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Fazit / Archiv | Beitrag vom 12.05.2010

Gesamtkunstwerk oder Rassist

Rudolf Steiner im Kunstmuseum Wolfsburg

Von Carsten Probst

Wer war Rudolf Steiner wirklich? Dem Begründer der Waldorfpädagogik wird mitunter eine rassistische Gesinnung nachgesagt. Das Kunstmuseum Wolfsburg will in einer Doppelausstellung die vielen Facetten Steiners einem breiten Publikum zugänglich machen.

Ist er nun ein Blender, oder ist er vielleicht doch die außergewöhnlichste Persönlichkeit, die die Moderne hervorgebracht hat, ein moderner Goethe - sozusagen? War er eigentlich ein Rassist, ein karrierebewusster, geistiger Wegbereiter einer völkischen Pseudoreligion? Oder war er ein Versöhner von Geist und Welt in Zeiten, in denen sich beide voneinander zu entfernen schienen?

"Rudolf Steiners Impulse sind teilweise durch Angriffe von außen und durch enge Auslegung nicht zuletzt seiner Anhänger mitunter erstarrt. Es ist die Absicht dieser beiden Projekte, sein kreatives Denken durch Impulse, die von der Kunst außerhalb des anthroposophischen Kontextes kommen, neu aufzuschließen und damit Steiner zu ent-steinern."

So Markus Brüderlin, der Direktor des Kunstmuseums Wolfsburg. Vieles, was über Steiner verbreitet sei, so die These der Ausstellungsmacher, beruhe letztlich auf verkürzender Rezeption. Dem soll diese Doppelausstellung abhelfen. Das betrifft insbesondere den Vorwurf des Rassismus, der sich auf Textpassagen in Steiners Werk bezieht, in denen er den Begriff der menschlichen Rassen wissenschaftlich und philosophisch etablieren will. Mateo Kries vom Vitra Design Museum:

"Wenn man sich diese Passagen anschaut, denke ich, gelangt man schon zu einer Art Einordnung, die zeigt, dass es ungerechtfertigt ist, diese Passagen über das gesamte Werk von Steiner drüberzustülpen. (...) Der Anlass der Ausstellung ist natürlich auch, zum ersten mal das Werk sprechen zu lassen. Die Diskussionen um Steiner machten sich häufig an ganz frühen Textpassagen fest (...), was aber kaum bekannt war bisher, ist eigentlich sein Werk, ist die Wirkung, ist die Korrespondenz mit anderen Künstlern, und ich denke, das ist etwas, wo wir als Ausstellungsmacher wirklich Neues zutage fördern können."

Bemerkenswert ist diese Doppelschau "Alchemie des Alltags" und "Rudolf Steiner und die Kunst der Gegenwart" nicht nur wegen ihres schieren Umfangs. Bislang hat sich schließlich auch noch keine der Anthroposophie unverdächtige Institution in Deutschland bereit gefunden, sich dem Werk und der Rezeption Steiners möglichst unbefangen zu widmen. Der Versuch eines neuen Blickes auf Steiner als Phänomen der Moderne ist grundsätzlich verdienstvoll. Häme und Verachtung, die Steiner schon zu Lebzeiten als "Jesus des kleinen Mannes", wie etwa Kurt Tucholsky ihn nannte, entgegenschlugen, waren quer durch die gesamte Geisteswelt der Jahrhundertwende, müssen Berührungsängste bis heute hinterlassen haben.

Der vom Vitra Design Museum konzipierte Ausstellungsteil über die Grundzüge von Steiners Theoriegebilde und die "Alchemie des Alltags" versucht so, eine konzise historische Einbettung seines Werkes in die Strömungen seiner Zeit zu entfalten, die Steiner insgesamt als gar nicht so ungewöhnliche Erscheinung wirken lassen. Ähnlich wie ein Walter Gropius oder Max Ernst war Steiner im höchsten Maß eklektizistisch veranlagt. Er griff Theorien aus allen Bereichen des Geisteslebens auf und verband miteinander, was scheinbar wenig miteinander zu tun hatte. Theoretisch oft dilettantisch, vermochte er aber als Redner sein Publikum immer wieder in den Bann zu ziehen.

"Auch das macht eben eine Facette von Steiners Wirken aus, dass er selbst in Bereichen, die bisher eher abstrakt durchdrungen wurden, eher denkerisch gefasst wurden, dass er diese Bereiche versucht hat, sich mit künstlerischen Werken vor Augen zu stellen und die dadurch auf diese Weise auch heute noch vermittelt werden können."

Steiners Lehre reagierte auf die für viele Zeitgenossen unvorstellbaren Theoriegebilde, in die die moderne Wissenschaft vorgestoßen war, allen voran auf die Relativitätstheorie und die Psychoanalyse. Sie entzogen sich unmittelbarer menschlicher Erfahrung. Gegen diese immer größere Entfernung von Wissenschaft und sinnlicher Erfahrung richtete sich auch zu Steiners Zeit bereits eine breite, antiintellektuelle Sehnsucht nach einer greifbaren Welt. In diesem Sinn war Steiners Lehre nichts anderes als der Versuch einer alternativen Wissenschaft, so wie sie sich heute in verschiedensten alternativen Heilmethoden, im neuen ökologischen Bewusstsein und in spirituellen Bedürfnissen ausdrücke, so Mateo Kries.

"Rudolf Steiner hat gezeigt, dass die Gestaltung unseres Alltags, die Gestaltung unserer Lebensumwelt eben verflochten sein kann mit philosophischen Fragestellungen, mit hochspirituellen Überlegungen, mit Farbpsychologie, mit architektonischen Fragen, mit künstlerischen Fragen, kurzum, er hat eigentlich den Begriff des Gesamtkunstwerks zu seiner Zeit verfolgt und vielleicht so weit getrieben wie nur Wenige um die Jahrhundertwende vom 19. zum 20. Jahrhundert."

Weitaus weniger plausibel mutet der zweite Ausstellungsteil an, der Versuch, den Theoriekosmos Steiners mit vermeintlichen Leitthemen der heutigen Gegenwartskunst zu verbinden. Das mag bei Joseph Beuys historisch noch noch nachvollziehbar sein, zumal Beuys sich explizit auf Steiner bezogen und ihn als künstlerischen Anarchisten gedeutet und teilweise in seiner Vortragstätigkeit imitiert hat. Steiners handgemalte Vortragszeichnungen an den Wänden wirken auch wie irritierend stimmige Ergänzungen zu Skulpturen von Beuys in dieser Ausstellung. Doch an anderen Stellen verkommt die Kunst zur beliebigen Illustration: Mario Merz und Giuseppe Pennone, zwei der wichtigsten arte povera-Künstler, müssen für Steiners ökologisches Gesamtbewusstsein herhalten, weil sie Naturprodukte in ihren Werken verwenden.

Olafur Eliasson und Anish Kapoor stehen mit Licht- und Spiegelobjekten unvermeidlich für die Versöhnung von Kunst und Naturwissenschaft unter dem Steinerschen Motto: "Es ist nicht das Auge, was sieht." Helmut Federle und Katharina Große stehen als malerische Positionen für die Versenkung in imaginäre Farbräume. Kunstmuseumsdirektor Markus Brüderlin betont, dass keiner der beteiligten Künstler eine Affinität zur Anthroposophie habe. Doch was sollen diese künstlerischen Beilagen sonst in dieser Ausstellung? Sie sind größtenteils nicht für sie und auch nicht in direkter Auseinandersetzung mit Steiners Werk entstanden. Sollen sie also erfahrbar machen, dass Steiners Geist am Ende doch in allen Dingen wohnt?

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