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Fazit / Archiv | Beitrag vom 11.10.2013

Geisterbeschwörung

"Kippenberger!" von Angela Richter in Köln

Von Ulrike Gondorf

Martin Kippenbergers berühmte Frösche am Kreuz im Hamburger Bahnhof (picture alliance / dpa / Hannibal Hanschke)
Martin Kippenbergers berühmte Frösche am Kreuz im Hamburger Bahnhof (picture alliance / dpa / Hannibal Hanschke)

Man wollte sich dem legendären Künstler Martin Kippenberger, der in diesem Jahr 60 geworden wäre, nähern - was Regisseurin Angela Richter am Schauspiel Köln nur bedingt gelingt. Die Wildheit und die existenziellen Grenzgänge des Milieus beschränken sich auf Kettenrauchen, Bierdusche und Discotanz bei Stroboskop-Licht.

Wenn Köln den inzwischen an Berlin verlorenen Ruf der Metropole junger Kunst beschwört, dann verdichtet sich die Aura der "Wilden 80er" in einem einzigen Namen: Kippenberger. Das Schauspiel Köln setzte noch ein Ausrufezeichen dahinter und bezog einen Abend über das zugleich "kölsche" und welt(kunst)historische Thema in seine Eröffnungsrunde ein. Die neue Hausregisseurin Angela Richter, die mit dem neuen Intendanten Stefan Bachmann an den Rhein gekommen ist, realisierte das Projekt "Kippenberger!". Es ist ein Abend in dem typischen Crossover aus Dokumentartheater und Performance, den Richter in den letzten Jahren in der freien Szene entwickelt hat.

Fünf Schauspieler sind umgeben von großen Leinwänden, auf denen Fotos von Schauplätzen aus dem Leben des Künstlers zu sehen sind – man kann sie auch herum schieben oder wie Bilder im Atelier mit den Sperrholzrahmen der Rückseite nach vorn drehen. Texte von Martin Kippenberger, Interviews, Erinnerungen von Weggefährten sind das Material, aus dem diese Collage zusammengesetzt ist. Jeder der fünf Akteure hat Kippenberger-Szenen und wechselt dann wieder in Passagen, in denen die Zeitzeugen zu Wort kommen.

Mal ist das als Video-Dreh inszeniert mit groß projektierten Gesichtern der Sprecher, mal als manischer Monolog des wirkungssüchtigen Künstlers oder als kollektive Improvisation, in denen die Schauspieler namentlich aufgerufen und zur Darbietung eines Textes nach einer bestimmten Vorgabe wie "Kubismus" oder "Pubertät" aufgefordert werden. Daraus entstehen mehr oder weniger geglückte Einzelszenen – und die Darsteller können punkten mit schnellen Haltungswechseln, körperlicher Agilität und präsentem Erzählen. Aber dem Künstler Martin Kippenberger, der in diesem Jahr 60 Jahre alt geworden wäre, wenn er nicht schon 1997 gestorben wäre, bringt einen der Abend kaum näher.

Die Wildheit und die existenziellen Grenzgänge des Milieus beschränken sich auf Kettenrauchen, Bierdusche und Discotanz bei Stroboskop-Licht. Die Faszination Kippenbergers, die seine Umgebung auch betrunkene Exzesse und seine berüchtigten qualvoll-endlosen Dauerreden ertragen ließ, wird nicht greifbar. Und um seine künstlerischen Ideen geht es so gut wie gar nicht. Dabei ist der Abend sehr insiderisch. Wer nichts weiß von Martin Kippenberger, der dürfte Mühe haben, einen Zugang zu finden.

Und warum es sich lohnen könnte, sich mit diesem Mann zu beschäftigen, erfährt er auch nicht. Allenfalls ein schräger Vogel, ein peinlicher Selbstdarsteller, ein virtuoser Drahtzieher des Kunstbetriebs ist Angela Richters "Kippenberger!" – das alles war er, aber war das alles?

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