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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 25.03.2008

Gentechnik gegen Hunger

Klaus Hahlbrock: "Kann unsere Erde die Menschen noch ernähren?", Fischer Taschenbuch Verlag, 318 Seiten

Ein unterernährter Junge wird in der Stadt Maradi im Niger behandelt. (AP)
Ein unterernährter Junge wird in der Stadt Maradi im Niger behandelt. (AP)

Die Weltbevölkerung wächst immer schneller, immer mehr Menschen hungern. Gleichzeitig ist die Umwelt massiven Bedrohungen ausgesetzt und die Lebensmittelproduktion stößt an ihre Grenzen. "Kann unsere Erde die Menschen noch ernähren?" - fragt Klaus Hahlbrock und plädiert für den Einsatz von Gentechnik, um den Welthunger zu stoppen.

"Kann unsere Erde die Menschen noch ernähren?", fragt der Biochemiker Klaus Hahlbrock in seinem neuen gleichnamigen Buch und greift damit ein Thema auf, das weltweit heiß diskutiert wird und einer dringenden Lösung bedarf: einer Lösung, die Klaus Hahlbrock in der Gentechnik sieht. Das zumindest legt der Untertitel seines Buches "Bevölkerungsexplosion - Umwelt - Gentechnik" nahe. Es zu lesen, ist spannend, auch wenn man der Gentechnik kritisch gegenüber steht, sie gar ablehnt, denn hier schreibt ein ausgewiesener Fachmann: Klaus Hahlbrock war lange Zeit Direktor am Max-Planck-Institut für Züchtungsforschung in Köln. Er weiß also, wovon er spricht, und genau das macht den Reiz dieses Buches aus. Denn auf den über 300 Seiten lernt man viel über die Methoden und Möglichkeiten der Pflanzenzüchtung und damit der Nahrungsmittelversorgung.

Das Buch beginnt mit einer sehr eindrücklichen Beschreibung des Problems: Die Weltbevölkerung wächst, die Menschheit braucht mehr Nahrung. Die nötige Nahrungsmittelproduktion greift aber massiv in die natürliche Umwelt ein und trägt zur Naturzerstörung und zum Artensterben bei. Die Menschheit sägt also am Ast, auf dem sie selbst sitzt. Das Problem, so Klaus Hahlbrock, kann nur gelöst werden, indem mehr Hochleistungsnahrungspflanzen gezüchtet werden, ohne die dafür genutzte Fläche wesentlich auszudehnen und indem die Umweltbelastungen durch Dünger, Unkrautvernichtungs- und Pflanzenschutzmittel innerhalb möglichst kurzer Zeit erheblich verringert werden. Beide Ziele könnten nur mit Hilfe der Gentechnik gelöst werden, deren Entwicklung er ausführlich beschreibt.

Zunächst gibt er einen Überblick über die Geschichte der Landwirtschaft der vergangenen zehntausend Jahre und zeigt, dass der Mensch schon seit der Jungsteinzeit durch Züchtung gezielt das Erbgut von Pflanzen und Tieren verändert. Dann geht der Autor im Detail auf die Möglichkeiten und Methoden sowohl der konventionellen Pflanzenzüchtung als auch der Gentechnik ein, um am Ende des Buches eine Reihe kritischer Fragen zur Gentechnik zu beantworten.

Das alles lässt sich gut lesen. Das Buch ist - bis auf wenigen Ausnahmen - leicht verständlich geschrieben, und der Autor verzichtet weitgehend auf Fachbegriffe. Die wenigen, die er benutzt, erläutert er. Überraschend ist dabei der moralische Grundton, der sich wie ein roter Faden durch das Buch zieht. Hahlbrock betont, dass die Europäer durch ihre Ablehnung der Gentechnik in erster Linie der Umwelt und den Kleinbauern in Entwicklungsländern schadeten, die nach Ansicht des Autors am stärksten von gentechnisch veränderten Nutzpflanzen profitieren könnten.

Nährstoffarme Böden, extreme Klimabedingungen sorgen dort oft für erschwerte Anbaubedingungen. Dagegen sind zum Beispiel in Frankreich die Weizenerträge pro Hektar schon zweieinhalbmal so hoch als in den USA und mehr als dreimal so hoch wie in Argentinien, Kanada, Australien und Russland - von Entwicklungsländern ganz zu schweigen. Gerade Europa sei also durch sein günstiges Klima und die fruchtbaren Böden sowieso schon allen anderen Kontinenten gegenüber im Vorteil und müsse eben deshalb genauso wie alle anderen Industrieländer Verantwortung übernehmen und Forschung an neuen Pflanzen ermöglichen.

Das ist eine Argumentation, der man leicht folgen kann, auch wenn das Buch aus einer ganz klaren Position heraus geschrieben worden ist: einer Position, aus der Klaus Hahlbrock kein Geheimnis macht. Genau deshalb kann das Buch nicht als alleiniges Werk über Chancen und Risiken der Gentechnik dienen. Dafür ist es zu einseitig. Viele Studien, die zum Beispiel auf negative ökologische Auswirkung durch den Anbau von gentechnisch veränderten Pflanzen hinweisen, bleiben unberücksichtigt.

Gleichzeitig verheddert sich der Autor in Widersprüche, wenn er einerseits die Vorteile einer gentechnisch veränderten Maissorte lobt, die mit Hilfe eines Bakteriengens Insektenresistent gemacht wird, sich andererseits aber dagegen ausspricht, mit Hilfe von Gentechnik Organismen herzustellen, die auf konventionelle Weise nicht gezüchtet werden könnten. Dieser besondere Mais ließe sich auf konventionelle Art niemals züchten. Zu dieser Widersprüchlichkeit passt auch das Nachwort, in dem der Autor plötzlich schreibt, dass er nicht wisse, ob sich die Ernährungs- und Umweltprobleme der Welt tatsächlich mit Hilfe von Gentechnik lösen ließen. Und das, nach einer 300-seitigen Lobeshymne auf die Gentechnik.

Trotzdem dient Klaus Hahlbrocks Buch als gute Einstiegslektüre zum Thema Gentechnik, bietet es doch auch dem Laien einen fundierten Überblick über das Thema. Und genau das soll es. Erschienen ist das Buch in einer zwölfbändige Reihe die vom "Forum für Verantwortung" herausgegeben wurde. Dahinter verbirgt sich eine vom ehemaligen Metro-Chef Klaus Wiegandt gegründete Stiftung, die es sich zum Ziel gesetzt hat, Wissenschaft und Bildung zu fördern, um so wörtlich "den Menschen ein Handeln aus Einsicht und Verantwortung zu ermöglichen".

Rezensiert von Monika Seynsche

Klaus Hahlbrock: Kann unsere Erde die Menschen noch ernähren?
Bevölkerungsexplosion - Umwelt - Gentechnik

Herausgegeben von der Stiftung "Forum für Verantwortung"
Fischer Taschenbuch Verlag, 318 Seiten, 9,95 Euro

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