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Interview / Archiv | Beitrag vom 01.08.2013

Germanistin: Rechtschreibreform in der Schule schwer zu vermitteln

Eine Bilanz aus Sicht der Deutschlehrer 15 Jahre nach Einführung

Gisela Beste im Gespräch mit Ute Welty

Gisela Beste: Varianten zulassen. (AP)
Gisela Beste: Varianten zulassen. (AP)

Sowohl bei Lehrern als auch bei Schülern herrsche 15 Jahre nach Inkrafttreten der neuen Rechtschreibung noch immer Unsicherheit, was die korrekte Rechtschreibung angeht. Gleichwohl warnt Gisela Beste, Mitglied im Rat für Rechtschreibung, vor einer Überregulierung.

Ute Welty: So viel Skepsis bei einem Bundespräsidenten war selten. Gefragt nach der Sinnhaftigkeit der Rechtschreibreform von 1998 erklärte Roman Herzog ohne das berühmte Blatt vor dem Mund: "Ich habe mich nie mit der Rechtschreibreform befasst – ich befasse mich nur mit wichtigen Dingen!" Das dürften die Deutschlehrer hierzulande anders sehen, und für die zuständig ist Gisela Beste, Vorsitzende des Fachverbandes Deutsch im Deutschen Germanistenverband und Mitglied im Rat für Rechtschreibung. Guten Morgen, Frau Beste!

Gisela Beste: Guten Morgen, Frau Welty!

Welty: Jetzt doch mal gleich den Füller ans Herz: Wie schreiben Sie denn mein Lieblingswort, wie schreiben Sie Mayonnaise? Mit –y– und –ai– oder mit –j– und –ä–?

Beste: Ich schreib es mit –y– und –ai–, aber ich finde die andere Schreibweise auch durchaus akzeptabel. Wichtig ist ja hier auch die Verständlichkeit.

Welty: Ja, und beides ist ja richtig!

Beste: Und beides ist richtig, genau.

Welty: Ist das nicht genau die Crux der Reform, die heute vor 15 Jahren in Kraft trat? Denn es gibt eben mehrere Möglichkeiten, es richtig zu machen, und damit auch mehrere Möglichkeiten, Fehler zu machen.

Beste: Ja. Sprache ist ja ein ungeheuer vielfältiges Phänomen, das weiß jeder vom alltäglichen Gebrauch her. Und hier zu stark zu regulieren und bestimmte Schreibweisen zur absoluten Norm zu setzen, das widerstrebt dem Sprachgebrauch. Und deswegen ist es richtig, dass es auch Varianten gibt. Varianten sind ja auch wichtig, um Übergänge zu kennzeichnen. Wir schreiben ja heute auch nicht mehr Kulisse mit "C-o-u-l-i-s-s-e", sondern wir schreiben heute Kulisse anders, zeitweilig waren aber beide Schreibweisen geduldet.

Welty: Wie sehen das die Schüler und die Lehrer, auch mit den Korrekturen von 2004 und 2006?

Beste: Für die Schüler und für die Lehrer sind diese Korrekturen schwierig. Also, dass die Rechtschreibreform erst sehr strikt gewesen ist, sehr formal gewesen ist und dann wiederum sich dem Sprachgebrauch stärker angenähert hat, das ist für viele schwer zu bewältigen. Die Entscheidung war gut, finde ich, zurückzugehen, wieder näher zum Sprachgebrauch, aber die Folgen sind wirklich in der Schule, im Schulalltag schwer zu bewältigen. Es ist einfach eine Verunsicherung eingetreten. Wie Sie schon sagen: Was ist denn jetzt richtig? Und wie wichtig ist die Rechtschreibung. Sie haben ja den Bundespräsidenten damals zitiert. Das tut der Sache nicht gerade gut, wenn solche prominenten Menschen die Dinge da so in Frage stellen.

Welty: Wie gehen denn Schüler und Lehrer dann damit um, mit dieser Problematik?

Beste: Wichtig bleibt ja nach wie vor, dass Schülerinnen und Schüler die Rechtschreibung in ihren Grundregeln gut beherrschen. Das ist ja gar keine Frage, im Berufsalltag braucht man eine korrekte Rechtschreibung. Natürlich braucht man viel Zeit zum Üben, ich glaube, daran mangelt das heute ab und zu, man braucht Zeit, um die Konzepte zu verstehen, die hinter den Rechtschreibregeln stehen. Das ist nicht ganz einfach, ich glaube, hier kann die Ausbildung der Lehrer auch noch dazu beitragen, dass das besser wird. Und im Alltag, ja, sind natürlich wichtig Strategien. Wenn ich nicht weiß, wie es geschrieben wird, wie kann ich mir helfen?

Welty: Welche Strategie hilft denn Ihnen beispielsweise?

Beste: Mir hilft die Ableitungsstrategie, dass ich überlege, woher kommt ein Wort eigentlich. Und dann hilft mir natürlich das Wörterbuch. Das ist ganz klar. Und viele nutzen ja heute auch elektronische Programme, die sind ja in den Computern schon fest installiert, und die helfen natürlich auch. Wenn da ein Wort rot unterschlängelt ist, dann weiß man, da guckt man jetzt besser noch mal hin, das ist möglicherweise nicht ganz korrekt geschrieben. Möglicherweise ist es aber korrekt geschrieben, und es ist falsch rot unterschlängelt, das gibt es ja auch.

Welty: Wo Sie gerade die Korrekturprogramme ansprechen: Ist die Kunst der Rechtschreibung im Zeitalter der Korrekturprogramme nicht überhaupt eine aussterbende, und das vielleicht sogar zu Recht?

Beste: Nein. Schülerinnen und Schüler brauchen ja Rückmeldungen auch zu ihren Schreibweisen. Viele Schreibweisen müssen wirklich gelernt werden. Denken Sie mal daran, wie viele Möglichkeiten es gibt, das Wort "Wal" zu schreiben. Sie können es mit "W-a-h-l" schreiben, Sie können es "W-a-l" schreiben, sie können es mit V am Anfang schreiben. Es gibt tausend Möglichkeiten, und hier geht es darum, die richtige zu lernen, und dazu brauchen Schülerinnen und Schüler Rückmeldungen ihrer Lehrerinnen und Lehrer, dass sie ein Gefühl dafür auch entwickeln, was ist die richtige Schreibweise, und dass sie natürlich auch ein Verständnis der Regeln und eine Sicherheit in den Regeln entwickeln. Das ist ein ganz wichtiger Punkt, aber das reine Zählen von Fehlern, das halte ich auch nicht für den richtigen Weg. Also, ein Schüler, der 50 rote Zeichen an seinem Text hat, der wird das Gefühl haben, ich lern es nie, und das, denke ich, das ist pädagogisch wirklich der falsche Ansatz. Der braucht vielleicht eine Rückmeldung, in welchen Schwerpunktbereichen er vor allen Dingen Fehler gemacht hat, damit er mal einen Anfang findet. Und das ist auch sehr effektiv, damit habe ich als Lehrerin selbst gute Erfahrungen gemacht.

Welty: Fühlen sich die Lehrer ausreichend unterstützt in ihrem Bemühen um Sicherheit?

Beste: Ich denke, Lehrerinnen und Lehrer brauchen auch klare Signale, was ist wichtig. Wie wichtig ist denn der Gesellschaft heute Rechtschreibung? Macht man sich lustig nach den Reformen und sagt: 'Ja, jetzt weiß man ja gar nicht mehr, wie es geht', oder sagt man, 'Es ist schwierig, gerade die deutsche Rechtschreibung, die hält auch echte Herausforderungen bereit, aber wir stellen uns auch den Schwierigkeiten und wir bemühen uns in allen gesellschaftlichen Bereichen, vielleicht auf eine etwas spielerische Art, aber das richtige Schreiben wirklich als Norm zu verfolgen'. Das finde ich schon wichtig.

Welty: Deutschland tut sich mit Rechtschreibreformen ähnlich schwer wie mit Revolutionen. Drei hat es bislang gegeben, also Reformen. Was müsste bei einer vierten unbedingt anders gemacht werden als bei der jüngsten, eben bei der von vor 15 Jahren?

Beste: Ich glaube, vor allen Dingen sollte es eine vierte nicht geben. Also, ich denke, jetzt muss Ruhe einkehren, also jetzt ist es wichtig, die Regeln, die da gefunden worden sind, auch noch mal verständlicher zu machen. Ich halte es für ein ganz großes Problem, dass die Regeln doch sehr verklausuliert formuliert sind, nicht sehr klar. Sie sind auch nicht völlig widerspruchsfrei formuliert. Und was ich wichtig finde, ist, dass die Regeln in einer verständlichen Weise transportiert werden, sodass auch wirklich Schülerinnen und Schüler und Lehrerinnen und Lehrer im Alltag damit umgehen können. Wenn Sie ins amtliche Regelwerk schauen, da werden Sie staunen, wie schwierig diese sowieso schon komplizierte Materie da auch noch formuliert ist. Das ist aber auch im Rat für Rechtschreibung ein Thema und damit beschäftigt sich dieser Rat auch aktiv.

Welty: Das ist die Empfehlung von Gisela Beste vom Deutschen Germanistenverband nach 15 Jahren Rechtschreibreform. Ich sage danke mit weichem –d– und mit ohne –h–.

Beste: Vielen Dank auch Ihnen!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.


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