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Buchkritik | Beitrag vom 15.02.2016

Geoffroy de Lagasnerie: "Die Kunst der Revolte"Helden des Internetzeitalters

Von Ingo Arend

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Wikileaks-Gründer Julian Assange spricht nach der Bekanntgabe des UNO-Gutachtens per Videoübertragung auf einer Pressekonferenz. (dpa-Bildfunk / EPA / Will Oliver)
Wikileaks-Gründer Julian Assange - ein moderner Held? (dpa-Bildfunk / EPA / Will Oliver)

Snowden, Assange, Manning - diese drei Männer sind keine Verräter, meint Geoffroy de Lagasnerie in seinem Essay "Die Kunst der Revolte". Sondern: Sie verkörpern ein "neues politisches Subjekt".

"Moderne Helden, die für die Wahrheit ihre Freiheit verloren haben" - so nannte der italienischen Bildhauer Davide Dormino die drei Whistleblower Edward Snowden, Julian Assange und Chelsea Manning. Das Trio beeindruckte ihn so, dass er es vergangenes Jahr als lebensgroße Bronzeskulptur verewigte. Den Heldenstatus spricht auch der französische Philosoph Geoffroy de Lagasnerie den Dreien nicht ab. Sein neues Buch "Die Kunst der Revolte" versteht er explizit als deren "Würdigung".

Der Wissenschaftler, Jahrgang 1981, der an einer Pariser Kunsthochschule lehrt, sieht Snowden, Assange und Manning als "exemplarische Figuren" einer "neuen politischen Kunst" und eines "neuen politischen Subjekts". Er wertet ihr Vorgehen als die "Radikalisierung der Demokratie" gegen einen Staat, der mit Massenüberwachung und der Vermehrung rechtsfreier Räume die bürgerlichen Freiheiten außer Kraft zu setzen beginnt.

Die unter Aktivisten und Wissenschaftlern übliche Charakterisierung als "ziviler Ungehorsam" führe freilich in die Irre. Vom klassischen Dreischritt des zivilen Ungehorsams - ungehorsam sein, sich verhaften lassen und die Strafe akzeptieren - unterschieden sich alle drei. Denn mit dem Nicht-Erscheinen in der Öffentlichkeit, mit Flucht und Exil stellten sie die Legitimität des Staates, den sie verraten, anders in Frage als etwa Mahatma Gandhi oder Rosa Parks.

In Lagasneries Deutung soll dieser postheroische Ansatz oppositionelle Politik von dem "Pathos der Politik befreien" und ihn davon entlasten, ein "Risiko für etwas auf sich zu nehmen, wofür sie nicht verantwortlich ist". Er sieht hier eine "Ethik der Schurken gegen die Ethik der Staatsbürgerschaft" am Werk: Warum sich gegenüber einem Staat verantworten oder offen auftreten, der das Staatsgeheimnis kultiviert, selbst Verbrechen begeht und sich der Rechenschaft dafür entzieht?

Bindekraft der sozialen Medien

Als Beschreibung mag Lagasneries Analyse überzeugen, als Handlungsanweisung eher nicht. Denn die von ihm gepriesene "Praxis der Anonymität" und die "Möglichkeit des verdeckten Handelns" wird nicht mehr nur von progressiven Akteuren wie dem Hacker-Kollektiv "Anonymous" genutzt. Längst praktiziert nämlich die politische Rechte, der von der amerikanischen Dokumentarfilmerin Laura Poitras diagnostizierte "deep state" oder der enthemmte Mob im Karneval dieselbe "Kunst der Revolte".

Ähnliches gilt für Lagasneries Idee einer "Entnationalisierung der Geister" via Internet und soziale Medien. Können deren "flüchtige Gemeinschaften", von denen er sich erhofft, dass sie den Nationalstaat ersetzen, soziale Bindekraft entwickeln?

Dennoch: So hartnäckig, wie Lagasnerie insbesondere progressive Denker von Hannah Arendt bis John Rawls gegen den Strich liest, kommt er einem aufschlussreichen Gestaltwandel des Politischen auf die Spur. Sein spannender Essay gibt damit ein beeindruckendes Beispiel (links-)unabhängigen Denkens.

Geoffroy de Lagasnerie: "Die Kunst der Revolte. Snowden, Assange, Manning"
Aus dem Französischen von Jürgen Schröder
Suhrkamp. Berlin 2016. 160 Seiten, 19, 95 Euro

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