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Lesart / Archiv | Beitrag vom 21.01.2016

Gesa Ufer liest Musik - The YeasayerGuten Tag, ich bin das Gift

Von Gesa Ufer

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(imago/ZUMA Press)
Die Band Yeasayer im März 2013 beim Ultra Music Festival in Miami, Florida (imago/ZUMA Press)

The Yeasayer haben sich drei Jahre lang seit dem letzten Album Zeit gelassen, im Frühjahr soll nun ein neues erscheinen. Einen Vorgeschmack hat die Band vorab mit dem Song "I Am Chemistry" geliefert. Darin macht sich das Gift höchstpersönlich bemerkbar.

Sonderlich romantisch ist die Vorstellung nicht: Wir Menschlein bestehen vornehmlich aus Sauerstoff, Kohlenstoff, Wasserstoff und Stickstoff. Auch fast alle anderen Elemente, die das Periodensystem kennt, sind irgendwo in uns verbaut. Manche sind lebensnotwendig, viele überflüssig, andere sogar in größeren Dosen giftig.

Bei den Yeasayers stellt sich das Gift höchstpersönlich vor – in unterschiedlichster Ausprägung. Als Droge, Verführerin und tödliche Gefahr.

"I'm digoxin from the foxglove plant
The last remaining VX from Anniston
I'm an ACN and I'm DDT
Tap into your spine
I am a chemistry"

Naturwissenschaftlich korrekt mit lexikalisch akuratem Namen gibt sich das Gift die Ehre, ob aus dem Fingerhut, als geschmacks- und geruchsfreies Kampfgas, als DDT, Sarin oder Lösungsmittel streckt es Dich beim Tee nieder und rinnt direkt in Deine Wirbelsäule.

Flirrend und verwirrend wie ein Drogentrip wechseln die Yeasayer munter Perspektive und Personal. Sogar ein Kinderchor wiederholt die Ermahnungen der eigenen Mutter, die sich wie direkt aus dem Unterbewusstsein meldet: Finger weg vom Oleander! Mach nie wieder Quatsch mit der Nox vomica, der tödlichen Brechnuss!

"My mama told me not to fool with oleander
And never handle the deadly quaker buttons again"

Die Chemie spielt sie zum allerletzten Tanz auf

Zu früheren Zeiten, als noch nicht zwischen Chemie und Alchemie unterschieden wurde, gehörten chemische Metaphern zur Alltagskultur. Goethe zum Beispiel interessierte sich stark für die Naturwissenschaften und machte die Verbindung zwischen der Chemie und dem, was wir Menschen so treiben zum Thema seiner "Wahlverwandtschaften". Die meinen ursprünglich nämlich ein chemisches Phänomen: Bei ausreichend starker Anziehung lösen sich freigewordene Verbindungen voneinander ab, um sich mit einem freigewordenen Partner aus einer anderen Verbindung aufs Neue zu vereinen. Fürs Romanpersonal stellt sich die Frage, ob sie sich aus freiem Willen oder gemäß der Naturgesetze zum jeweils anderen hingezogen fühlen.

"I am chemistry
I am chemistry
I am chemistry
I am chemistry"

Heute stellen wir nur noch fest, wenn zwischen zwei Menschen "die Chemie stimmt". Und die britische Band Suede fragte besorgt, ob es nicht einfach nur die Drogen – gemäß amerikanischer Klassifizierung in harte und weiche/ A oder B – die einzige Chemie sei, die noch zwischen zwei Liebenden funktioniere -

"Oh, class A, class B
Is that the only chemistry between us?"

In dem Song der Yeasayer ist die Chemie selbst zum Subjekt geworden. 

Yeasayer - I Am Chemistry from Mute on Vimeo.

Im hochgradig verstörenden Video zum Song mäandern mutierte Aliens mit gequält menschlichen Zügen durch eine postapokalyptische Marslandschaft. Wie in einem Alptraum hat die Chemie die Oberhand ergriffen, als wie alle nicht mehr mit ihr rechneten. Mit den Yeasayern spielt sie zum allerletzten Tanz auf.

"(When you least expect it) I am chemistry
(That is when you get it) I am chemistry
(When you least expect it) I am chemistry
(That is when you get it) I am chemistry"

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