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Lesart | Beitrag vom 10.03.2016

Gesa Ufer liest Musik "Durch die schweren Zeiten" von Udo Lindenberg

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Udo Lindenberg bei der Präsentation der Ausstellung "Udo. Die Ausstellung" auf Schloss Neuhardenberg (picture alliance / dpa)
Durch Höhen und Tiefen im Laufe seiner Karriere: Udo Lindenberg (picture alliance / dpa)

Obwohl er bald 70 wird, denkt Udo Lindenberg noch lange nicht ans Aufhören. "Durch die schweren Zeiten" ist eine Auskopplung von seinem neuen Album, eine Ode an große Freundschaft in rauen Zeiten und ein weiterer solider Grundstein deutscher Musikgeschichte.

Es sind weder lupenreine Reime noch erlesen feingeistige Bilder, die seine Texte ausmachen, eher die Tatsache, dass Udo Lindenberg glaubhaft von dem singt, was er selbst erlebt hat: Abstürze bis tief unter den Kneipentisch, Durststrecken, zähe Jahre, in denen er als nuschelndes Wrack verlacht wurde.

Es geht nicht immer geradeaus
Manchmal geht es auch nach unten
Und das wonach du suchst
Hast du noch immer nicht gefunden

Die schweren Zeiten, die diesem Song seinen Namen gaben, kennt Lindenberg also nur zu gut. Und schon seit 1973, als er mit dem Soundtrack zu Hark Bohms Film "Nordsee ist Mordsee" seinen ersten großen Hit landete, singt er mit seiner coolen, schnoddrigen Stimme, die kaum gealtert ist, über die Sehnsucht nach dem anderen, besseren Leben, dem wahren Leben im Falschen.

"Ich träume oft davon, ein Segelboot zu klauen, und einfach abzuhauen..."

Die Metaphern, die Udo Lindenberg bemüht, sind eingängig und universell, man könnte sie auch simpel nennen. Da geht es immer wieder um Licht und Schatten, den Horizont, hinter dem es weitergeht, und um Wetterphänomene, die ihm, der seit Jahren im Hotel Atlantik im verregneten Hamburg logiert, so unterkommen:

Ich trag dich durch
Die schweren Zeiten
So wie ein Schatten
Werd ich dich begleiten

Werd ich dich begleiten
Denn es ist nie zu spät
Um nochmal durchzustarten
Wo hinter all den schwarzen Wolken
Wieder gute Zeiten warten

Beim ersten Hören verstört der anhängliche Schatten mehr als dass er tröstet: Ist ein Schatten – obwohl ständig bei einem – nicht eher düster und einer, der Licht schluckt? Wie die Erinnerung an den eigenen Tod – als ständigen Begleiter?

Auf dem Cover seiner für April angekündigten CD sind zwei Figuren mit Schlapphut zu sehen. Von weit weg. In schwarz-weiß. Es könnten Udo Lindenberg und sein alter ego sein. Das Foto könnte aber auch den Sänger selbst mit einer Frau oder einem Mann im Partnerlook darstellen. Dazu passt die Ankündigung Lindenbergs, Musik machen zu wollen, bis er eines Tages auf der Bühne sterbe - in den Armen einer schönen Frau oder eines schönen Mannes.

Im Mai wird Udo Lindenberg 70. Und dafür gibt er einen erstaunlich unpeinlichen Rocker ab. Sein Credo lautet selbstironisch "Der Greis ist heiß". Recht hat er. Wem sonst würde man es nachsehen, immer wieder in einen Slang zu verfallen, der jugendsprachlich gewollt rüberkommen könnte, statt dessen aber längst so authentisch zu ihm gehört wie der schwarze Schlapphut und die Sonnenbrille:

Denn es ist nie zu spät
Um nochmal durchzustarten
Wo hinter all den schwarzen Wolken
Wieder gute Zeiten warten
Wieder geile Zeiten warten
Wieder gute Zeiten warten

Benjamin von Stuckrad-Barre und Moritz von Uslar haben sich vor einigen Jahren drangemacht, Lindenberg in eine große Reihe mit "Alltagspoeten, Wortakrobaten und Sprachschöpfern wie Tucholsky, Ringelnatz, Jandl, Kästner, Gernhardt" zu stellen. Sogar den Jacob-Grimm-Preis als Teil des Kulturpreises Deutsche Sprache hat Lindenberg verliehen bekommen – als erster Musiker überhaupt.

Vielleicht ist beides etwas zu hoch gegriffen. Dennoch, dieser Mann, der mit Leichtigkeit und Tiefgang schon so viel wirkmächtiger über Krieg, Atomkraft und deutsch-deutsche Geschichte gesungen hat, als es so manche schlaue Rede in der Politik geschafft hat, legt mit diesem Song einen weiteren soliden Grundstein deutscher Musikgeschichte. Eine Ode an große Freundschaft in rauen Zeiten. Nicht mehr und nicht weniger. Vorgetragen vom besten Kumpel an der Bar.

Dann kommt die Sonne durch
Wir sind doch Lichtgestalten
Ey, das weißt du doch

Ich trag dich durch
Die schweren Zeiten
So wie ein Schatten
Werd ich dich begleiten

Werd ich dich begleiten

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