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Religionen / Archiv | Beitrag vom 10.11.2012

Gemeinsam interreligiöse Brücken bauen

Wie christliche und muslimische Jugendliche im Landkreis Osnabrück zusammenarbeiten

Von Ita Niehaus

In Osnabrück sind die Voraussetzungen geschaffen, dass sich auch außerhalb der Moscheegemeinden eine gut vernetzte muslimische Jugendverbandsarbeit entwickelt.
In Osnabrück sind die Voraussetzungen geschaffen, dass sich auch außerhalb der Moscheegemeinden eine gut vernetzte muslimische Jugendverbandsarbeit entwickelt. (AP)

Immer mehr muslimische Jugendliche engagieren sich in der Jugendverbandsarbeit. Ein Beispiel ist der im vergangenen Jahr gegründete Verband "Junge Muslime im Osnabrücker Land" (JUMOL), der von der katholischen Landjugendbewegung und dem Bistum Osnabrück unterstützt wird.

"Dass man mit einer verschleierten Frau auch direkt Unterdrückung gleichsetzt, das wird einem aber auch vielfach durch die Medien vermittelt, weil man oft solche Bilder aus Ländern wie Afghanistan dann sieht...Ja..."

Tabuthemen gibt es nicht im ersten interreligiösen Gruppenleiterkurs in der Katholischen Landvolkhochschule Oesede in der Nähe von Osnabrück. Die Jugendlichen im Alter von 16 bis 22 Jahren diskutieren über Vorurteile, gemeinsame Werte, unterschiedliche Jenseitsvorstellungen und auch über Terrorismus.

"Und da hätte ich eine Frage, wie es denn sein kann, dass diese Menschen davon überzeugt sind, dass sie im Namen ihrer Religion diese Terrorakte und diese Unterdrückung vollführen und wie sie dann auch noch schaffen, Nachwuchs zu bekommen und diese Menschen überzeugt sind?"

"Es ist einfach so, dass die Religion hier als Machtinstrument miss-
braucht wird...."

17 Jugendliche, unter ihnen vier Muslime, nehmen an dem Kurs teil, um sich für die Jugendleiter-Card, kurz Juleica, zu qualifizieren. Eine Woche lang lernen sie, wie eine Gruppe funktioniert und setzen sich mit rechtlichen Fragen auseinander. Aber es bleibt auch genug Zeit für Erfahrungsaustausch.

"Dass da schon die Begegnung intensiver ist als der Alltag in der Schule für vier, fünf, sechs Stunden, wo man verschiedene Fächer zusammen durcharbeitet und dann wieder nach Hause fährt. Es ist einfach ein Zusammenleben."

Die 33-jährige Muslima Du`A Zeitun arbeitet als Referentin an der Katholischen Landvolkhochschule und betreut das Projekt "Interreligiöser Dialog in der Jugendverbandsarbeit im Osnabrücker Land" sozialpädagogisch. Gemeinsam mit Sebastian Niemann von der Katholischen Landjugendbewegung ist sie verantwortlich für den Jugendleiterkurs.

"Wie werde ich von den Jugendlichen wahrgenommen mit Kopftuch und als Jugendleiterin? Da war ich ein bisschen unsicher. Es hat sich gezeigt, dass es für euch alle selbstverständlich war, und ihr seid auch ganz schnell auf mich zugekommen."

Immer wieder aufeinander zugegangen sind Du`A Zeitun und Sebastian Niemann auch schon, als es darum ging, diesen Kurs gemeinsam zu gestalten. Für die Gebete etwa steht nun ein Raum der Stille bereit. Gruppenspiele werden gegebenenfalls abgewandelt, denn streng gläubige Muslime vermeiden den Körperkontakt zum anderen Geschlecht. Und alle essen gemeinsam halal, also nach islamischen Speisevorschriften.

"Die ganze Landvolkhochschule und alle anderen Kurse die jetzt hier sind kriegen in dieser Woche dieses Essen und es ist okay. Und so findet man immer gute Lösungen für ein gemeinsames Leben, wenn man gewillt ist, diese Lösungen zu suchen und zu finden."

Professionelle Jugendarbeit wird in den Moscheegemeinden immer wichtiger.

"Kompetente Jugendarbeit kann nur bestehen, wenn man eine Struktur aufbaut. Und dementsprechend jetzt die Juleica, damit muslimische angehende Jugendleiter sich schulen lassen können und auch dementsprechende Kompetenzen in die Gemeinde mit einbringen können."

Zum Beispiel die 19 Jahre alte Abiturientin Samira El Filali. Sie betreut ehrenamtlich Kindergruppen in der Ibrahim Al-Khalil-Moschee in Osnabrück.

"Für mich war das immer noch so, da hat noch was gefehlt. Ich wollte das gerne offiziell haben und vor allem die Bestätigung, dass ich wirklich Kenntnisse darüber habe und praktisch befähigt bin, den Kindern etwas beizubringen und zu lehren."

Der interreligiöse Jugendleiterkurs hat sich gelohnt - davon sind auch Samira El Filali und Lea Korte überzeugt. Nicht nur weil sie nun die Jugendleiter-Card so gut wie in der Tasche haben.

"Weil ich hier mit Jugendlichen in Kontakt gekommen bin und einfach gemerkt habe, dass die in ihrem Leben viele Kontakte mit muslimischen Menschen geknüpft haben, die sie schon von alleine dazu gebracht haben, von alleine Vorurteile abzubauen. Vor allem am Anfang, wo man noch ein bisschen skeptisch war, ich wurde einfach als ich, Samira, angenommen und akzeptiert."

"Ganz viel noch dazugelernt, wo man im normalen Religionsunterricht nicht drüber spricht, zum Beispiel, wie es in den Familien so abläuft. Dass wir ganz viele Gemeinsamkeiten haben, das ist jetzt völlig normal geworden."

Die 21 Jahre alte Jura-Studentin Sultan Bostan aus Melle hat sich im vergangenen Jahr für die Jugendleitercard qualifiziert. Nun gehört sie zum Leitungsteam des Kurses. Und sie ist inzwischen Mitglied im Vorstand von JUMOL, dem neuen Verband "Junger Muslime im Osnabrücker Land."

"Dass muslimische Jugendliche sich auch engagieren. In der eigenen Gemeinde fängt das an, erst dann kann es weiterkommen in die Gesellschaft. Manche tun sich ein bisschen schwer damit und ich glaube, durch JUMOL erreichen wir auch mehr Leute, dass die sich auch engagieren und auch gestärkt fühlen in ihrer Persönlichkeit und dann auch sozial sich engagieren."

Rund vierzig Mitglieder hat der muslimische Jugendverband bisher. Er arbeitet unabhängig von den Moscheegemeinden.

"Die wichtigsten Ziele von JUMOL sind, dass die Jugendlichen zusammenkommen, sich austauschen, aktiv an irgendetwas arbeiten, auch mal irgendwo hinfahren - einfach dieses Gemeinschaftsgefühl."

Vor kurzem wurde JUMOL in den Jugendring Osnabrücker Land aufgenommen, und seine Vorsitzende prompt in den Vorstand des Jugendrings gewählt. Die Voraussetzungen sind also geschaffen, dass sich auch außerhalb der Moscheegemeinden eine gut vernetzte muslimische Jugendverbandsarbeit entwickelt. Sebastian Niemann von der Katholischen Landjugendbewegung.

"Man muss die Plätze und Orte für Dialog nicht immer neu schaffen, sie müssen nur genutzt werden. Und deshalb ist es auch wichtig, dass die muslimischen Jugendlichen mit einem anerkannten Verband dort vertreten sind."