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Kalenderblatt / Archiv | Beitrag vom 17.08.2015

George Orwells "Animal Farm"Schweine sind auch nur Menschen

Von Almut Finck

Die Szene in Madame Tussauds Wachfigurenkabinett zeigt den britischen Schriftsteller George Orwell ("Farm der Tiere") an der Schreibmaschine. (picture alliance / dpa)
Der britische Schriftsteller George Orwell als Wachsfigur. (picture alliance / dpa)

Erst fand er keinen Verleger, der das Buch drucken wollte. Dann wäre das Manuskript bei einem Bombenangriff fast verloren gegangen. Heute vor 70 Jahren erschien dann doch "Animal Farm" von George Orwell. Die im Grunde tieftraurige Parabel machte ihn weltberühmt. Nur in der Sowjetunion wurde das Buch sofort verboten.

Bauer Jones ist ein Tyrann. Er misshandelt und schlägt seine Tiere. Sie müssen hart arbeiten, ihre Futtertröge bleiben oft leer. Eines Tages rebellieren sie. Der Aufstand gelingt. "Jones war vertrieben, und die Herren-Farm gehörte ihnen."

Jetzt könnte die Geschichte zu Ende sein. Bei George Orwell fängt sie aber erst an. Denn die Tiere haben Großes vor. Sie wollen eine Gesellschaft errichten, in der es Gewalt und Unterdrückung nicht gibt. "Schwach oder stark, schlau oder schlicht, wir sind alle Brüder. Kein Tier darf je ein anderes töten. Alle Tiere sind gleich." Doch dann reißen die Schweine die Macht an sich. Bald schwingt doch wieder jemand die Peitsche, ein brutaler Keiler mit Namen Napoleon. Am Ende gilt, was geflügeltes Wort heute ist: "Alle Tiere sind gleich, aber manche sind gleicher." Eine hoffnungsfrohe Revolution, die sich in ihr fürchterliches Gegenteil verkehrt. Alles ist so wie früher. Fast. 

"(...) wenn es auch Ungemach zu erdulden gab, so wurde dies teilweise durch die Tatsache aufgewogen, dass das Leben heutzutage mehr Würde besaß als früher. Es gab mehr Lieder, mehr Reden, mehr Aufmärsche. Napoleon hatte befohlen, dass einmal in der Woche eine sogenannte 'Spontan-Demonstration' stattfinden sollte, deren Zweck es war, die Kämpfe und Triumphe der Farm der Tiere zu feiern.

Zur festgesetzten Zeit verließen die Tiere dann ihre Arbeit und marschierten in militärischer Formation die Grenzen der Farm ab, voraus die Schweine, dann die Pferde, dann die Kühe, dann die Schafe und schließlich das Federvieh (...). Anschließend wurden zu Napoleons Ehren verfasste Gedichte rezitiert, und Schwatzwutz hielt eine Rede, in der er Einzelheiten über die jüngsten Steigerungen in der Futterproduktion bekannt gab."

Stalin als brutales Schwein war Verlegern zu heikel

Die parodistischen Anspielungen auf die russische Revolution sind unübersehbar. Napoleon ist niemand anders als der Diktator Josef Stalin. Auch Lenin ist vertreten, in Gestalt des sterbenskranken Old Major, eines altersweisen, immer noch majestätischen Ebers. Ihm verdanken die geschundenen Kreaturen den Mut, ihren Aufstand zu wagen.

Es ist Old Majors Vermächtnis, dass die Tiere pervertieren, so wie George Orwell, übrigens keineswegs Anti-Kommunist, mit Entsetzen beobachten musste, wie schnell der Traum von einem Leben in Freiheit und Würde nach Gründung der Sowjetunion ausgeträumt war.

Orwell hatte zunächst Schwierigkeiten, seine Fabel über die Diktatur der Schweine zu publizieren. Als er sie 1943/44 schrieb, war noch Krieg und die Sowjetunion ein Verbündeter der Alliierten im Kampf gegen den Faschismus. Stalin als Schwein? So viel Spott war vielen englischen Verlegern zu heikel. "Animal Farm", zu deutsch: "Farm der Tiere", erschien schließlich am 17. August 1945, drei Jahre vor Orwells beklemmend hellsichtiger Analyse des totalen Überwachungsstaats in seinem Roman "Nineteen Eighty-Four". Fünf Jahre bevor der hagere, hochgewachsene Mann mit der ewigen Zigarette im Mundwinkel starb, mit noch nicht einmal 50, an Tuberkulose.

Orwells Botschaft: Soziale Revolution ist unmöglich

"Animal Farm" machte George Orwell zum meistgelesenen britischen Autor des 20. Jahrhunderts. Das war nur möglich, weil das Buch mehr ist als eine bitterböse Abrechnung mit dem Sowjetkommunismus, nämlich eine bisweilen hinreißend komische, im Grunde aber tieftraurige Parabel über die Korrumpierbarkeit des Menschen. Orwells so zynische wie trostlose Botschaft: Die soziale Revolution kann nicht gelingen. Nie. Die Machthaber mögen hinterher andere sein. Die Strukturen von Macht bleiben die gleichen.

Denn der Mensch ist ein Schwein.

Old Major hatte einst die Losung verkündet: "Alle Menschen sind Feinde. Alle Tiere sind Genossen."

Doch die Schweine, zur herrschenden Klasse aufgestiegen, beginnen zu überwachen und zu strafen, wie einst Bauer Jones und seine Leute. Sie schlafen in den weichen Betten ihrer früheren Peiniger, verfallen dem Suff und fressen sich fett. Das Schwein ist halt auch nur ein Mensch. Der letzte Satz in George Orwells Parabel lautet: "Die Tiere draußen blickten von Schwein zu Mensch und von Mensch zu Schwein, und dann wieder von Schwein zu Mensch; doch es war bereits unmöglich zu sagen, wer was war."

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"Animal Farm" 
(Deutschlandfunk, Andruck, 19.05.2014)

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