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Politisches Feuilleton / Archiv | Beitrag vom 23.02.2012

Gelbe Klassiker mit subversiver Patina

Reclam-Hefte erscheinen in neuem Design

Von Sieglinde Geisel

Reclam-Bücher (dpa / picture alliance / Hendrik Schmidt)
Reclam-Bücher (dpa / picture alliance / Hendrik Schmidt)

Die dünnen gelben Reclam-Hefte haben ein neues Cover: Noch einen Hauch schlichter als bisher. Es bleibt bei demonstrativem Understatement. Das Reclam-Heft ist eben eines der bildungsbürgerlichen Statussymbole schlechthin.

Für Generationen von deutschen Schülern haben Klassiker einen gelben Pappdeckel: Goethes "Faust" und Schillers "Wallenstein" haben sie nie anders kennengelernt als im gelben Reclam-Einband, und ihnen dürfte es auch zu verdanken sein, dass Goethe und Schiller heute noch die meistverkauften Reclam-Autoren sind. Denn die gelben Hefte von Reclams Universalbibliothek sind eine bewährte Pädagogenkeule, in vielerlei Hinsicht. Schon der nüchterne Einband signalisiert, dass es hier um den Ernst des Lesens geht. Dank des niedrigen Preises sind die Hefte wie geschaffen für fleißiges Anstreichen und Anmerken. Und weil sie so schnell zerfleddert sind, sieht man ihnen die am Text geleistete geistige Arbeit auch an – ein Effekt, den Dramaturgen und Regisseure ebenfalls zu schätzen wissen.

Seit 1970 sind die Reclam-Hefte so gelb, wie wir sie heute kennen und schätzen. Damals waren minimalistische Buchumschläge schon länger in Mode. Willy Fleckhaus hatte etwa für die Bibliothek Suhrkamp ein Kleid in edlem Schwarz-Weiß entworfen – der Umschlag verriet über den Inhalt eines Buchs nichts, außer dass es sich um Hochkarätiges handelte. Doch bei Reclam war man früher schon weiter: Als die Universalbibliothek vor 150 Jahren ins Leben gerufen wurde, gab es auf dem blassen Lachsrosa des Buchdeckels zwar noch Blumenranken und Schnörkel. Doch alle Jahrzehnte wurde der Einband ein wenig schlichter, selbst die rote Frakturschrift des Dritten Reichs war vergleichsweise schlank. Als es den Reclam-Verlag nach dem Krieg dann doppelt gab, kehrte man sowohl in Ost als auch in West wieder zu einer stilbildenden modernen Einfachheit zurück.

Wer zu den gelben Heften greift, erhält Qualität zum kleinen Preis. Doch dies allein macht noch keine Marke – dafür braucht es eine Aura. Die Pflichtlektüre von einst hat eine subversive Patina angesetzt. Da schadet es nichts, dass das Programm längst nicht so universal ist, wie der Name Universalbibliothek uns glauben machen möchte: Denn bei der großen Mehrheit der Autoren handelt es sich um "dead white males", die toten weißen Männer des gern geschmähten westlichen Kanons. Doch gerade der Ruch des altmodisch Elitären hat einen unbestreitbaren Reiz. Erwachsene, die auf eigene Verantwortung lesen, wissen längst, dass in Klassikern oft mehr Sex and Crime steckt als in gehypten Thrillern.

In den gelben Heftchen trifft sich das Erhabene mit dem Billigen, und so wie der echte Kenner den Rioja bei Aldi kauft, so zeichnet gerade das uncoole Reclam-Heft die wahre Coolness aus. Mehr Understatement geht nicht, das weiß man auch beim Verlag in Stuttgart. Entsprechend behutsam ging man bei der diesjährigen Renovierung des Erscheinungsbilds vor – man beließ es im Wesentlichen bei einer Auffrischung des Farbsystems. Wie heikel Neuerungen bei einer Kult-Marke sind, zeigt die vor kurzem eingeführte Sachbuchreihe. Die Leitfarbe Magenta ist für Reclam fast zu sexy.

Wer sich nämlich mit einem der gelben Heftchen im ICE erwischen lässt, will durch wohldosierte Seriosität auf sich aufmerksam machen. Mit dem Reclam-Bändchen, das er früher unter keinen Umständen freiwillig gelesen hätte, sagt der traditionsbewusste Zeitgenosse heute: "Ich bin einer, dem es um den Inhalt geht und nicht um die Verpackung! Ich bin kein Impulskäufer! Und kommen Sie mir nicht mit Spaßkultur – das ist etwas für Minderjährige und Ultrabook-User!" Das schmale, federleichte Heftchen dagegen ist das Ultrabook unter den Büchern. Wer eine Handvoll davon in den Koffer packt, kann auf das maschinengestützte Lesen am E-Reader verzichten.

Sieglinde Geisel, freie Journalistin (privat)Sieglinde Geisel, freie Journalistin (privat)Sieglinde Geisel wurde 1965 in Rüti (Schweiz) geboren. Sie studierte in Zürich Germanistik und Theologie, zog 1988 nach Berlin. 1994 ging sie nach New York, wo sie vier Jahre als Kulturkorrespondentin für die Neue Zürcher Zeitung tätig war. Als freie Journalistin in Berlin schreibt sie seit 1999 über kulturelle und soziale Themen. 2010 erschien ihr Buch "Nur im Weltall ist es wirklich still. Vom Lärm und der Sehnsucht nach Stille" im Galiani Verlag.

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