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Lesart / Archiv | Beitrag vom 27.11.2011

Geld mittels Geld verdienen

Christian Marazzi: "Verbranntes Geld" und Hyman P. Minsky: "Instabilität und Kapitalismus"

Rezensiert von Uli Müller

Zwei Bücher zur Euro-Krise (picture alliance / dpa)
Zwei Bücher zur Euro-Krise (picture alliance / dpa)

Es ist das Buch zur Krise. Für "Verbranntes Geld" hat sich Christian Marazzi auf die Suche nach den finanziellen Verwerfungen des Kapitalismus gemacht. Er blickte zurück in die Geschichte und wühlte sich durch ökonomische Literatur. Herausgekommen ist eine bemerkenswerte Analyse.

"Verbranntes Geld" liest sich, als wollte der Autor die Gründe analysieren, warum sich in der Krise das Vermögen von Banken, Finanzinvestoren und ganz normalen Bürgern in Luft auflöst. Doch darum geht es ihm gar nicht.

Vielmehr untersucht Christian Marazzi, warum die Werte, die der Finanzsektor zu schaffen meint, nichts mit der Realwirtschaft zu tun haben; mit der Herstellung von Waren und Dienstleistungen also. Passender, wenn auch nicht ganz so spektakulär, wäre deshalb ein Titel gewesen, der auf jenen Irrweg des Geldes anspielt.

Buchcover: "Verbranntes Geld" von Christian Marazzi (Diaphanes-Verlag)Buchcover: "Verbranntes Geld" von Christian Marazzi (Diaphanes-Verlag)Immerhin macht der Titel neugierig. Marazzi ist Italiener, Ökonomieprofessor an der Universität der italienischen Schweiz in Lugano und in seiner Heimat als Kapitalismuskritiker bekannt. Sein neuer Essay hat viele Leser verdient. Sehr viele. Denn Marazzi durchleuchtet den Finanzkapitalismus und stellt dabei fest, dass die gegenwärtige Krise keinesfalls die Ausnahme ist, sondern die Norm. Eine Gesetzmäßigkeit sozusagen.

"Es ist eine systemische Krise, in der ein ökonomisches, politisches und kulturelles Modell als Ganzes unter der Last der eigenen Widersprüche zusammenbricht. Es ist der Bankrott eines gesellschaftlichen Modells; es bleiben Wut, Ernüchterung, Misstrauen und Protest – und die Frage nach den Grenzen des Kapitalismus."

Nun ist Marazzi keinesfalls als Erster dieser Ansicht. Auch Wirtschaftshistoriker wie Charles Poor Kindleberger und Barry Eichengreen erkannten wiederkehrende Krisenmuster. Und bereits in den 60er-Jahren begann der US-Ökonom Hyman Philip Minsky, eine entsprechende Theorie zu entwickeln. Doch damit blieb er ein Außenseiter. Minsky konnte die herrschende neoklassische Theorie angeblich effizienter Kapitalmärkte nicht vom Thron stoßen. Heute finden seine Arbeiten wieder größere Aufmerksamkeit.

Buchcover: "Instabilität und Kapitalismus" von Hyman P. Minsky (Diaphanes-Verlag)Buchcover: "Instabilität und Kapitalismus" von Hyman P. Minsky (Diaphanes-Verlag)Deshalb hat der Diaphanes-Verlag zwei prägnante Aufsätze von Minsky unter dem Titel "Instabilität und Kapitalismus" neu aufgelegt. Joseph Vogl ist der Herausgeber. Der Berliner Literaturwissenschaftler hatte zum Jahresbeginn mit seinem Buch "Das Gespenst des Kapitals" für Aufsehen gesorgt. Im Vorwort zu "Instabilität und Kapitalismus" schreibt er:

"Während die Varianten klassischer Lehre allenfalls anekdotische Erklärungen für Finanzkrisen bereitstellen, nimmt Minsky die ‚verheerenden logischen Löcher’ zur Voraussetzung für einen Versuch, der anormale Verläufe und Störungen als Regelfälle kapitalistischer Ökonomien begreift"."

Beide Aufsätze haben es in sich. Gespickt mit mathematischen Formeln sind sie eher für Leser mit ökonomischer Vorbildung geeignet. Doch auch Unbedarfte, die sich von Diagrammen und Gleichungssystemen nicht abschrecken lassen und ein wenig Mühe investieren, sollten sich ruhig an die Lektüre heranwagen. Getrost können sie über solche Einschübe hinweg blättern und werden dennoch mit neuen Einsichten belohnt.

Die Ursache für die wiederkehrenden Krisen sieht Minsky ebenso wie Marazzi in der Dominanz der Geldsphäre über die reale Wirtschaft. Diese hat sich seit dem Ende der 60er-Jahre immer deutlicher abgezeichnet. Damals begannen nämlich die Gewinne der Unternehmen zu sinken. Marazzi spricht von etwa 50 Prozent.

Um zu überleben, mussten sich Firmenchefs und Manager nach neuen Einnahmequellen umsehen. Weil mit Investitionen in Maschinen und Arbeitsplätze nicht mehr so viel zu verdienen war, verlegten sie sich darauf, Geld mittels Geld zu verdienen. Für diesen Vorgang haben Ökonomen den sperrigen Begriff Finanzialisierung geprägt. Marazzis analysiert die Folgen.

""Die Finanzialisierung redistribuiert Geld- und Renteneinkommen ... auf zutiefst ungleiche und prekäre Weise."

Zugespitzt formuliert er damit die Tatsache, dass Banker oder Manager von Hedge Fonds, eben die Spieler auf dem Finanzmarkt, sich nicht um das Wohl der Allgemeinheit scheren. Solange ihre Geschäfte lukrativ sind, ist es ihnen egal, ob sie das System kaputtmachen. Die Folgen tragen ja die weniger Wohlhabenden. An einem Beispiel macht Marazzi deutlich, was er konkret meint: Während der Hauskrise in den USA, schreibt er, verloren jeden Tag um die zehntausend Eigentümer ihr Zuhause bei Zwangsvollstreckungen.

Gekonnt und folgerichtig deckt Marazzi auf, dass das nahtlose ineinander übergehen der Krisen seit dem Jahr 2008 im Grunde genommen dieselbe Ursache hat: das Geschäftemachen auf Kosten der Allgemeinheit. Das war während der US-Hauskrise zu beobachten. Banken forcierten das Schuldenmachen, indem sie Leuten mit geringem Einkommen Immobilienkredite aufschwatzten.

Als die Zinsen stiegen, konnten viele ihre Kreditraten nicht mehr abbezahlen und mussten ihr Haus den Banken überlassen. Diese Art des Geschäftemachens ruiniert nicht nur Hauseigentümer, sondern auch Gemeingüter wie hier im Beispiel den Wohnungsmarkt.

Dieses Motiv der Bereicherung ist Marazzi zufolge bei der aktuellen Staatsschuldenkrise ebenso erkennbar wie bei der Eurokrise.

Marazzi ist überzeugt, dass es mit der Gemeinschaftswährung soweit kommen musste. Denn bei ihrer Geburt war es den verantwortlichen Politikern nicht darum gegangen, die Lohn- und Steuersysteme der Euro-Länder anzupassen und damit die Menschen in den Mittelpunkt zu stellen. Nein, sie erlagen dem neoliberalen Zeitgeist – und rückten die Kapitalmärkte ins Zentrum.

Doch inzwischen erkennen immer mehr Politiker und Bürger, dass es so nicht weitergehen kann. Auch Marazzi. Allerdings dämpft er allzu hochfliegende Hoffnungen. Obwohl die Zeit dafür gerade günstig zu sein scheint.

"Die Langsamkeit, mit der die Einsicht reift, dass es sich um die Zahlungsunfähigkeit des Bankensektors in seiner Gesamtheit handelt, sowie die Schwierigkeit, den zweifellos komplizierten Knoten zu lösen, den die Verstaatlichung großer Banken darstellt ... werden einen extrem hohen Preis fordern."

Dafür hat der Autor klare Vorstellungen, wie der gegenwärtige Krisen-Kreislauf durchbrochen werden kann. Zwei Veränderungen liegen ihm besonders am Herzen: Erstens wird es ohne die Einbindung der Schwellenländer keine nachhaltige Lösung im weltweiten Maßstab geben. Und zweitens muss das internationale Währungssystem so umgebaut werden, dass die grundlegenden globalen Ungleichgewichte abgebaut werden. Deshalb greift Marazzi Vorschläge für eine echte supranationale Währung auf. John Maynard Keynes zum Beispiel hatte ein solches Konzept – den Bancor – bereits auf der Konferenz von Bretton Woods im Jahr 1944 vorgestellt. Erfolglos.

Der Widerstand gegen den Krisen-Kapitalismus organisiert sich inzwischen lokal und global. In diesen Kämpfen, so schreibt Marazzi, geht es darum, die Regeln, nach denen Märkte und Finanzsystem funktionieren, kollektiv von unten neu zu definieren. Dabei setzt er vor allem auf ein ausgewogeneres Verhältnis zwischen dem Finanzsektor und der übrigen Wirtschaft. Wie das konkret aussehen soll, lässt er offen.

"Es gibt heute keine fertigen Rezepte, nur die feste Überzeugung, dass jedwede Zukunft von uns selbst abhängt."

Christian Marazzi: Verbranntes Geld
Diaphanes-Verlag Zürich, 2011

und

Hyman P. Minsky: Instabilität und Kapitalismus
Diaphanes-Verlag Zürich, 2011

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