Seit 09:07 Uhr Im Gespräch
 
  • facebook
  •  
  • twitter
  •  
  • instagram
  •  
  • spotify
 
Seit 09:07 Uhr Im Gespräch
 
 

Zeitfragen / Archiv | Beitrag vom 14.07.2014

Gender StudiesDer Vorschlag mit dem x

Die Berliner Linguistin Lann Hornscheidt nennt sich Professx

Von Thomas Klug

Schlachtermarkt in Schwerin: Ein Schild weist auf eine öffentliche Toilette hin. (picture alliance / dpa)
Schlachtermarkt in Schwerin: Ein Schild weist auf eine öffentliche Toilette hin. (picture alliance / dpa)

Die Berliner Linguistin Lann Hornscheidt schließt sich der Ansicht an, dass "Mann" und "Frau" soziale Konstruktionen seien und es keinen Sinn mache, die Gesellschaft in zwei Hälften zu teilen. Daraus leitet sie Konsequenzen für die Sprache ab.

"Sind Sie eine Störenfrieda, Lann Hornscheidt?"

(Lachen) "Störenfrieda, da es aus einem feministischen Kontext kommt, ist ein Wort, das ich sehr schön finde. Ich würde sagen sagen, Störenfriedx, wenn Sie da eine Antwort darauf haben wollen."

Lann Hornscheidt und das x. Das x kann stören, das x ist ungewohnt. Lann Hornscheidt schlägt es vor, um neutrale Zuordnungen zu ermöglichen. Lann Hornscheidt mag das x und nennt sich selbst Professx. Der Vorschlag ist ernst gemeint.

"Was ich für mich jetzt günstig halte, wie viele Menschen mich in Mails ansprechen ist: Hallo Lann Hornscheidt. Da ist ja keine Genderung drin, anders jetzt als 'Liebe Lann Hornscheidt' oder 'Sehr geehrte Lann Hornscheidt', sondern stattdessen zu versuchen, einfach neutrale Formen zu wählen, 'Hallo Lann Hornscheidt' wäre so eine Form."

Die Sprache verlangt eine Entscheidung, weil die Biologie doch eindeutig sei. Oder ist es die Gesellschaft, die eine Eindeutigkeit erwartet, die es in der Biologie nicht immer gibt. Die Übergänge sind fließend.

"Die Biologie als Wissenschaft sagt schon seit den 70er Jahren nicht mehr, dass es Frauen und Männer gibt, sondern dass es eine soziale Konstruktion sei, dass das ein gesellschaftlich gewollter Schnitt ist, wo zwischen Personen unterteilt wird, indem die eine Hälfte als Mann und die andere Hälfte als Frau hergestellt wird. Ich sage Ihnen mal ein schwedisches Beispiel: Da ist vor zwei Jahren eine neue Pronominaform eingeführt worden. Statt er und sie gibt es dort auch so etwas wie ein x, als neutrale Pronominaform, dritte Person Singular. Die ist von oben eingeführt worden und das hat sich sofort sehr weitgehend durchgesetzt."

Asterix, Spott und Häme

Der Vorschlag mit dem x ist in der Welt. Die Spötter ließen nicht lange auf sich warten. Alle gaben sich furchtbar originell. Alle verwiesen auf Asterix. Und bald kamen jene, die nicht nur Häme sondern auch Hass versprühten:

"Es zeigt mir, dass es eine öffentliche Irritation gibt. Wenn es nicht wichtig wäre, wie Sprache ist und wenn Menschen Sprache nicht wichtig ansehen würden, dann müssten sie darauf nicht reagieren. Es gibt ja gerade eine generelle, größere Angst, dass Gender Studies was in dieser Gesellschaft kaputt machen würde."

Sprache schafft bestimmte Vorstellungen von der Welt. Lann Hornscheidt weiß, dass Sprache nicht neutral ist, nicht objektiv.

Sprache ist eines der wirkkräftigsten und mächtigsten Handlungsmittel, was wir haben, sowohl in dem, was wir sagen als auch in dem, was wir nicht sagen, was wir also entnennen, die ganze Zeit.

Lann Hornscheidt will irritieren, nicht normieren. Ob das x alltagstauglich wird? Und ob die x-Form die Welt verbessert?

"Es gibt nicht die eine Sprachveränderung – und dann ist alles gut. Es ist nicht mit einer x-Form und einem dynamischen Unterstrich alles gut, sondern Sprache muss sich kontinuierlich weiter verändern beziehungsweise meine Sprachveränderungen müssen immer weiter reflektiert werden – was ich darüber eigentlich ausdrücke. Jede Form ist adaptierbar von einer Machtelite."

Kaum zu glauben, wie ein x stören kann. Das Gewohnte in Frage stellen - Lann Hornscheidt hilft dabei gern.

Zeitfragen

Die MagnetbandkassetteGehäuse des wilden Klangs
Audio-Kompaktkassetten (Musikkassette, MC, Audiokassette) verschiedener Hersteller. (picture alliance / dpa / Peter Zimmermann)

Klein und handlich: Als 1963 die Kompaktkassette auf den Markt kam, revolutionierte sie die Kultur des Hörens. Auch heute im Zeitalter von Mp3 und iTunes gibt es sie noch: Menschen, die ihre Magnetbandkassetten lieben. Mehr

Kolumne zur IntegrationVertriebene damals, Flüchtlinge heute
Die Vertreibung der Sudetendeutschen nach dem Zweiten Weltkrieg geht auf Verfügungen des damaligen tschechoslowakischen Staatsoberhaupts Edvard Benes (1884-1948) zurück. Die etwa 150 von Benes zwischen 1940 und 1945 erlassenen Dekrete gehören zu den umstrittensten europäischen Rechtsakten. Auf der Grundlage der Verfügungen wurden etwa drei Millionen Deutsche sowie die vorwiegend in der Slowakei lebende ungarische Minderheit ihrer Rechte und ihres Eigentums beraubt. (picture alliance / dpa / CTK_Photo)

In Jahrzehnten denken: Beim vergleichenden Blick auf den Umgang mit Flüchtlingen könne man aus der Geschichte lernen, meint unser Kolumnist Arno Orzessek. Nach dem Zweiten Weltkrieg etwa war der Begriff "Integration" für Millionen geflüchtete Deutsche noch völlig ungebräuchlich.Mehr

weitere Beiträge

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie Deutschlandradio Kultur