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Zeitreisen / Archiv | Beitrag vom 25.07.2007

Gelebte Verfassungswirklichkeit

50 Jahre Stiftung Preußischer Kulturbesitz

Von Otto Langels

Eines ihrer prominentesten Stücke: Die berühmte Büste der Königin Nofretete im Alten Museum.
Eines ihrer prominentesten Stücke: Die berühmte Büste der Königin Nofretete im Alten Museum. (AP)

Sie wurde gegründet, um das kulturelle Erbe Preußens zu bewahren. Als das Gesetz zu ihrer Errichtung vor 50 Jahren in Kraft trat, fand das keineswegs ungeteilte Freude und Zustimmung. Heute ist die Stiftung Preußischer Kulturbesitz mit Museumsinsel, Staatsbibliothek und vielen weiteren Museen der größte Museumskomplex Europas.

Klaus-Dieter Lehmann: "Das ist wirklich ein Wunder, dass so ein weitsichtiger Beschluss 1957 gefasst worden ist, dass man gesagt hat: Die Sammlungen nicht auseinander reißen. Der organische Zusammenhang von Museumsgut, Bibliotheksgut und Archivgut ist so einmalig und einzigartig in der Welt, das muss zusammen bleiben."

Ein Gesetz des Deutschen Bundestags führte am 25. Juli 1957 zur Gründung der Stiftung Preußischer Kulturbesitz. In dem Gesetzestext heißt es:

Die Stiftung hat den Zweck, die ihr übertragenen preußischen Kulturgüter für das deutsche Volk zu bewahren, zu pflegen und zu ergänzen.

Ein halbes Jahrhundert später ist Klaus-Dieter Lehmann Präsident von einem der größten Museumskomplexe weltweit. Zur Stiftung Preußischer Kulturbesitz, kurz SPK, gehören 16 Einzelmuseen in Berlin, darunter die Alte und Neue Nationalgalerie, das Kupferstichkabinett, die Gemäldegalerie mit Meisterwerken von Dürer, Tizian, Rubens, Rembrandt und Vermeer, das Pergamonmuseum und das Ägyptische Museum mit der weltberühmten Büste der Königin Nofretete sowie das Alte Museum mit der Figur des Betenden Knaben.

Audio-Führung: "Die Statue des Betenden Knaben ist wohl das bekannteste Kunstwerk der Berliner Antikensammlung. Dies liegt nicht nur an ihrem hohen künstlerischen Wert, sondern auch am Geheimnis ihrer Gestalt und vor allem an ihrer bewegten Vergangenheit."

Ein Ausschnitt aus der Antenna Audio-Führung durch das Alte Museum.
Weiterhin gehören zur SPK die ethnologischen Sammlungen mit rund 500.000 Objekten aus Afrika, Asien, Amerika und Australien, das Museum Berggruen mit der Sammlung der Klassischen Moderne von Picasso bis Klee und Matisse, die Sammlung des Fotografen Helmut Newton und das Museum der Gegenwart im Hamburger Bahnhof mit Objekten von Beuys, Kiefer und Warhol.

Audio-Führung: "Das Gesicht, das Sie hier meterhoch vor sich sehen, ist weltbekannt. Es gehört Mao Zedong. 1972 begann Andy Warhol mit einer Reihe von Mao-Porträts. Neu an seinen Mao-Bildern war der malerische Gestus. In freier Pinselführung trug Warhol kräftige Farben auf."

Teile der Stiftung Preußischer Kulturbesitz sind außerdem die Staatsbibliothek mit mehr als 10 Millionen Büchern, das Geheime Staatsarchiv mit 35 laufenden Kilometern Akten sowie das Ibero-Amerikanische Institut mit seiner wissenschaftlichen Spezialbibliothek und das Institut für Musikforschung.

Die Anfänge der drei großen Stiftungseinrichtungen Museen, Bibliothek und Archiv gehen bis in die brandenburgische Zeit zurück. Friedrich Wilhelm, der Große Kurfürst, gründete 1661 in einem Flügel des Berliner Schlosses die Kurfürstliche Bibliothek. Im 18. Jahrhundert vermehrte Friedrich der Große die königlichen Bücher- und Kunstsammlungen seiner Vorfahren.

Die eigentlichen Weichenstellungen für die Entwicklung Preußens zu einem Kulturstaat erfolgten Anfang des 19. Jahrhunderts, als das Land nach den Napoleonischen Kriegen am Abgrund stand.

Klaus-Dieter Lehmann: "Das hat natürlich dann sehr deutlich gemacht, dass man mit nur Bürokratie und nur Militär allein die Zukunft nicht gewinnen kann. Und die Reformer hatten den großen Auftritt, ob das Wilhelm von Humboldt oder vom Stein oder Hardenberg waren. Und dort hat die Bildungsoffensive wirklich eingesetzt. Das 19. Jahrhundert wurde quasi die Bildungsoffensive. Und Wilhelm von Humboldt war auch derjenige, der als erster die Denkschrift für das Alte Museum, das heißt das erste öffentliche Museum in Preußen formuliert hat."

Das 1830 gegründete Alte Museum, von Karl Friedrich Schinkel errichtet, bildete den Beginn einer regen, einhundertjährigen Bautätigkeit auf der Museumsinsel. Im Herzen Berlins entstanden die Nationalgalerie, das Kaiser-Friedrich-Museum - das heutige Bode-Museum -, das Alte und das Neue Museum. Mit der Erweiterung des Pergamonmuseums 1930 fand diese Entwicklung ihren Abschluss.

Die Bauleistungen spiegelten den wachsenden Raumbedarf der preußischen Sammlungen wider. Nach dem industriellen Aufbruch in Deutschland und dem Aufstieg Berlins zur Reichshauptstadt erlebten die Künste einen enormen Aufschwung – was nicht nur dem preußischen Staat, sondern auch privaten Mäzenen zu verdanken war.

Peter-Klaus Schuster, Generaldirektor der Staatlichen Museen zu Berlin: "Diese Berliner Archäologen um 1900, als es noch Fundteilungen gab, als es auch noch Geld gab mit James Simon, diesem großen Mäzen der Orientgesellschaft, dort hinzugehen, zu graben, begünstigt auch von der damaligen politischen Konstellation, das ist etwas wie ein Quell, aus dem die Berliner Museen schöpfen. Es ist natürlich auch dieses Preußen der wilhelminischen Kaiserzeit, das als Kolonialmacht zu spät gekommen ist, und das kompensiert hat, sehr deutsch in Kunst und Kultur. Und von daher dieses großartige Areal, diese Museumsinsel als Weltkulturerbe, von der Unesco seit 1999 geführt."

Audio-Führung: "Sicherlich haben Sie schon Abbildungen der Berliner Nofretete gesehen und vielleicht sind Sie vor allem ihretwegen hierher gekommen. Sie wird nicht nur als die schönste Berlinerin bezeichnet, sondern ist eines der berühmtesten Kunstwerke aus Altägypten. Die Büste der Nofretete gelangte 1913 in den Besitz von James Simon, des Mäzens der Berliner Museen, der die Grabungen in Armana finanziert hatte. 1920 vermachte James Simon alle Arman-Funde den Staatlichen Museen in Berlin als Schenkung."

Um die öffentlichen Sammlungen mit ihren Schätzen aus den Kulturen aller Kontinente auf der Museumsinsel zusammenzuführen und zu erweitern, bedurfte es klugen Sachverstands. Museumsdirektoren wie Richard Schöne, Wilhelm von Bode oder Hugo von Tschudi setzten das Humboldtsche Erbe fort.

Peter-Klaus Schuster: "Das Besondere an den Staatlichen Museen zu Berlin ist ja, dass sie keine höfische Sammlung sind, wie etwa in München mit den Wittelsbachern, wie mit den Habsburgern oder der Louvre als königlich-französische Sammlung, sondern es ist eine Sammlung, die letztlich durch die Gelehrten der Staatlichen Museen ganz groß geworden ist. Und von daher sind das alles hervorragende Gelehrtenmuseen, mit der Besonderheit, dass das Meisterwerk wie etwa die Mona Lisa – das ist nicht das Berliner Charakteristikum, sondern das Berliner Charakteristikum ist enzyklopädische Breite."

Einen tiefen Einschnitt erlebten die preußischen Sammlungen 1933. Hans-Georg Wormit, der erste, inzwischen verstorbene Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, seinerzeit noch mit dem bescheidenen Titel eines Kurators ausgestattet, erinnerte in den 60er Jahren an die Machtübernahme der Nationalsozialisten.

Hans-Georg Wormit: "Jüdische Wissenschaftler und Persönlichkeiten, deren Platz aus politischen Gründen anders besetzt werden sollte, wurden entfernt. Der hohe Anteil gerade jüdischer Forscher und Stifter an dem Ausbau der Sammlungen wurde systematisch unterdrückt. James Simon, der große Mäzen der Berliner Museen, hatte 1932, ein Jahr vor der Machtübernahme, seine Augen geschlossen. Ihm blieb es erspart, Zeuge dessen zu werden, was nun über das kulturelle Gefüge hereinbrach, das er selbstlos mitgestaltet hatte. Schon 1933 wurde seine Büste aus dem Kaiser-Friedrich-Museum und dem Ägyptischen Museum entfernt, wurden die Inschriften, die sein Mäzenatentum bezeugten, beseitigt."

Unter anderen verjagten die Nazis Max Friedländer, Direktor der Gemäldegalerie, und Curt Glaser, Direktor der Kunstbibliothek. Glaser war mit den Malern Edvard Munch, Max Beckmann und Ernst Ludwig Kirchner befreundet. Deren Gemälde ließ das NS-Regime im ganzen Reich als so genannte "Entartete Kunst" aus den Museen entfernen. Besonders betroffen war die Berliner Nationalgalerie.

Hans-Georg Wormit: "Über 500 Werke der so genannten "Entarteten Kunst" wurden widerrechtlich enteignet, andere wertvolle Gemälde in Abstellräume verbannt. Barlach, Max Beckmann, der mit acht Gemälden vertretene Lovis Corinth, van Gogh, Kandinsky, Paul Klee, Kokoschka, Lehmbruck, August Macke, Franz Marc, Munch, der mit 31 Gemälden und Aquarellen präsente Nolde, Pechstein, Schmidt-Rottluff wurden ausgeschieden. Die unbestrittene Vorrangstellung der Berliner Museen auf den Gebieten der neueren Malerei und Plastik war dahin."

Mit der Staatsbibliothek verfuhren die Nationalsozialisten nicht anders. Die Bücher jüdischer und verfemter Dichter ließen sie entfernen.

Hans-Georg Wormit: "Als Hitler am 1. September 1939 den Zweiten Weltkrieg begann, schlossen die Museen ihre Pforten. Ihre wichtigsten Bestände wurden zunächst in den Kellern der Gebäude geborgen. Die Staatsbibliothek jedoch arbeitete weiter. Als der Luftkrieg immer erbitterter, die Gefährdung der Sammlung immer größer wurde, verhinderte ein ausdrücklicher Befehl Hitlers auf Jahre hinaus jede Sicherung der Bestände außerhalb Berlins."

Erst sehr spät konnten die Museen Teile ihrer Bestände in ländliche Gebiete auslagern, wo sie vor Bombenangriffen sicher schienen. Wertvolle Sammlungen blieben aber auch weiterhin in Berlin.

Klaus-Dieter Lehmann: "Bei den letzten Evakuierungen, das war dann 43/44, da sind die zwei Flakbunker in Berlin belegt worden, das ist der Flakbunker Zoo und der Flakbunker Friedrichshain. Zoo war ein Bereich, wo die sehr wertvollen Dinge waren, also das Gold von Schliemann oder der Merowinger und ähnliche Dinge. Und dadurch dass das im alliierten Sektor der Westmächte, also der englischen Armee lag, haben die Russen, bevor die Engländer das okkupiert haben, den Zoobunker komplett ausgeräumt und mit Luftfracht nach Moskau gebracht."

Um die Rückgabe der so genannten Beutekunst streiten die russische und die deutsche Regierung seit Jahren, bislang mit bescheidenem Erfolg, wie Kulturstaatsminister Bernd Neumann einräumt:

"Dieses Thema, befürchte ich, wird noch mehrere Generationen von Kulturstaatsministern beschäftigen. Hier haben wir eine sehr festgefahrene, völkerrechtswidrige Position Rußlands, und auf der anderen Seite klare Ansprüche auf die kriegsbedingt verschleppten Kulturgüter auf deutscher Seite. Und ich nutze jeden Kontakt mit den russischen Kollegen, dies zu thematisieren. Wir haben ja schon einen mindestens psychologisch-strategisch wichtigen Erfolg gehabt im Rahmen dieser Ausstellung zur Merowinger-Zeit, wo erstmalig überhaupt die Russen akzeptiert hatten, dass Beutekunst-Objekte dieser Ausstellung sozusagen aus den Archiven geholt wurden und gekennzeichnet wurden mit dem Zusatz: kriegsbedingt verschleppt, bis 1945 Eigentum des Museums für Vor- und Frühgeschichte in Berlin. Aber die Entwicklung ist immer so: zwei Schritte vor, vier Schritte zurück. Das ist eine permanente Aufgabe, der ich mich verpflichtet fühle, aber ganz realistisch gesehen muss man einen langen Atem haben, und Überraschungscoups wird‘s nicht geben."

Ein weiterer wertvoller Bestand, die große Musikhandschriftensammlung, wurde gegen Ende des Zweiten Weltkriegs aus der Staatsbibliothek in den Osten transportiert. Die Handschriften liegen heute in Krakau. Deshalb betrachtet die polnische Regierung sie als ihren Besitz. Alle Verhandlungen um eine Rückgabe verliefen bisher ergebnislos.

Ob andere kostbare Kunstgegenstände aus den Staatlichen Museen das Kriegsende unbeschadet überstanden haben und sie heute in geheimen russischen Depots lagern, ist immer noch nicht geklärt.

Klaus-Dieter Lehmann: "Der Friedrichshainer Bunker ist von der Roten Armee besetzt und auch bewacht worden, aber offensichtlich haben sie die Plünderer in diesen Bunker gehen lassen. Da waren die großen Gemälde der Gemäldegalerie, also Rubens, Tizian usw. Und wir wissen nicht, ob diese Bilder vorher abtransportiert wurden nach Rußland oder ob sie bei einem späteren Brand, den die Plünderer gelegt hatten, weil es kein Licht in diesen Bunkern gab, man hat sich also Fackeln gemacht und da ist der Bunker dann in Flammen aufgegangen, ob sie verbrannt sind oder ob sie gerettet sind."

Die Lücken, die die verheerende Kunstpolitik des NS-Regimes und der Zweite Weltkrieg in den Sammlungen des Preußischen Kulturbesitzes hinterlassen haben, lassen sich nicht mehr schließen. Als spätes Glück mag es da immerhin erscheinen, dass ein Sammler wie Heinz Berggruen oder ein Künstler wie Helmut Newton, die die Nazis als junge Juden aus Deutschland vertrieben hatten, in hohem Alter mit ihren kostbaren Picasso-, Matisse- und Klee-Gemälden und den eigenen Fotografien in ihre Heimatstadt zurück gekehrt sind.

Am 25. Februar 1947 trug der Alliierte Kontrollrat der vier Siegermächte mit dem Gesetz Nr. 46 den Staat Preußen endgültig zu Grabe. Zwar waren alle politischen Institutionen längst schon untergegangen, formal hatte das einst mächtigste und größte Land des Deutschen Reiches bis dahin aber immer noch bestanden.

Was sollte jetzt, in Zeiten des Kalten Krieges, angesichts der politischen Teilung Berlins und Deutschlands mit den preußischen Kulturgütern geschehen? Die Museumsbauten lagen im sowjetischen Sektor, die Mehrzahl der Kunstschätze in den westlichen Besatzungszonen.

Im Osten wurden die zerstreuten Sammlungsreste an den traditionellen Standorten in Berlin zusammen geführt und nach der Gründung der DDR einer zentralen Verwaltung unterstellt. 1958 kehrten große Teile der Kunstschätze, die die Sowjetuion 1945 beschlagnahmt und abtransportiert hatte, nach Ost-Berlin zurück.

Im Westen trugen die Alliierten den preußischen Kulturbesitz in so genannten "Collecting Points" in Celle, Wiesbaden und Tübingen zusammen. In der jungen Bundesrepublik übernahmen dann zunächst die zuständigen Länder als Träger der Kulturhoheit die Verantwortung für die Kunstgegenstände. Eine provisorische Regelung.

Norbert Zimmermann, Vizepräsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz: "Da gab es Berlin, das sehr bald auch den politischen Willen hatte, einfach die Attraktivität der zerstörten Stadt dadurch wieder zu beleben, dass der Kunstbesitz der Berliner Museen wieder nach Berlin kamen. Dann gab es das Interesse der Länder, in denen diese alliierten Collecting Points lagen, was im Lande X sich befindet, bleibt da! Und das Bemühen des Bundes war dann, eine Lösung zu finden, die zum einen die Dinge wieder nach Berlin bringt und zum andern eine übergeordnete, alle Interessen einfangende Regelung."

Die Bundesregierung berief sich schließlich auf einen Artikel des Grundgesetzes, wonach der Bund eine besondere Verantwortung beanspruchen könne, wenn ein überwiegendes gesamtstaatliches Interesse vorliege – wie etwa bei den preußischen Kultureinrichtungen. Die Bundesländer wiederum befürchteten, dass sich der Bund Kompetenzen in kulturellen Fragen anmaße, die Angelegenheit der Länder seien. Ein Konflikt war vorprogrammiert.

Der Bundestag verabschiedete im Februar 1957 das Gesetz zur Errichtung einer Stiftung Preußischer Kulturbesitz. Nach der Verkündung durch den Bundespräsidenten trat es am 25. Juli 1957 in Kraft. Aber die Länder Baden-Württemberg, Hessen und Niedersachsen sowie der Bundesrat hielten das Gesetz für verfassungswidrig und klagten deshalb vor dem Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe.

Norbert Zimmermann: "Beide Klagen führten dann 1959 zu dem Urteil des Bundesverfassungsgerichts, mit dem das Gesetz als verfassungsgemäß inklusive der Fragen Kulturhoheit und dergleichen attestiert wurde."

Dem Aufbau der Stiftung als gemeinsames Bund-Länder-Projekt stand damit rechtlich nichts mehr im Wege. Es dauerte dann freilich noch einige Zeit, bis der Stiftungsrat und der Kurator Anfang der 60er Jahre ihre Arbeit aufnehmen konnten.

Neben dem Bund waren zunächst die Länder Baden-Württemberg, Berlin, Nordrhein-Westfalen und Schleswig-Holstein Träger der Stiftung. 1975 kamen die übrigen westdeutschen Bundesländer hinzu. In den 20köpfigen Stiftungsrat entsenden der Bund sowie Berlin und Nordrhein-Westfalen je zwei Vertreter, die übrigen Länder je einen. Die finanziellen Lasten trägt zu 75 Prozent der Bund, die übrigen 25 Prozent übernehmen die Länder nach einem komplizierten Schlüssel, der sich an Einwohnerzahl und Steueraufkommen orientiert.

Klaus-Dieter Lehmann: "Es gibt zwei Ausnahmen, die über das übliche Maß hinaus finanziert haben: Das ist einmal Berlin als Sitzland. Nordrhein-Westfalen ist was Wunderbares, das hat gehalten, ob eine CDU-Regierung oder eine SPD-Regierung. Es gibt ein ganz enges Verhältnis, also das macht schon Freude."

Auf der Gegenseite hat sich Bayern - wohl auch gespeist aus alten Ressentiments gegenüber Preußen – lange geziert, der Stiftung beizutreten. 1975 wurde der Freistaat schließlich Mitglied, das finanzielle Engagement fällt jedoch bescheiden aus: Bayern übernimmt lediglich die Hälfte des saarländischen Beitrags.

Da die alten preußischen Museen und Bibliotheken alle in Ost-Berlin lagen, musste die SPK im Westen neue Gebäude errichten. Am Potsdamer Platz entstanden das Kulturforum und die Staatsbibliothek, in Dahlem die Museen für die außereuropäischen Sammlungen.

Nach der Wende wurde 1990 im Einigungsvertrag festgelegt, das Stiftungsmodell auf die neuen Länder zu übertragen und die ostdeutschen Einrichtungen des Preußischen Kulturbesitzes in die Stiftung zu überführen.

Klaus-Dieter Lehmann: "Es hat dann bis 1992 gedauert, bis es vollzogen worden ist, aber es hat eigentlich auch keine andere Alternative in der Diskussion gegeben, sondern die Bereitschaft, diese Bund- und Länder-Konstruktion dann für alle 16 zu öffnen. Das war von Anfang an das Wunschmodell und es ist auch dann in dieser Weise durchgeführt worden."

Heute ist die Stiftung Preußischer Kulturbesitz der größte Musuemskomplex Europas mit 2000 Mitarbeitern und einem Etat von 250 Millionen Euro pro Jahr. Klaus-Dieter Lehmann spricht von einer Erfolgsgeschichte:

"Wenn man mal bedenkt, wie wir aus den Trümmern des Zweiten Weltkrieges, aus der Verstreutheit der Situation, aus den geteilten Beständen und Häusern, plötzlich wieder - wie Phönix aus der Asche sind wir eigentlich gekommen. Und wir haben zwei große Vorteile. Der eine große Vorteil ist, dass wir wirklich diese kulturellen Quellen unter einem Dach haben, das ist heute modern. Früher hat man immer in Sparten gedacht, heute ist das ganz anders. Und das zweite ist, dass wir einfach eine Identifikation liefern, die nicht nur auf Berlin, sondern schon auf die ganze Republik bezogen ist."

Derzeit verzeichnet die SPK fünf Millionen Besucher jährlich, angelockt von der Vielfalt der Sammlungen und herausragenden Kunstgegenständen wie dem Pergamonaltar.

Audio-Führung: "Thema des großen Altarfrieses ist die Schlacht zwischen den Göttern und den Giganten. In einer Länge von 113 Metern umgab er den Unterbau des Pergamonaltars. Der im Museum sichtbare Fries ist eine Rekonstruktion aus zahlreichen Fragmenten, die bei der Ausgrabung geborgen und im Museum mit wissenschaftlicher Akribie wieder zu Platten zusammen gefügt wurden."

Der Pergamonaltar befindet sich auf der Museumsinsel, die 1999 in das Weltkulturerbe der Unesco aufgenommen wurde. Ein Großteil der im Zweiten Weltkrieg zerstörten oder beschädigten Gebäude wird derzeit wiederaufgebaut und restauriert; ein langfristiges, kostspieliges Projekt, das der Bund finanziert.

Kulturstaatsminister Bernd Neumann: "Die Sanierung der Museumsinsel, ein Projekt von immerhin 1,2 Milliarden Euro, davon ist etwa die Hälfte ausgegeben worden, und es steht da ja die endgültige Einweihung des Neuen Museums an. Die Restaurierung des Pergamonmuseum, das Eingangsgebäude, eine zukunftsweisende Entscheidung wird ja aktuell diskutiert. Die zweite Herausforderung ist eine neue gewollte, nämlich der Wiederaufbau des Schlosses, des alten Hohernzollernschlosses in der alten Stadtmitte unter Integration des so genannten Humboldt-Forums."

Lange Zeit war heftig umstritten, ob der Palast der Republik als Sitz der Volkskammer und Symbol der untergegangenen DDR abgerissen und an seiner Stelle das alte Hohenzollernschloss wieder auferstehen sollte.

Bernd Neumann: "Die Diskussionen beginnen erst über die innere Gestaltung, aber das nun mindestens an drei Seiten dieses wieder aufzubauenden Gebäudes die klassische Fassade entstehen soll, das ist überhaupt Grundbedingung gewesen des Beschlusses des Deutschen Bundestages."

Nachdem die Entscheidung gefallen war, begann die nächste Debatte: Was soll hinter den alten Fassaden im Neubau zu sehen sein? Aus der SPK kam der Vorschlag, die außereuropäischen Sammlungen des preußischen Kulturbesitzes dort unterzubringen. Der Berliner Senat unterstütze die Idee, erklärt Kulturstaatssekretär André Schmitz:

"Direkt gegenüber der Museumsinsel, wo Sie die europäische Kultur von der Antike bis zum 19. Jahrhundert sehen können, gehen dann über die Straße und sehen dort im Alexander-von-Humboldt-Forum die außereuropäischen Sammlungen, die Weltniveau haben, gleichrangig neben den europäischen Sammlungen, das ist eine sehr große Aufgabe für die Stiftung, die wird uns alle noch sehr beschäftigen, ist aber auch eine kulturpolitische Großtat."

Aufgabe von Hermann Parzinger, dem künftigen Präsidenten der SPK, wird es sein, den Plan umzusetzen. Der derzeitige Präsident des Deutschen Archäoligischen Instituts wird sein neues Amt im kommenden Frühjahr antreten:

"Wenn man nach einem großen Thema sucht, dass man dort gegenüber den Museen, die ja unsere alteuropäischen, vorderasiatischen Kulturen präsentieren, aus der Urzeit bis hin zur Alten Nationalgalerie, dass im Zeitalter der Globalisierung das Außereuropäische dann, wenn man die Chance hat, entsprechend gegenüber gewissermaßen präsentiert. Ich denke, es war naheliegend, dass es zu dieser Entwicklung kommt."

Die anderen Standorte der SPK in Dahlem, Charlottenburg und auf dem Kulturforum am Potsdamer Platz könnten damit aber an Attraktivität verlieren. Dies zu verhindern, wird eine Aufgabe des künftigen Präsidenten sein. Mit konkreten Überlegungen, welche neuen Akzente er setzen will, hält sich Hermann Parzinger noch zurück. Nur soviel: Die Forschungsleistungen der Mitarbeiter möchte er in Zukunft stärker zur Geltung bringen:

"Ich habe manchmal den Eindruck, die Museen kennt jeder, auch die Staatsbibliothek kennt jeder. Wer sich für preußische Geschichte interessiert, kennt das Geheime Staatsarchiv und so weiter. Aber das Anhängsel, sozusagen in der Abkürzung SPK, dass es das Dach ist und das vielleicht auch nicht nur eine Hauptverwaltung sein soll, sondern das wirklich alles zusammen ein Organismus ist, ein Organismus des Wissens und der Kultur und der Kunst, das müsste man versuchen, vielleicht noch ein bißchen stärker sichtbar zu machen."

Audio-Führung: "Bonjour, mon ami, je suis Henri, ich bin Henri. Ich werde heute mit dir gehen durch diese Ausstellung und dir die schönsten Bilder zeigen. Ich komme aus Frankreich, oh ja, aus Paris. Meine Heimat ist das schönste Land auf der ganzen Welt, und ich werde dir heute zeigen, dass auch die schönsten Bilder auf der ganzen Welt aus Frankreich kommen."

So beginnt eine Audio-Führung für Kinder durch die aktuelle Ausstellung in der Neuen Nationalgallerie: "Die schönsten Franzosen kommen aus New York." Die Schau mit französischen Meisterwerken des 19. Jahrhunderts aus dem New Yorker Metropolitan-Museum ist das jüngste Beispiel für die zunehmende internationale Kooperation großer Häuser. Die Stiftung Preußischer Kulturbesitz versteht sich als "global player", als Museum der Weltkunst für die Welt, wie Klaus-Dieter Lehmann meint:

"Wir geben fertig kuratierte Ausstellungen in die großen Metropolen der Welt und bekommen dafür nach Berlin deren große Ausstellungen. Das haben wir mit Tokio, mit Taiwan, mit Sao Paulo, mit Rio de Janeiro und so weiter gemacht. Das ist ein großes Austauschprogramm, das werden wir auch weiterhin pflegen. Das nächste wird China sein - 2010, direkt am Platz des Himmlischen Friedens."

Ein Austausch, der sich für beide Seiten zu lohnen scheint. So war die Ausstellung des New Yorker Museums of Modern Art nicht nur in Berlin ein großer Publikumserfolg, sie bescherte anschließend auch dem "MoMA" steigende Besucherzahlen aus Deutschland.

Nach einem halben Jahrhundert kann die Stiftung Preußischer Kulturbesitz eine erfolgreiche Bilanz vorweisen. Niemand der Verantwortlichen mag deshalb trotz neuer Herausforderungen und wachsender Aufgaben an dem alten, nicht gerade einfachen Bund-Länder-Konstrukt rütteln oder den überkommenen Namen Preußischer Kulturbesitz in Frage stellen.

André Schmitz: "Es ist noch zeitgemäß, weil es natürlich auch das föderale Bekenntnis zur Bundeshauptstadt widerspiegelt. Indem alle Bundesländer hier im Stiftungsrat vertreten sind, hier ihre Mitverantwortung auch für das preußische Erbe, das Kulturerbe in der Hauptstadt wahrnehmen, denke ich, ist es auf jeden Fall auch ein Bekenntnis der Bundesländer zu ihrer Hauptstadt, und Berlin profitiert natürlich auch am meisten."

Klaus-Dieter Lehmann: "Also ich sehe das als Zukunftsmodell, weil damit wirklich deutlich wird, dass dieses Land sich mit all seinen Gliederungen der Bundesländer in der Hauptstadt fokussieren kann und damit einen gemeinsamen Auftritt hat."

Bernd Neumann: "Es ist ein gute Sitte in Deutschland, dass man historisch gewachsene Begriffe nicht verändert vom Namen her, aber vom Inhalt sich auch immer der Zeit anpasst, und das ist im Rahmen der Stiftung Preußischer Kulturbesitz aus meiner Sicht bestens gelungen."

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