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Weltzeit / Archiv | Beitrag vom 03.09.2013

Generation Fragezeichen: Jugend in Serbien

Für Serbien rückt die EU näher, für die Jugend ist die Gemeinschaft aber nur fernes Ausland

Von Katrin Lechler

Musik, die die Sehnsucht aufgreift, als Hilfe (picture alliance / dpa / Norbert Försterling)
Musik, die die Sehnsucht aufgreift, als Hilfe (picture alliance / dpa / Norbert Försterling)

Jahrelang hat Serbien auf der Wartebank der EU gesessen. Im Sommer dann die Nachricht: Die Beitrittsgespräche beginnen. Doch die Jahre politischer Isolation sind in Serbien noch immer spürbar. Vor allem für die Jungen. Für sie ist die Frage nach Zukunft wichtiger als die nach der Geschichte.

Vor dem Eingang der philosophischen Fakultät in Novi Sad, der zweitgrößten Stadt in Serbien, herrscht Gedränge. Abiturienten bewerben sich um einen Studienplatz. Die meisten sind mit ihren Eltern gekommen, manche sogar aus anderen Städten.

"Ich bin aufgestanden, zur Schule gegangen, zurückgekommen, habe gelernt und bin dann schlafen gegangen. Jeden Tag."

Erzählt die achtzehnjährige Nikolina. Sie ist aus der Serbischen Republik in Bosnien hergekommen, um sich in Novi Sad an der medizinischen Fakultät zu bewerben. Aufgeregt knetet sie die Papiere, die sie in der Hand hält: Auf fünf Bewerber kommt nur ein Studienplatz. Wenn Nikolina es schafft, hofft sie später auf einen guten Job. Denn für Mediziner, glaubt sie, seien die Berufschancen besser als für andere Berufe.

In der Regel werden 1000 Euro Studiengebühren pro Jahr fällig. Das ist nicht wenig bei einem durchschnittlichen Monatseinkommen von 350 Euro. Besonders für junge Menschen vom Land ist allein das Studium Luxus. Ein Auslandssemester können sich die meisten da erst recht nicht leisten:

"Junge Menschen würden gern ins Ausland gehen, aber sie haben keine Chance, Kontakt mit Kommilitonen von anderen Universitäten in Europa aufzunehmen. Wir haben keine Möglichkeit zu sehen, wie andere Unis Praxis vermitteln. Leider sind wir jetzt wegen unserer finanziellen Situation eingeschränkt."

Reguläre Austauschprogramme wie Erasmus sind nicht sehr verbreitet in Serbien. Hinzu kommt, dass es 20 Jahre lang kaum möglich war, das Land zu verlassen: Die EU hatte nach den Balkan-Kriegen eine Visumspflicht für Serben eingeführt, die erst 2009 aufgehoben wurde. Auslandserfahrungen machen viele später dennoch, gezwungenermaßen, wenn sie keine Arbeit in ihrer Heimat finden, erzählt Nemanja, der im zweiten Jahr Krankenpflege studiert.

"Ein abgeschlossenes Studium ist keine Garantie für eine Arbeit bei uns. Man braucht Beziehungen, um einen Job als Arzt zu finden. Man kann einen hervorragenden Notendurchschnitt haben, aber ohne Vitamin B hilft das nicht weiter. Das ist die traurige Wahrheit. Ich will erst mal ein paar Jahre praktische Erfahrung in Serbien sammeln und dann ins Ausland gehen."

Arbeitslosigkeit ist höher als in Griechenland

Die serbische Industrie ist seit den Jugoslawien-Kriegen in den 90er Jahren kontinuierlich geschrumpft. Die Arbeitslosigkeit verharrt auf hohem Niveau - die Weltbank geht in ihrem jüngsten Bericht von 28 Prozent der gesamten arbeitsfähigen Bevölkerung aus, selbst in Griechenland ist sie geringer. Dabei ist die Arbeitslosigkeit nicht gleich verteilt: Bei den Unter-Dreißigjährigen ist sie etwa doppelt so hoch wie bei den Älteren.

Auf dem Uni-Campus nimmt das Leben indes seinen normalen Lauf. Auf ausgebreiteten Decken werden gebrauchte Bücher verkauft. Studierende stehen um einen kleinen Brunnen herum und unterhalten sich.

Gut 1000 Kilometer von Novi Sad entfernt sitzt Filip Balunovic in einem Cafe in Berlin.

Der Politik-Student mit serbisch-albanischen Wurzeln hat vor drei Jahren die Initiative "Alternatives Belgrad" gegründet. Zusammen mit Freunden zeigt er Touristen seine Heimatstadt Belgrad abseits der touristischen Trampelpfade. Kostenlos. Im Gegenzug treffen sie junge Europäer, ohne selbst Geld dafür ausgeben zu müssen. Jetzt studiert Filip Balunovic drei Auslandssemester in Großbritannien und Deutschland. Die Europäische Union sieht er inzwischen viel kritischer. Er selbst sieht Serbiens Zukunft eher in einem Staatenbündnis der ex-jugoslawischen Republiken:

"Es gibt eine recht bedeutende Jugendbewegung in den ehemaligen Staaten Jugoslawiens. Sie denken, mich eingeschlossen, dass die Region sich nicht entwickeln kann, wenn sie geteilt bleibt. Kleine Staaten sind nicht in der Lage, mit den Herausforderungen der Weltpolitik fertig zu werden. Die Jugo-Nostalgie wächst jeden Tag in Slowenien. Einfach, weil die Menschen nun am Rande der EU leben und spüren, wie es ist, klein und irrelevant zu sein. Deshalb aktivieren sie frühere Erfahrungen: nicht um zum Alten zurückzukehren, sondern um etwas Neues zu schaffen."

Eine Band, die diese Sehnsucht aufgreift, ist die serbische Rap-Gruppe Beogradski Sindikat, übersetzt: Belgrader Gewerkschaft.

Sie tourt durch den gesamten Balkan. Einer ihrer bekanntesten Titel ist die "Ballade des Dissidenten", in der sich ein Fortgegangener wehmütig an alte Zeiten erinnert. Sie scheint ein kollektives Gefühl anzusprechen - vielleicht gerade deshalb, weil sie ganz im unpolitischen, persönlichen Bereich bleibt:

Aufgewachsen mit Liedern der Stadt-Boheme
Mit Geschichten der Fischer, die es heute nicht mehr gibt
Mich in verrauchten Kneipen an den Besten gehärtet
Mit den Damen geflirtet, mit den Wucherern gespielt
Mal glücklich nach Haus, mal alles verloren
Mal am Hals einer Frau, mal den Zaun geküsst

Erinnerst du dich wie es früher war.
mein Belgrad, nach allem was geblieben ist.


Der Glaube an das neue Staatenbündnis fehlt

Auch die Schüler Aleksandar, Pavle und Uros mögen und hören die Rap-Gruppe. Sie treffen sich regelmäßig in einem Jugendklub. Doch dass die Musikgruppe von vielen Menschen in den Ländern Ex-Jugoslawiens gehört wird, ist für sie noch lange kein Grund, an ein neues Staatenbündnis zu glauben, sagt der 18-jährige Uros Radulovic:

"Kulturell betrachtet wäre es vielleicht möglich, dass wir wieder ein Staat werden. Aber inzwischen ist der Nationalismus gewachsen und das Bedürfnis etwas Eigenes zu haben. Es ist eine schöne Bewegung, die sich für ein neues Bündnis einsetzt. Es wäre schön, wenn so etwas entstünde. Aber ich glaube, es ist nicht die richtige Zeit dafür."

Die drei Schüler sitzen in den Räumen des Belgrader Jugendklubs E8, der von der internationalen Nichtregierungsorganisation CARE bezahlt wird. Neben einigen alten Schreibtischen und Computern steht ein Bett. An der Wand hängen ein paar Poster, durch das schmutzig-blinde Fenster fällt der Blick in einen Hof mit vertrocknetem Gras und bröckelndem Beton.

Kein Luxus, doch ein Rückzugsraum, von dem viele Unter-Dreißigjährige nur träumen können, müssen doch die meisten aus finanziellen Gründen bei ihren Eltern wohnen. Durch einen kleinen Gang geht es zur winzigen Bar und einem Sofa mit ein paar Stühlen drumherum.

In diesen Räumen bereiten die Jugendlichen zusammen mit ihrem Teamleiter Workshops oder Veranstaltungen vor - ehrenamtlich. Gerade haben sie ein Fußballspiel mit gemischten Mannschaften an ihrer Schule organisiert. Das Besondere dabei: Es wurden nur die Tore der Mädchen gewertet. Anschließend kamen über Hundert Jugendliche zum Grillen zusammen. Das Motto aller der von ihnen organisierten Aktivitäten lautet: "Budi Musko - Sei ein Mann!" - eigentlich ein provozierender Name, findet der siebzehnjährige Pavle Kukolj:

"Das klingt wie ein Aufruf zur Gewalttätigkeit. Aber wenn man an diesen Workshops teilnimmt, dann versteht man, dass es genau um das Gegenteil geht. Ich habe selbst teilgenommen und sehe manche Dinge jetzt anders."

Gewalterfahrungen gehören zum Alltag

Die Jugendlichen spielen Theater, texten Rap-Songs, treffen junge Männer aus den Nachbarländern, reden aber auch über Verhütung sowie Aggression und Gewalt unter Gleichaltrigen - für Pavle, Aleksandar und Uros alltägliche Erfahrungen, erzählt Uros:

"Letztes Jahr war ich beim Belgrader Bierfest mit meinen Bekannten unterwegs und da war auch ein Junge aus Kroatien. Die anderen wollten ihm unbedingt eine reinschlagen. Ich habe ihnen dann gesagt: Wenn sie ihn angreifen, stelle ich mich gegen sie und das schafft eine blöde Situation."

Ein anderes Beispiel:

"Als wir letztes Jahr bei einem Jugendcamp waren, sangen bei der gegenseitigen Vorstellung, die Kroaten irgendein nationalistisches Lied - mein Dalmatien oder sowas. Aber das hat mich nicht provoziert. Ich bin ja kein Kind mehr."

Gewalt, Aggression und Gruppenzwang, das, was die Generation der heute 15- bis 20jährigen Serben quält, hängt mit der Vergangenheit zusammen.

"Wir drei sind in den 90er Jahren aufgewachsen - in einer Zeit von Kriminalität und einem total verdrehten Wertesystem. Gerade weil das damals so war, haben wir heute diese ganzen Probleme."

Hier setzt das Programm "Sei ein Mann!" an - im Logo zeigt es einen prallen Bizeps, in dessen Mitte ein menschliches Gehirn zu sehen ist. Ziel ist, neue Bilder von Männlichkeit zu verankern - Verantwortung und Schutz für Schwächere statt Dominanz und Machogehabe.

Die drei jungen Männer im Jugendclub scheinen gegen Hass und Gewalt inzwischen einigermaßen resistent: Sie reisen zu Jugendprojekten in unterschiedliche Städte und Länder und haben sich dadurch verändert, erzählt Aleksandar:

"Ich weiß nicht, was ich machen werde im Leben"

Schlägereien gebe es in letzter Zeit kaum noch, erzählt er. Eher würden sie weggehen oder zusammen abhängen. Uros, der Älteste der drei, denkt inzwischen weniger über Jugendgewalt nach als darüber, was er später machen will:

"Für uns ist nichts vorhersehbar. Ich weiß nicht, wohin ich gehe und was ich machen werde im Leben. Ich würde gern in einer Nichtregierungsorganisation wie diesem Jugendklub E8 arbeiten. Es ist keine schöne Vorstellung, dass ich irgendwo im Ausland leben muss wegen der Arbeit."

Branko Birac, der 29-jährige Teamleiter des Jugendclubs, bereitet sich auf eine Demonstration in der Belgrader Innenstadt vor, auf der gegen die Schließung der Stadtbibliothek protestiert wird.

Dort, auf dem Platz der Republik mitten in Belgrad ist allerdings statt flammender Reden eine tickende Uhr zu hören.

"Wir fühlen uns jetzt wie eine sehr arme Nation. Wir haben eine Welle von Popkultur, die alle guten Dinge auslöscht - wir haben nur noch Volkstänze und Reality-Shows."

"Unsere älteste Stadtbibliothek mit 52.000 Büchern wurde vor zwei Jahren geschlossen. Meine Familie ist seit sechs Generationen als Nutzer eingeschrieben in dieser Bibliothek - unsere Kinder, Enkel, Großeltern und Urgroßeltern. Seit zwei Jahren schreiben wir Briefe an das Kulturministerium - ohne Erfolg. Jetzt wollen wir Unterschriften für eine offizielle Petition sammeln."

Zu den Protestierenden gehört auch die 25-jährige Theaterstudentin Nina, die mit ihren Freundinnen gekommen ist:

"Ich schäme mich dafür, Teil einer Gesellschaft zu sein, die Bibliotheken schließt. Ein dummes Beispiel: Wir haben Roma-Kinder, die nicht zur Schule gehen. Mit einer Bibliothek hätte eines von ihnen zumindest die Chance. Wenn solche Einrichtungen nicht mehr existieren, frage ich mich, wohin es mit uns geht. Für mich ist es ein Grundrecht, sich selbst bilden zu können, lesen und schreiben zu können. Es ist wie essen und schlafen."

Doch nicht allzu viele Twens scheinen das ähnlich wie Nina zu sehen: Junge Gesichter sind auf dem Platz der Republik kaum zu sehen:
Die verpassten Chancen, eine andere Gesellschaft kennen lernen zu können, führen dazu, dass junge Menschen in Serbien ganz andere Vorstellungen als junge Westeuropäer von dem haben, was modern sei, sagt Filip Balunovic - der serbisch-albanische Politikstudent, der zurzeit in Berlin studiert:

"Hier im Westen wird es mehr und mehr Mainstream, nicht nationalistisch zu sein, nicht konservativ zu sein. Serben, die nicht ins Ausland gehen, haben keine Chance das so zu sehen. Sie sehen unseren Staat als rückständig an, weil wir zuviel soziale Gerechtigkeit haben, zuviel sozialistische Wurzeln. Aber eigentlich ist es ganz anders: Wir haben nicht genug Gerechtigkeit, Solidarität und Gleichheit."

Auch er träumt davon, dass Serbien eines Tages zu einem größeren, gerechteren Staatenverbund im Balkan gehören wird:

"Mein Land sollte ein Synonym für Solidarität sein, in dem die Nationalität, Religion und ethnische Herkunft keine Rolle spielt. Ein Land, wo niemand vor Hunger stirbt, wo keiner wegen des Namens seiner Vorfahren einen Job bekommt, sondern wegen seiner Fähigkeiten. In meinen Träumen arbeitet jeder für die Gemeinschaft."


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