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Forschung und Gesellschaft / Archiv | Beitrag vom 12.06.2014

Gen-AnalyseZukunft der Forensik

Was Speichel, Blut, Knochen oder Haare verraten (Teil II)

Von Michael Lange und Michael Stang

Ein Mitarbeiter der Abteilung Interdisziplinäre Untersuchungen sichert Spuren an einem Papierbogen in einem technischen Labor des Landeskriminalamt Schleswig-Holstein. (picture alliance / dpa / Foto: Olaf Malzahn)
Ein Mitarbeiter der Abteilung Interdisziplinäre Untersuchungen sichert Spuren in einem Labor des Landeskriminalamt Schleswig-Holstein. (picture alliance / dpa / Foto: Olaf Malzahn)

Blauäugig, schwanger und rothaarig: Aus Erbmolekülen einer einzelnen Körperzelle lassen sich immer mehr Informationen extrahieren. Doch nicht alles, was Forscher aus Spuren lesen können, dürfen Polizisten verwenden. Ein Tropfen Blut oder etwas Sperma reichen aus für eine Gen-Analyse. Immer häufiger greifen die Fahnder dabei auf wissenschaftliche Expertise und stetig anwachsende Datenbanken zurück. Was aber können die Forscher heute wirklich exakt bestimmen?

Ein Spaziergänger findet am Rheinufer ein abgetrenntes Bein. Die Polizei rätselt. Von wem stammt es? Mord oder Selbstmord? Lebt das Opfer vielleicht noch? Für einen Fernsehkommissar kein Problem.

Misha Angrist: "Die Zuschauer denken, ein Blick auf die DNA reicht und das Verbrechen ist aufgeklärt."

Die Realität sieht aber anders aus.

Max Houck: "Die Leute sind enttäuscht, weil die Untersuchungen länger dauern als im Fernsehen."

Mark Desire ist zuständig für die Identifizierung vermisster Personen in New York City. Er führt durch die Flure des "Office of Chief Medical Examiner" an der First Avenue in Manhattan.

"In unseren DNA-Kriminal-Labors hier in New York haben wir 170 Mitarbeiter, die an verschiedenen Kriminalfällen arbeiten."

Hier untersuchen Rechtsmediziner auch jene sterblichen Überreste, die bei den Aufräumarbeiten des World Trade Centers am Ground Zero, nach den Anschlägen vom 11.September 2001, entdeckt wurden.

Mark Desire führt in sein Büro.

"Viele Methoden haben sich erst durch die Arbeit am World-Trade-Centre-Identifizierungsprojekt entwickelt. Wir können heute nur mithilfe eines Knochenstücks auf äußere Dinge wie Haut-, Haar- und Augenfarbe einer Person schließen. Uns treibt die Frage an, was können wir noch mithilfe der DNA an Informationen herausbekommen?"

In den mehr als zwölf Jahren Arbeit seit den Terroranschlägen sind viele neue Analysemethoden hinzugekommen. Daher werden alle Proben, bei denen die Identifizierung in den ersten Jahren nicht sicher gelang, erneut untersucht, einige bis zu 15 Mal, um vielleicht doch noch die Identität einiger Opfer klären zu können. Insgesamt haben Mark Desire und seine Kollegen seither mehr als 22.000 Knochen untersucht - und dabei ihre Methoden stets verfeinert.

Generell sei er allen Technologien gegenüber aufgeschlossen, so Mark Desire; Hauptsache, sie liefern Ergebnisse.

"In meiner Abteilung für vermisste Personen versuchen wir solche Methoden zu etablieren, dass wir aus einem Knochenstück individuelle Merkmale wie Augen- und Haarfarbe bestimmen können. Diese Methoden können theoretisch sehr hilfreich sein, weil wir dadurch mehr Informationen gewinnen und wissen, in welche Richtung wir suchen sollen."

Der maskierte Bankräuber ist flüchtig. Nach einer Schießerei mit der Polizei, bei der der Täter verletzt wurde, bleibt nur ein Blutfleck auf dem Fußboden zurück. Das Erbmaterial des Täters liegt also vor, aber das DNA-Profil hilft nicht weiter.

Wenn Rechtsmediziner ein DNA-Profil erstellen, dann geht es nicht um eine vollständige Analyse des Erbmaterials. Die aus den Tatortspuren gewonnenen Erbmoleküle liefern einen genetischen Fingerabdruck - mehr nicht.

Erste Frage: Mann oder Frau?

Ein genetischer Fingerabdruck dient allein der Identifizierung. Nur wenige Stellen im Erbmaterial werden dazu untersucht. Es geht um Teile der DNA, in denen sich die gleichen Buchstaben des genetischen Codes mehrfach wiederholen. Diese Bereiche sind von Person zu Person unterschiedlich. Aus ihnen wird ein Zahlencode ermittelt. In Deutschland ist er achtstellig, in andern Ländern besteht er aus 10, 15 oder 16 Ziffern. Nur diese Ziffern werden Personen zugeordnet und in DNA-Datenbanken gespeichert.

Manfred Kayser: "Aus dem DNA-Profil kann ich wirklich nichts weiter herauslesen als einen Zahlencode. Und mit dem Zahlencode kann ich dann über eine Vergleichsanalyse eine Person identifizieren. Da bekomme ich nicht heraus, wie eine Person aussieht, wo die Person herkommt, was sie für Krankheiten hat, gar nichts."

Der Molekulargenetiker Manfred Kayser könnte in diesen Fällen der Polizei weiter helfen. An der Erasmus-Universität Rotterdam in den Niederlanden leitet der Wissenschaftler aus Deutschland die Abteilung für molekularbiologische Forensik.

Kayser: "Wenn ich nicht vergleichen kann, weil ich die Person nicht kenne, weil ich noch kein DNA-Profil von dieser Person habe, dann nützt mir das nichts, dann kann ich das schönste DNA-Profil haben, das es gibt. Ich kann den Spurenleger nicht identifizieren."

Manfred Kayser sucht in biologischen Spuren nach Informationen. Das können Haare sein, Gewebe, Haut, Knochen, aber auch Flüssigkeiten wie Speichel, Blut oder Sperma. Der Forscher will mehr über den so genannten Spurenleger erfahren - egal ob Täter, Opfer, Zeuge oder unbeteiligte Person. Die erste Frage lautet: Handelt es sich um einen Mann oder um eine Frau?

Männer unterscheiden sich von Frauen durch ihr Y-Chromosom. Frauen besitzen stattdessen ein zweites X Chromosom. Die anderen 45 Chromosomen im Erbgut sind identisch. Dieser kleine Unterschied ist sogar unter dem Mikroskop zu sehen. Über die Hormone lässt sich außerdem herausfinden, ob eine Frau schwanger ist und wenn ja, in welchem Monat.

Aber die Molekularbiologie hält noch mehr Möglichkeiten bereit. Einen DNA-Test zur Augenfarbe haben Manfred Kayser und sein Team bereits entwickelt.

Kayser: "Was unser bisheriges genetisches Wissen und auch die Tests, die wir entwickelt haben, sagen können, ist mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit, ob eine Augenfarbe blau oder braun ist. Und da geht es um Wahrscheinlichkeiten, die im Schnitt über neunzig Prozent liegen, also sehr hohe Wahrscheinlichkeit."

Sechs Positionen im Erbgut eines Menschen verraten den Forschern die Augenfarbe. In den Niederlanden wurde dieser Test bereits für die Kriminalarbeit zugelassen. Dass er keine hundertprozentige Sicherheit liefere, sei bei der Fahndung kein Problem, meint Manfred Kayser.

Kayser: "Wenn ich jetzt zum Beispiel die Polizeiermittler frage: Na, was braucht ihr denn jetzt? Dann sagen die meistens, wir wollen das benutzen in solchen Fällen, wo wir gar nichts wissen. Das heißt alles was über 50 Prozent ist, reicht uns erst mal, und da sind wir bei über 90 Prozent."

Um bei der Augenfarbe neben blau und braun auch grau, grün und Mischfarben aus der DNA herauszulesen, will Manfred Kayser den Test noch genauer machen. Das Ergebnis ist dann keine allgemeine Aussage mehr wie "Blau" oder "Braun", sondern eine Farbkarte, die den wahrscheinlichsten Farbton darstellt.

20 genetische Marker für die Haarfarbe

Gleichzeitig arbeiten die Forscher an der Erkennung anderer Merkmale. So konnten sie 20 genetische Marker für die Haarfarbe im Erbgut aufspüren.

Das sind konkrete Stellen in der DNA, die die Haarfarbe zwar nicht unbedingt bestimmen, aber Hinweise geben. Am einfachsten ist der Test für rote Haare. Die Trefferquote liegt hier bei über neunzig Prozent. Bei schwarzen Haaren sind es 80, und bei Blond oder Braun immerhin 75 Prozent. Die Genauigkeit hat aber Grenzen, zumal manche Haarfarben im Laufe des Lebens dunkler werden. Nicht selten werden aus blonden Kindern braunhaarige Erwachsene und später werden die Haare mitunter grau.

Noch schwieriger sind Aussagen über die Körpergröße. Sie ist überwiegend vererbt - und zwar zu 80 Prozent. Das haben vergleichende Untersuchungen an Zwillingen ergeben.

Kayser: "Wenn ich jetzt 80 Prozent von Körpergrößenvariabilität mit einem DNA-Test vorhersagen könnte, dann wäre das schon ganz gut. Dazu müsste ich aber quasi hundert Prozent der Genetik verstehen. Was man bisher versteht sind ungefähr zehn Prozent."

Die Forscher kennen zwar 180 Gene, die etwas über die Körpergröße aussagen, aber jedes einzelne hat nur eine äußerst bescheidene Auswirkung. Ein zehn Prozent-Test hilft nicht weiter. Das entspricht der Aussage: Der unbekannte Mann war etwa 1,80 Meter groß plus minus 20 Zentimeter. Das hilft niemandem weiter. Ein aussagefähiger DNA-Test zur Körpergröße ist nicht in Sicht.

Kayser: "Das nächste, das wahrscheinlich kommen wird, wo wir und andere daran arbeiten, wo wir hoffentlich bald einen Test haben, ist Hautfarbe. Und man kann heute schon mit relativ wenig DNA-Markern helle Haut von dunkler Haut unterscheiden, wobei man da meistens europäische Herkunft und afrikanische Herkunft mehr oder weniger vorhersagt."

Auch ein Test zur geographischen Abstammung, wie ihn einige Firmen anbieten, liefert Informationen über das Aussehen.

Kayser: "Viele Leute denken, wenn sie wissen, wo jemand herkommt, dann können sie wissen wie jemand aussieht, oder aber wenn sie sehen, wie jemand aussieht, dann können sie wissen, wo jemand herkommt. Und das funktioniert in vielen Fällen, aber auch in vielen Fällen nicht."

Die großen Bevölkerungsgruppen wie Afrikaner, Europäer und Ostasiaten lassen sich optisch leicht unterscheiden. Und genau so ist das bei den Genen. Wenige Marker reichen aus. Kleine regionale Unterschiede sind weit schwieriger aufzuspüren. Dennoch haben sich Manfred Kayser und seine Mitarbeiter daran versucht.

Kayser: "Wir haben so eine Studie gemacht innerhalb der Niederlande, wo wir durchaus Unterschiede sehen zwischen dem Norden der Niederlande, dem Süden und dem zentralen Teil. Allerdings sind das so kleine genetische Unterschiede, dass man erstens sehr viele DNA-Marker dazu braucht, und selbst dann sind Klassifizierungen, wie man sie in der Forensik benutzen will, wo man sagen will, kommt jetzt der eine unbekannte Mensch aus den nördlichen Niederlanden? Die sind dann mit relativ großen Fehlern noch behaftet."

In den Niederlanden werden die Genanalysen bereits benutzt, um etwas über das Aussehen von Tätern, Opfern oder Zeugen zu erfahren. Der von Manfred Kayser entwickelte Augenfarbentest wurde offiziell zugelassen und wird vom Niederländischen Forensischen Institut eingesetzt. Der Haarfarbentest soll folgen und weitere andere Testverfahren sind nicht ausgeschlossen.

In Deutschland wird die DNA-Untersuchung ausschließlich zur Identifizierung eingesetzt. Nicht die Proben oder ihre vollständige Analyse werden gespeichert, sondern nur der achtstellige Nummerncode. Das DNA-Profil.

Washington, DC. Direktor Max Houck eilt durch die Gänge des dritten Stocks. Hier befindet sich die Abteilung für Forensische Wissenschaften. Im Vorbeilaufen zeigt er auf Glasscheiben, hinter denen sich hochreine Arbeitsräume befinden.

Houck: "Das sind also die Labore hier...hier wird auch mit gefährlichen Materialien gearbeitet ....wir untersuchen hier Blut, verunreinigte Stoffe, manchmal auch Biowaffen ..."

In manchen Labors kommt man nur mit Sondergenehmigung, per Sicherheitscode und Iris-Scan.

Houck: "Und diese Etage hier gehört auch zur Forensik. Hier sehen sie unsere Schusswaffensammlung, die wir für die Vergleiche brauchen. Rund 1.700 Waffen lagern hier ..."

Mithilfe dieser sogenannten Referenz-Waffen wird bei Kriminalfällen untersucht, wie sich eine Tat tatsächlich zugetragen hat.

Houck: "Hinter dieser Wand befindet sich unsere Schießanlage, die ist 23 Meter lang. Damit können wir untersuchen, wie weit die Waffe tatsächlich vom getroffenen Objekt entfernt war. Wenn einer als Alibi angibt "die standen auf der anderen Seite des Raums und der Schuss hat sich beim Reinigen der Waffe gelöst", aber unsere Techniker rekonstruieren, dass die Entfernung nur wenige Zentimeter betrug, dann hat das Alibi keinen Bestand mehr."

Ein Stück weiter befinden sich die Labors, wo Fingerabdrücke digital erhoben, gespeichert und verglichen werden; noch eine Abteilung weiter arbeiten die IT- Fachleute, die gelöschte Daten rekonstruieren können.

Houck: "Die Waffenabteilung hier bekommt zwar die meisten Fälle zur Bearbeitung und die Genetikabteilung die wenigsten, dennoch sind diese DNA-Fälle die, die am arbeitsintensivsten sind."

Max Houck ist seinem Büro angekommen. Als Direktor ist er nicht nur oberster Verwalter der rechtsmedizinischen Untersuchungen von Washington, DC, sondern auch ein gefragter Forensik-Experte für schwierige Kriminalfälle.

Houck: "In den vergangen Jahren haben sich Methoden stark verändert, viele neue sind hinzugekommen, alle sind schneller als ihre Vorgänger. Einige befinden sich noch in Entwicklungsstadien, sind aber äußert vielversprechend. Aktuell konzentriert sich vieles auf die so genannte RAPD-DNA-Methode."

Bei dieser Methode können bestimmte Bereiche der Erbsubstanz schnell verglichen werden, ohne diese im Detail zu kennen.

Houck: "Man erhält aber dieselben Informationen, es ist einfach eine andere Herangehensweise. Damit konnten wir den Analysezeitraum von einst mehreren Tagen auf Minuten reduzieren."

Gene bestimmen das Gesicht

Und Zeit ist schließlich das größte Problem. Ungelöste Kriminalfälle stapeln sich; es gehen immer mehr Fälle ein als abgeschlossen werden.

Houck: "Angenommen, man würde sich nur um einen einzigen Fall und um nichts anders kümmern, dann könnte man die notwendigen Untersuchungen vielleicht in drei, vier Tagen abschließen. Doch die Realität sieht anders aus. Der Durchschnitt in den Vereinigten Staaten liegt aktuell bei 70 Tagen."

DNA-Analysen sind heute sehr populär. Sie gelten in der Polizeiarbeit als Wunderwaffe, mit der sich - theoretisch - die Fälle einfach lösen lassen.

Eine Vergewaltigung nachts im Park. Keine Zeugen. Das Opfer kann sich nicht erinnern. Aber die Spurensicherung konnte das Sperma des Täters sicherstellen. In den Genen der Spermien ist sein Erbmaterial gespeichert. Im Prinzip lässt sich aus der DNA das Aussehen des Täters rekonstruieren.

Kayser: "Indem ich aus DNA ein Gesichtsporträt erstelle, und dieses Gesichtsporträt ähnelt dann Ihrem Foto und nicht meinem. Das wäre natürlich der heilige Gral, das ist die ferne Zukunft."

Die ersten Schritte in diese Richtung haben Manfred Kayser und sein Team in Rotterdam bereits getan. Sie haben die Gesichter zahlreicher Freiwilliger vermessen und wollten wissen: Wie breit ist das Gesicht? Wie weit sind die Augen voneinander entfernt? Wie stark ist das Kinn, wie dick die Oberlippe? Anschließend haben sie im Erbgut der Probanden nach Positionen gesucht, die mit den Gesichtsdaten in Zusammenhang stehen.

Kayser: "Bis vor ein, zwei Jahren wusste man gar nichts. Wir haben dann angefangen in einem relativ großen und wachsenden internationalen Konsortium, wo wir also Gesichts-Gene und andere Merkmals-Gene suchen und auch finden. Und wir haben vor kurzem fünf Gene gefunden, die statistisch nachweisbar mit Gesichtsmerkmalen - und das sind dann Distanzen, Gesichtsabstände, Messwerte im Gesicht - korrelieren, also statistisch einhergehen."

Wie groß der Einfluss der Gene auf die Form eines Gesichts ist, zeigt ein Blick auf eineiige Zwillinge. Sie haben exakt die gleichen Gene und deshalb auch die gleichen Gesichter. Während sich Geschwister oder zweieiige Zwillinge deutlich unterscheiden, lassen sich eineiige Zwillinge manchmal nicht einmal von ihren Eltern auseinander halten.

Es müssen also die Gene sein, die die Gesichtsform bestimmen. Aber es sind sicher weit mehr Gene als die fünf, die Manfred Kayser bisher entdeckt hat.

Kayser: "Insofern sind wir da wirklich ganz am Anfang mit den fünf Genen. Da können wir einen Millimeter Augenabstand erklären und vielleicht Submillimeter von anderen Gesichtsdistanzen. Und wir haben überhaupt nur neun Merkmale gemessen. Da ist man echt noch am Anfang. Aus diesen Ergebnissen sehen wir aber, dass es da nicht ausreicht nur eine Handvoll DNA-Marker zu analysieren. Da werden sicher Hunderte oder Tausende nötig sein, und die muss man erst mal alle finden und verstehen."

Zehntausend Messpunkte im Gesicht

Ein Phantombild einer unbekannten Person lässt sich allein aus einer biologischen Spur heute noch nicht erstellen. Forscher von der Katholischen Universität Leuven in Belgien haben aber bereits begonnen, viele Gesichtsmerkmale im Computer zusammen zu bringen, um dann nach Beziehungen zur Genetik zu suchen. Der Bild- und Computerexperte Peter Claes hat dazu mit Spezialkameras 3D-Bilder von zahlreichen Freiwilligen aufgenommen.

Claes: "Wir haben zehntausend Messpunkte im Gesicht der Freiwilligen bestimmt, indem wir im Computer ein Gitter über das Gesicht gelegt haben. Zusammen ergeben sie ein Bild, das mehr aussagt als die Einzeldaten."

Ein Wort benutzt Peter Claes in diesem Zusammenhang besonders gern.

Claes: "Die Gestalt eines Gesichts ist sehr komplex. Das ist nicht nur eine Kategorie wie die Augenfarbe oder die Haarfarbe. Das ist der Eindruck, den wir von einem Menschen haben, wenn wir ein Gesicht wahrnehmen. Die Spezialisten auf der ganzen Welt benutzen das deutsche Wort "Gestalt", wenn sie den Gesamteindruck eines Gesichts meinen und nicht nur auf einzelne Merkmale schauen."

Peter Claes hat Computerprogramme entwickelt, die die Datenfülle aus dem Gesicht erfassen und mit genetischen Informationen in Zusammenhang bringen. Dazu arbeitet er mit Genetikern der Pennsylvania State University in den USA zusammen.

Claes: "Wir haben 24 genetische Positionen in 20 verschiedenen Genen gefunden. Ausgegangen sind wir von 46 Kandidaten-Genen, von denen man wusste, dass sie bei Krankheiten das Aussehen des Gesichts verändern. Bei etwa der Hälfte konnten wir zeigen, dass sie auch die Gestalt des Gesichts gesunder Menschen beeinflussen."

Das reicht eigentlich noch nicht aus, um das Gesicht einer unbekannten Person nur mit Hilfe genetischer Informationen zu bestimmen. Und dennoch hat Peter Claes es versucht als ihn die britische Wissenschaftszeitschrift New Scientist darum bat.

Claes: "Sie haben die Speichelprobe einer Reporterin entnommen und an das Unternehmen 23andme geschickt. Und unter den Millionen Positionen auf der DNA, die dort untersucht wurden, befanden sich 20, bei denen wir einen Zusammenhang mit dem Aussehen von Gesichtern festgestellt hatten. Die Genetiker der Pennsylvania State University werteten die Daten aus und schickten mir eine Excel-Datei. Und ich habe aus diesen wenigen Daten eine Fotomontage erstellt, die das umsetzt, was der genetische Code verrät."

Im "New Scientist" war so ein Phantombild und ein echtes Foto der Reporterin nebeneinander abgebildet. Die Ähnlichkeit ist unverkennbar. Die Nase stimmt überein. Bei Kinn und Lippen gibt es noch ein paar Unterschiede. Peter Claes ist zufrieden. Der Versuch zeigt, was bereits mit wenigen Daten möglich ist. Nun will er sein Verfahren verbessern und statistisch absichern. Dazu braucht er möglichst viele genetische Informationen für wenig Geld. Deshalb hat Peter Claes mit
23andme Kontakt aufgenommen. In seinem kleinen Büro steht ein Stapel mit Kartons Firma aus Kalifornien. Er öffnet den obersten und nimmt eine der Schachteln heraus.

Claes: "Jede Person erhält eine kleinen Schachtel mit einem Röhrchen für eine Speichelprobe. Und da ist auch ein Handbuch, das erklärt, wie man die Speichelprobe entnimmt. Das ganze wird gut verpackt und wieder an die Firma geschickt. Dort werden etwa eine Millionen bekannte Positionen im Erbgut ausgewertet - und der Kunde erhält Informationen über seine persönliche DNA."

Peter Claes braucht nun jede Menge neue Freiwillige - zum einen die genetischen Daten und außerdem die zugehörigen 3D-Bilder. Dann - so hofft er - wird es in einigen Jahren möglich sein, aus einer Blutspur oder einer Spermaprobe das Gesicht eines unbekannten Spurenlegers im Computer zu rekonstruieren - so gut wie es heute Phantombildzeichner mit der Hilfe von Augenzeugen machen - und vielleicht sogar besser.

Methoden werfen ethische Fragen auf

Eine Entführung. Das Erpresserschreiben besteht aus einem Blatt Papier mit aufgeklebten Zeitungsbuchstaben. Zunächst findet die Polizei keine Hinweise auf den Täter. Doch dann bemerken die Kriminaltechniker, dass die Briefmarke angeleckt wurde. Im Speichel finden sie gut erhaltene Täter-DNA.

Die Forschungsergebnisse aus Rotterdam sorgen weltweit für Diskussionsstoff. Auch für Misha Angrist von der Duke (Aussprache: Duke - nicht Djuke) Universität in Durham, North Carolina, stellen sich Fragen.

Angrist: "Ich denke, dass die Forschungsprojekte von Manfred Kayser faszinierend und revolutionär zugleich sind. Noch aber weiß die Gesellschaft zu wenig über diese neuen Möglichkeiten, die meist nicht das sind, was die Leute aus den Kinofilmen kennen. Aber es ist dennoch erstaunlich, dass man mithilfe einer Handvoll genetischer Marker tatsächlich sagen kann, dass diese oder jene Person europäische Vorfahren hat, oder dass man ziemlich gut schätzen kann, welche Augenfarbe oder Haarfarbe jemand hat."

Misha Angrist forscht am Institut für Genomwissenschaften und Politik. Er beschäftigt sich mit den Auswirkungen der Genetik auf die Forschung selbst, auf die Polizeiarbeit und auf die Gesellschaft. Bizarr sei für ihn der Widerspruch zwischen dem, was potentiell möglich ist und dem, was in der Praxis überhaupt in Frage kommt.

Angrist: "Allein die Bürokratie behindert in vielen Kriminallabors die eigentliche Arbeit. Hier etwa im Bundestaat North Carolina sind alle mit ihrer Arbeit im Rückstand. Es gibt Labors, wo mehr als tausend unbearbeitete Fälle warten."

Die neuen Methoden werfen auch grundsätzliche ethische Fragen auf.

Angrist: "I think the problem comes: it is not the technology; it's what humans do with the technology."

Es ist keine Frage der Technologie, sondern die Frage, was Menschen mit der Technologie anfangen, meint Misha Angrist. Über eine Technikfolgenabschätzung werde ebenso wenig geredet wie über Sicherheit und Datenschutz. Diese Probleme müssten auch auf der Agenda der großen Labors und der Entscheidungsträger stehen, fordert der Wissenschaftler.

Angrist: "Es ist wie mit jeder Technologie. Forensische Genetik hat das Potential die bösen Buben zu fangen und die Gesellschaft sicherer zu machen, aber sie birgt auch Gefahren. Sie hat zwar das Potential unschuldig Verurteilte zu entlasten, aber sie hat ebenso die Möglichkeit, Unschuldige ins Gefängnis zu bringen - wenn diese Technik missbraucht wird."

Sobald sich das Aussehen einer Person aus einer biologischen Probe herauslesen lässt, ist Missbrauch möglich. Das hat auch Peter Claes im belgischen Leuven erfahren.

Claes: "Sobald Sie Personen auf diese Art erkennen können, können Sie sie auch diskriminieren. Ich bin überzeugt, dass wir darüber öffentlich diskutieren müssen. Ich habe zum Beispiel nach der Veröffentlichung meiner Ergebnisse eine Anfrage einer Fruchtbarkeitsklinik erhalten. Die wollten wissen, ob ich das Aussehen von in vitro-Babies vorhersagen kann. Ich frage mich: Wozu möchte man das wissen? Und was machen sie, wenn ihnen das Ergebnis nicht gefällt?"

Viele der Verfahren noch nicht praxistauglich

Sobald sensible Daten aus dem Erbgut einer Person vorliegen, kommt der Datenschutz ins Spiel. Nach Meinung von Manfred Kayser sind aber nicht alle Daten gleich schützenswert.

Kayser: "Meiner Meinung nach, wenn man es benutzen würde, um äußerlich sichtbare Merkmale vorherzusagen, und nur äußerlich sichtbare Merkmale und keine äußerlich nicht sichtbaren Merkmale, dann trifft nach meinem Verständnis das Argument der Privatsphäre und des Rechts nicht zu wissen, gar nicht zu."

Und es gibt auch zahlreiche ethische Gründe für die neuen Verfahren - wenn es gelingt, Täter zu überführen und Opfer zu schützen.

Kayser: "Und ich glaube, dass es auch in Deutschland ungelöste Kriminalfälle gibt, wo es keine Treffer gibt mit bekannten Personen, und wo die Ermittlungsarbeit - so denke ich zumindest - durchaus profitieren könnte von Informationen über Aussehen und Abstammung, wie sie aus DNA heutzutage schon herausgelesen werden kann. Wenn die Gesellschaft das möchte, dann müsste es da zu einer Novellierung der Gesetzgebung kommen, oder man müsste Präzedenzfälle schaffen, um den schon vorhandenen Gesetzestext anders auszulegen."

Was noch fehlt, ist die öffentliche Diskussion. Aber diese ist zwingend notwendig, so Misha Angrist von der Duke Universität in Durham.

Angrist: "Wir befinden uns in einer Zeit, wo wir den Menschen die Möglichkeit geben müssen, ihre Daten selbst zu kontrollieren. Ich sage immer: Die Genetik ist zu wichtig, um sie den Genetikern zu überlassen!"

Die Methoden, die heute in den Labors entwickelt werden, halten viele bereits für Routine. Dabei sind viele der Verfahren noch nicht praxistauglich. Ob diese Methoden überhaupt einmal in der tagtäglichen Polizeiarbeit eine Rolle spielen werden, bleibt abzuwarten.

Angrist: "Ich denke, diese neuen Methoden sind beeindruckend. Aber bis wir wirklich sagen können: Aha, der Verdächtige ist 1,75 Meter groß, hat rote Haare, grüne Augen und spricht mit schottischem Akzent,... was auch immer. Die Idee ist aufregend. Aber letztendlich sind wir noch meilenweit davon entfernt, irgendetwas in dieser Richtung mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit festmachen zu können."

Ein DNA-Test allein wird auch in Zukunft keinen Täter überführen. Die neuen Verfahren sind nur ein Hilfsmittel bei der Fahndung.

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