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Geklonte Literaten und beißende Ironie

César Aira: "Der Literaturkongress", Ullstein Verlag, Berlin 2012

Ein verheerendes Versehen: Die Klon-Wespe bringt kein Gen von Carlos Fuentes, sondern ein Gen von seiner blauen Krawatte.
Ein verheerendes Versehen: Die Klon-Wespe bringt kein Gen von Carlos Fuentes, sondern ein Gen von seiner blauen Krawatte. (picture alliance / dpa /Karlheinz Schindler)

Würde man den Text von César Aira beim Wort nehmen, wäre er Trash. Die Story eines durchgeknallten Wissenschaftlers. Doch aus jeder Zeile atmet Ironie. Sowohl die Arroganz mancher Autoren als auch die Diskussion über das Urheberrecht werden so aufs Korn genommen.

Zugegeben: Die Story dieses Büchleins klingt etwas schrill. Ein Ich-Erzähler namens César Aira – ja, so heißt auch der Autor - reist aus Buenos Aires in die venezolanischen Anden, nach Mérida, zu einem Literaturkongress. Große Geister kommen, unter ihnen Carlos Fuentes, stattlich im grauen Anzug, mit leuchtend blauer Krawatte. Indes, der Erzähler interessiert sich nicht für die Nabelschau der Kollegen. Täglich liegt er am Pool, ein Faulenzer, doch die Trägheit täuscht.

Der Mann hat zu tun. Mit sich selbst. Mit seiner eigenen unglaublichen Größe. Hat er nicht kürzlich einen legendären Piratenschatz gefunden, der ihn reich und bekannt machte? Strahlt sein Ruhm als Verfasser Dutzender Bücher nicht fast ebenso hell wie der von Fuentes? Und ist er nicht obendrein ein begnadeter, wenn auch verkannter Naturwissenschaftler? Der Erzähler beherrscht die Kunst des Klonens, jedes Lebewesen kann er reproduzieren. Jetzt strebt er nach Höherem: nach der Weltherrschaft. Was braucht er dazu? Einen Geist, der noch größer als der seine ist. Ein Genie, gern in Kopie. Einen Klon von Carlos Fuentes.

In Mérida, beim Kongress, lässt der Erzähler eine Klonwespe ausschwirren. Die Wespe tut, wie ihr geheißen: Sie bringt eine Zelle von Fuentes. Der Erzähler steckt die Zelle in einen mobilen "Klonator". Er schafft den Klonator hoch in die Anden, weil das Klonwerk angeblich nur in dünner Luft gelingt, und dann muss er nur noch warten, ein paar Tage. Das Genie wird von den Gipfeln steigen, der Kampf um die Weltherrschaft beginnt.

Aber leider, ein Missgeschick geschieht. Die Wespe hat keine Zelle von Fuentes gebracht, sondern von Fuentes’ Krawatte, Seide, blau. Im Klonator, in dünner Luft, reift kein Genie, sondern eine Seidenraupe. Ach was: nicht eine, sondern viele Raupen reifen dort, endlos reproduziert, haushohe Monstren, dreihundert Meter lang, eines Abends kriechen sie leuchtend blau von den Bergen ringsum hinab in die Stadt.

Würde man den Text beim Wort nehmen, wäre er Trash: die Story eines durchgeknallten Wissenschaftlers, einer Comic-Figur mit Comic-Einfällen. Doch der Text mag nicht beim Wort genommen werden. Aus jeder Zeile atmet Ironie. César Aira – dem echten Aira, Verfasser Dutzender Bücher – gelingt das Kunststück, absonderliche Dinge so vorzutragen, als wären sie normal. Noch der Größenwahn seiner Figur wirkt sympathisch. Und sympathisch wirkt, wie der Argentinier das Alter Ego und den eigenen Berufsstand zeichnet - als Klüngel eitler Traumtänzer.

Wer mag, kann den kurzen Text auch als Metapher auf Diskussionen über Urheberrecht und Originalität verstehen. Furchtbare Vorstellung: einen Mann wie Fuentes oder Aira gleich im Dutzend zu erleben. "Der Literaturkongress" – im Original schon 1997 publiziert - ist ein literarisches Augenzwinkern, Blödelei mit Tiefgang. Carlos Fuentes hat sich übrigens stilvoll gerächt. In seinem Opus "La Silla del Águila" ("Der Thron des Adlers", 2003) lässt er César Aira mit dem Nobelpreis ehren. Den ersten Argentinier. Anno 2020.

Besprochen von Uwe Stolzmann

César Aira: Der Literaturkongress.
Aus dem Spanischen von Klaus Laabs
Ullstein Verlag, Berlin 2012
112 Seiten, 18,00 Euro

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