die in das Risiko gehen. Es geht aber hier lediglich darum, dass in Zeiten exzessiver Spekulation der Handel reguliert und kontrolliert wird. Wir wollen natürlich den Handle überhaupt nicht generell verbieten. Und darum geht es nur. Aber wenn diese exzessive Spekulation nicht wirklich eingedämmt wird, dann gehen eben die Preise kurzfristig durch die Decke. Und schon kurzfristige Preissteigerungen können in Ländern, in denen die Menschen bis zu 70 Prozent ihres Einkommens für Essen ausgeben, tödliche Folgen haben. Und das wollen wir verhindern.

Wuttke: Sie sind ja jetzt ganz vehement in Ihrer Kritik, deshalb traue ich mich mal zu fragen: Machen Wissenschaftler auch Deals?

Bode: Nein, aber Wissenschaftler haben natürlich unterschiedliche Standpunkte und sie gehen ja auch von unterschiedlichen Wertungen aus. Und deshalb ist in dieser Debatte die Diskussion ziemlich gespalten. Es gibt keinen Konsens in der Wissenschaft. Aber unsere Meinung ist, in so einem Fall muss man vorsorglich handeln, also besser schon die Möglichkeit verhindern, dass Menschen zu Schaden kommen, denn wir wollen den Handel ja nicht insgesamt verbieten, wir wollen nur die Exzesse verbieten. Und das muss man machen, wenn man nicht dafür Mitschuld tragen will, dass Kinder vielleicht am Hungertod sterben.

Wuttke: Wir können aber, glaube ich, positiv festhalten: Die EU und die USA ziehen bei der Eindämmung der Nahrungsmittelspekulation an einem Strang, auch wenn er Ihrer Meinung nach durchaus noch straffer geführt werden dürfte. Aber vielleicht ist das heute ja nicht aller Tage Abend?

Bode: Wissen Sie, wenn ein Autohersteller heute ein Auto auf den Markt bringt mit zwei Rädern und sagt, er liefert die anderen zwei Räder später, würden Sie das als Erfolg betrachten?

Wuttke: An dieser Stelle kann ich nur sagen: An mir ist es nicht, aber einen Kommentar kann ich dazu nicht abgeben. Danke Ihnen aber, dass Sie heute Morgen Zeit für uns hatten. Thilo Bode von Foodwatch.

Bode: Danke auch! Tschüss!

Wuttke: Schönen Tag noch, tschüss!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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