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Politisches Feuilleton / Archiv | Beitrag vom 21.08.2013

Generation Chancenlos

Beschäftigungspolitik in Deutschland - eine Welt der zwei Realitäten

Von Martin Hyun

Noch immer hängt beruflicher Aufstieg von der Herkunft ab. (picture alliance / dpa / Karl-Josef Hildenbrand)
Noch immer hängt beruflicher Aufstieg von der Herkunft ab. (picture alliance / dpa / Karl-Josef Hildenbrand)

Knapp 42 Millionen Menschen sind derzeit hierzulande erwerbstätig - eine neue Höchstmarke. Kleine und mittlere Unternehmen klagen, sie fänden keine Mitarbeiter. Unternehmensberater empfehlen, in Südeuropa nach Fachleuten zu suchen. Angesichts dieser Daten wundert sich Martin Hyun, warum studierte Kinder aus Migrantenfamilien keinen Job in Deutschland finden.

Ganz Europa entrüstet sich über die hohe Jugendarbeitslosigkeit, beschwört die Gefahr, dass eine weitere Generation verloren gehe. Dagegen soll ein europaweiter Ausbildungspakt helfen.

Viel wird über junge, arbeitslose Spanier und Griechen, Italiener und Franzosen geredet. Ihnen wird angeboten, auf Zeit nach Deutschland zu kommen, weil es der florierenden Wirtschaft an Fachkräften mangele. Doch die gut ausgebildeten Kinder ausländischer Familien, die in Deutschland aufgewachsen sind, scheinen nicht gemeint zu sein. Stattdessen verwandeln sie sich unbemerkt in die "Generation Chancenlos".

Nur acht Unternehmen verpflichten sich der "Vielfalt"

Sicher: Die Bundesregierung wirbt dafür, mehr Migranten in den öffentlichen Dienst einzustellen. Und 1.500 Unternehmen unterzeichneten die "Charta der Vielfalt", die jungen Leuten - unabhängig von ihrer Herkunft - zu einem Arbeitsplatz verhelfen will. Doch nur acht von ihnen nahmen anschließend am Projekt des anonymisierten Bewerbungsverfahrens teil.

Und so sieht die Praxis aus: Den guten Worten folgen kaum Taten. Das habe ich selbst erlebt. Mit 34 Jahren bin ich auf Absagen von Stellengesuchen abonniert - trotz Studium mit Master-Diplom, Auslandserfahrung und Stipendium für Begabtenförderung. Gelobt als gelungenes Beispiel der Integration, scheitere ich auf dem Arbeitsmarkt an meinen fremdklingenden Namen, an dem asiatischen Aussehen und, wer weiß, vielleicht auch am Geschlecht. Denn zur Frauenquote habe ich nichts beizutragen.

Also jobbe ich als Kundenbetreuer in einem Call-Center. Dort helfen mir zumindest meine Englischkenntnisse. Und ich erlebe jene Vielfalt, die sich andere Arbeitgeber vollmundig vorgenommen haben: Frauen mit Kopftuch, Araber, Asiaten, Afrikaner, Südeuropäer und Deutsche, Akademiker und Hauptschüler. Was sie besonders macht, ist vor dem Kunden geschützt durch die Anonymität des Telefonhörers.

Meine Stellenbeschreibung ist simpel: Sieben Anrufe pro Stunde entgegenzunehmen und dafür mindestens mit "befriedigend" benotet zu werden. Die Noten werden von den Kunden vergeben. In Stoßzeiten bleiben mir fünf Minuten Gesprächszeit und zwei Minuten zur Nachbearbeitung.

Ein großer Bildschirm zeigt die Platzierungen der besten und schlechtesten Kundenbetreuer an. Teamleiter hören die Gespräche mit, zeigen auf die Uhr, wenn es zu lange dauert, drangsalieren und schikanieren; verschicken Rundmails mit Bewertungen, Kritik und Lob.

Gleichbehandlung statt Bedauern

Und am Ende des Tages stellen verärgerte Kunden die empörte Gewissensfrage, wie ich für ein solches Unternehmen arbeiten könne. Wenn ich könnte, würde ich antworten, dass ich diesen Job für Verschwendung halte - von Zeit, Wissen und Talent. Doch vom Lohn bezahle ich meine Miete.

Und verstehen Sie mich recht, ich erwarte weder "Verständnis" noch "Bedauern", sondern Gleichbehandlung. Migrantenkinder werden für viel Geld von Eltern und Schule ausgebildet und erfüllen durchaus die Erwartungen, die eine Jugendzeit lang an sie gestellt wurden. Jetzt haben Sie auch mehr verdient, als von "Personalabteilungen" leider nicht "berücksichtigt" oder nicht in "die engere Wahl" einbezogen zu werden.

Einige suchen ihr Glück im Ausland, oft auch im Heimatland ihrer Eltern, weil Arbeitgeber dort fairer sind und bessere Berufsaussichten bieten. Derweil reden die deutschen Unternehmen weiter von Vielfalt am Arbeitsplatz und dem Mangel an Fachkräften, entrüsten sich und beschwören Risiken, für die sie selbst verantwortlich sind.

Martin HyunMartin Hyun wurde 1979 in der nordrhein-westfälischen Samt- und Seidenstadt Krefeld geboren. Er ist Sohn koreanischer Gastarbeiter und studierte Politik sowie International Relations in den USA und Belgien. Er war der erste koreanischstämmige Bundesliga-Profi in der Deutschen Eishockey Liga sowie Junioren Nationalspieler Deutschlands. Seit 1993 ist er glücklicher deutscher Staatsbürger und lebt in Berlin.

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