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Religionen / Archiv | Beitrag vom 19.11.2011

Gemeinsames Wohnen nach dem Tod

Eine Frauen-Genossenschaft plant die "Friedhofs-WG"

Von Eva Wolk

Gräber auf dem Münchner Westfriedhof (dpa / picture alliance / Markus C. Hurek)
Gräber auf dem Münchner Westfriedhof (dpa / picture alliance / Markus C. Hurek)

In München hat ein Frauenwohnprojekt die Idee gehabt, auch nach dem Tod zusammen zu bleiben. Die Teilnehmerinnen können auf einem gepachteten Feld einen Platz reservieren. Einige der Frauen haben sich schon eine Grabstelle gesichert.

"Wir wohnen ja auch hier zusammen in 50 Wohnungen, und eines Tages haben wir uns halt gedacht: Was ist, wenn die Eine oder Andere jetzt stirbt? Dann werden wir ja natürlich hier auf dem Friedhof in der Nähe begraben, aber jede für sich."

"Und man überlegt sich ja immer: Wenn ich dann mal sterbe, wer pflegt denn mein Grab? Ich möchte nicht, dass meine Kinder, die in Hamburg sind, sich damit abplagen müssen. Andererseits möchte ich aber auch, dass meine Kinder schon einen Ort haben, von dem sie wissen, wo sie hingehen können, wenn sie mal in der Gegend sind."

"Die Alternative wäre die anonyme Bestattung, das wünschen sich ja auch manche ... "

"In ein anonymes Grab zu gehen – warum eigentlich, wenn wir hier jetzt schon hier so eine Gemeinschaft sind. Das waren alles so Überlegungen, die dazu geführt haben: Könnte man nicht was Anderes machen?"

Und so beschlossen Barbara Yurtdas, Rita Purps und weitere Mitfrauen der Münchner Genossenschaft FrauenWohnen, auch für die Zeit nach dem Tod einen gemeinsamen Ort zu finden - für sich und weitere Interessierte unter den Frauen, die seit 2006 zusammenleben im ersten Wohnhaus der Genossenschaft.

"Wir sind die erste Frauen-Wohn-Baugenossenschaft und Vermietungsgenossenschaft in der Bundesrepublik. Es gab einige Frauen, die sich zusammengeschlossen hatten und festgestellt haben: Frauen haben immer noch zu wenig Immobilienbesitz in ihrer eigenen Hand – also ein Prozent glaub ich weltweit des Immobilienbesitzes ist in Frauenhand, und Frauen haben auch zu wenig Geld, um sich da drum zu kümmern – und wie können wir daran was ändern. Das war ein Verein, der dann später in eine wirkliche Baugenossenschaft, wie es auch andere Genossenschaften gibt. Hier war eben der Hintergedanke: Wir wollen als Frauen ein anderes nachbarschaftliches Miteinander proben, und nicht nur proben, sondern auch haben, und wir wollen selber das Sagen haben, nämlich uns nicht von irgendwelchen Männern dreinreden lassen."

Das Modellhaus der Genossenschaft FrauenWohnen, geplant und gebaut nach eigenen, das heißt frauengerechten Vorstellungen, bewohnen derzeit 49 Mitfrauen zwischen Anfang 40 und Ende 70, auch ein paar Kinder alleinerziehender Mütter leben hier. Ein zweites Wohn-Projekt ist in Planung, ein weiteres Ziel sind Wohnungen für mittellose Frauen. Und nun soll eben auch eine Art gemeinsames Wohnen nach dem Tod möglich sein. Die Friedhofsverwaltung München-Riem zeigte sich entgegenkommend. Keine Selbstverständlichkeit, denn laut Friedhofsordnung dürfen eigentlich nur Verwandte in eine gemeinsame Grabstätte.

"Es gibt das ja in Ausnahmefällen auch zum Beispiel für Ordensschwestern, die sind ja auch nicht verwandt, oder Priestergräber oder so etwas. Ja, und dann haben die gesagt, warum sollen nicht die Frauen einer Genossenschaft gemeinsam auch eine Grabstätte haben – wenn sie da beerdigt werden wollen. Ist ja längst nicht so, dass alle Frauen unserer Genossenschaft da wirklich hineinkommen."

Die Frauen gründeten den Verein "Gräberfeld Schiefe Kiefer" und suchten sich auf dem Friedhofsgelände ein etwa zehn Grabstellen umfassendes Gelände aus – Platz für insgesamt 20 Erd- und 80 Urnenbestattungen. Helga Dietel und Barbara Yurtdas:

"Da stand eine schiefe Kiefer drauf, daher der Name! Die ist aber inzwischen nicht mehr da, die war zu schief."

"... zu schief und sie stand auch ein bisschen im Weg."

Jetzt steht an ihrer Stelle eine große blaue Skulptur der schlesischen Künstlerin Inge Regnat-Ulner, das der Verein "Gräberfeld Schiefe Kiefer" – der Name bleibt natürlich – bei ihr in Auftrag gab. Dieses Kunstwerk ersetzt jedes weitere Grabmal auf dem Gräberfeld, das das Aussehen einer grünen Wiese hat.

"Eine Mitfrau hat bei der Einweihung des Grabmals gesagt: Eine Liegewiese. Ein Stückchen Wiese, das eben auch von der Friedhofsverwaltung sauber gehalten wird, und da steht auf dem Sockel unser Kunstwerk. Das ist bisher alles. Es ist ja auch noch niemand beerdigt dort."

"Das wird auch eine Wiese bleiben, auch wenn da Einzelne bestattet sind, dann wird das immer ein Rasenstück sein, das die Friedhofsverwaltung für uns mäht, und wir wollen dann keine individuellen Hügelchen anlegen."

Wer möchte, kann aber ein kleines Messingschildchen am Sockel des Kunstwerks anbringen lassen, mit einer Beschriftung nach eigenen Wünschen. Helga Dietel, Barbara Yurtdas und Rita Purps haben sich bereits entschieden für die Liegewiese Schiefe Kiefer. Ihre Gründe sind ganz ähnlich, zum Beispiel ...

"... dass mir das vor allen Dingen sehr gut gefällt, a) dass wir zusammenbleiben, und b) auch dieses schöne Kunstwerk da. Finde ich schöner als unter so einem üblichen Stein zu liegen."

"Meine Familie ist auch weit weg. Und finde ich auch einen schönen Gedanken, dass diejenigen, die hier im Leben zusammen gewohnt haben, dann auch eine gemeinsame Grabstelle haben. Ich finde das schön, auch vorher schon zu wissen: Da ist der Ort, da komme ich hin. Ich habe ihn ja auch mitgestaltet. Andererseits finde ich das auch alles wieder… Also man sollte das schon auch mit Gelassenheit und Heiterkeit nehmen. Also – man denkt an die Nachkommen. Ich denke an meine Familie, an die Freunde. Für mich persönlich wär´s eigentlich egal, wo ich beerdigt werde."

"Als ich meiner Nachbarin, mit der ich die Zeitung teile, das erzählt habe, kam dann der Satz: Au fein, dann können wir weiterhin die Zeitung teilen!"

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