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Profil / Archiv | Beitrag vom 15.08.2005

Gehen als Kunst

Gerhard Lang unternimmt Spaziergänge als künstlerischen Akt

Von Ludger Fittkau

Für manche ist es Sport, für Gerhard Lang ist es Kunst und Wissenschaft: Gehen (AP Archiv)
Für manche ist es Sport, für Gerhard Lang ist es Kunst und Wissenschaft: Gehen (AP Archiv)

Der Spazierstock ist sein Markenzeichen. Gerhard Lang nennt sich "Spaziergangswissenschaftler" - eine Hommage an einen grotesken Denk- und Kunststil, der in den 80er Jahren in der Dokumenta-Stadt Kassel von sich Reden machte. Seine künstlerischen Spaziergänge können Lang genauso in die Wolken führen wie die Keller von Scotland Yard.

" Diese Blackbox, da geben sie vier Passbilder rein und über Spiegel werden Fragmente der verschiedenen Passbild-großen Vorlagen herausgenommen und in diesem Hauptkanal zu einer neuen Einheit zusammengespiegelt, das ist das Grundprinzip dieses Gerätes."

Gerhard Lang beschreibt ein Phantombildgerät der Polizei, mit dem er Fotocollagen erstellt. Zum Beispiel Kombinationen von Insekten und Menschen – Arbeiten, die vor einigen Jahren als deutscher Beitrag zur Biennale in Venedig eingereicht wurden:

" Dieses Gerät wurde erstmals in meiner (...) künstlerischen Arbeit 1992 eingesetzt und zwar damals im Bundeskriminalamt. Ich arbeite damals an verschiedenen Identifizierungsmethoden, die eingesetzt werden, in der Wissenschaft, unter anderem auch in der Kriminalistik (...) und dieses Gerät wurde bis 1994 eingesetzt im Bundeskriminalamt, das Gerät ist ursprünglich gedacht gewesen für die plastische Chirurgie, man versuchte, mit der Hilfe dieses Gerätes die von der Hiroshima-Bombe zerfetzten Gesichter von Opfern plastisch zu rekonstruieren und erst um 1972 herum beantrage die Polizei hier in Deutschland nach den ersten Attacken der Baader-Meinhof-Gruppe eine neue Technik einzuführen, mit der man sehr viel schneller Phantombilder erstellen kann. "

Heute steht das Phantombildgerät des BKA in Langs kleinem Atelier im Ort Schloss Nauses im Odenwald. Hier lebt der 42 Jahre alte, schmale Absolvent der Kunsthochschule Kassel, wenn er in Deutschland ist.
Doch sein Hauptwohnsitz ist seit vielen Jahren London. Sein Projekt "Cloud Walk", in dem Gerhard Lang die elementare Beziehung von Mensch und Wolken untersucht, führte ihn in die britische Hauptstadt:

" London war für mich der richtige Ort, um an meinen landschaftlichen Untersuchungen weiterzuarbeiten, gerade weil es ab 1993 vermehrt um die Wolken ging. (...) Der Erste, der die Wolken klassifiziert hat, war Luke Howard, ein Londoner Chemiker und er publizierte die erste Wolkenklassifizierung, ‚on the modification of clouds‘, 1803. Also es gibt keinen besseren Ort, um über die Wolken zu sprechen, sie zu untersuchen, als nach England zu gehen."

Tonaufnahmen vom Einflugloch eines Bienenkorbs – Bestandteil einen Klangkunstprojektes, das Gerhard Lang gerade in seinem Heimatort Schloss Nauses im Odenwald plant. Es trägt den Titel ‚Klangtransformationen‘ einer Landschaft.

Die vom Kasseler Professor Lucius Burckhardt begründete Spaziergangswissenschaft ist Langs künstlerisches Leitbild:

" Einer meiner wichtigsten Wurzeln meiner Arbeit, die sich mit Landschaft und Mensch auseinandersetzt, auch mit der Beziehung von Mensch und Landschaft ist ja die Spaziergangswissenschaft, die begründet wurde von Lucius Burghardt an der Kasseler Gesamthochschule. Die Spaziergangswissenschaft begann mit der Erforschung der Frage, warum Landschaft eigentlich schön ist und worin diese Schönheit eigentlich besteht. Also es ging letztendlich um Wahrnehmung von Landschaft. Worauf basiert unsere Wahrnehmung? Wahrnehmung ist ja kulturelle Tätigkeit."

Auch wenn der Spaziergang mit Spazierstock zu einem ‚Markenzeichen‘ Gerhard Langs geworden ist – neben der künstlerischen Auseinandersetzung mit der Natur fasziniert ihn immer wieder in besonderer Weise die Kriminaltechnik. Zur Zeit arbeitete er gerade im so genannten ‚black museum"‘ von Scotland Yard in London - einer nicht öffentlich zugänglichen polizei-historischen Sammlung. Dort entdeckte er zum Beispiel eine Reihe von Gipsabdrücken, die vor den Köpfen erhängter Mörder aus dem 19. Jahrhundert stammen.

Die Gipsabdrücke wurden von der so genannten "Phrenologie" veranlasst - einer Charakterlehre, die glaubte, von der Schädelform auf den Charakter eines Menschen schließen zu können. Lang sieht die Phrenologie als einen Teil der Geschichte der Hirnforschung. Mit Schattenzeichnungen will er sich den gruseligen Ausstellungsstücken behutsam nähern:

" Was für mich wichtig war, bei dieser Geschichte, weil diese Sammlung ja einen sehr dramatischen Hintergrund hat, spektakulär, dass ich eine Distanz finden muss, um zum einen über die Dinge überhaupt sprechen zu können und zum anderen aus der rein historischen Betrachtungsweise herauszukommen, weil ich sehe in dieser Sammlung eben nicht nur etwas Vergangenes, sondern ich sehe auch einen Teil der Geschichte, die bis heute anhält. Also zum Beispiel die Todesstrafe ist ja nichts Vergangenes, wir haben im Europa des 20. Jahrhunderts aufgrund vieler schrecklicher Erfahrungen von der Todesstrafe zum Teil Abstand genommen, aber es gibt noch Bereiche in der Welt, wo wir die Todesstrafe vorbringen."

Pate für die Liebe zur grotesken Kunst stand für den Wahl-Londoner neben dem Kasseler Lucius Burckhart der expressionistische Dramatiker Alfred Jarry.
Die Spaziergangswissenschaft dient als ein ironischer Spiegel für die Gesellschaft und will gleichzeitig für Irritationen unserer Naturbilder sorgen. Gerhard Lang versteht die Kasseler Schule auch als politisch – wenn etwa in einer Straßenperformance riesige Zebrastreifen aus Stoff ausgelegt werden, um den Verkehr zu verlangsamen:

" Ich denke, dass einer der wichtigsten Leistungen darin bestand, dass wir mit den ästhetischen Experimenten, die in Kassel durchgeführt wurden, eine Grundlage gelegt haben, auch für ein politisches Handeln. "

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