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Im Gespräch / Archiv | Beitrag vom 20.09.2008

Gegenöffentlichkeit oder Selbstdarstellung - Welche Bedeutung haben Weblogs?

Zu Gast: Stefan Niggemeier und Jan Schmidt

Hypertext Transfer Protocol  (HTTP), auf deutsch: Hypertext- Übertragungsprotokoll (Stock.XCHNG / Vince Varga)
Hypertext Transfer Protocol (HTTP), auf deutsch: Hypertext- Übertragungsprotokoll (Stock.XCHNG / Vince Varga)

Das Internet hat unsere Kommunikation revolutioniert. Wir schreiben kaum noch Briefe oder Postkarten, wir mailen und chatten. Wir führen auch nicht mehr Tagebuch, wir bloggen. Mehr als 200.000 aktive deutschsprachige Weblogs, also öffentlich geführte Tagebucheintragungen oder Journale, finden sich im Internet; weltweit sind es weit mehr als 100 Millionen, täglich kommen 70.000 Blogs hinzu.

Einer der bekanntesten deutschen Blogger ist Stefan Niggemeier. Der Medienjournalist ist Mitbegründer des kritischen BILDblog, in dem er – gemeinsam mit anderen Journalisten – Falschmeldungen und andere Unsachlichkeiten der BILD-Zeitung aufdeckt. 2004 gegründet, gilt es mittlerweile als eines der einflussreichsten deutschsprachigen Weblogs. Es wird täglich von mehr als 40.000 Lesern angeklickt, 2005 erhielten die BILDblogger den renommierten Grimme Online Award. Und als reiche das nicht aus, betreibt der umtriebige 38-Jährige auch seit zwei Jahren sein eigenes Blog.

"Mich hat das Unberechenbare gereizt, das Lockere, dass man einfach so los schreiben kann, weil man einen Wutanfall bekommen hat oder einen Geistesblitz. Es ist einfach ein wunderbarer Gegenpol zu den traditionellen Medien, zu Zeitungen zum Beispiel, wo ich Längenvorgaben habe, oder wo es heißt, das hatten wir doch schon. Und es ist einfach schön, frei von Quoten zu sein."

Blogs seien keine Konkurrenz der traditionellen Medien, sondern eine kreative Ergänzung, auch ein Korrektiv. Dass die anfangs anarchischen Online-Tagebücher mittlerweile auch kommerziell genutzt werden, stört ihn nicht:

"Natürlich gibt es Leute, die dafür bezahlt werden, Produkte positiv darzustellen. Es gibt auch die Möglichkeit, ganze Blogs als Fake reinzustellen, wo dann nicht mehr klar ist, welcher Auftraggeber hinter dem Blog steht. Aber bei größeren Blogs sehe ich da gar keine Gefahr. Das Schöne ist, dass die Gegenmeinung quasi nebenan lebt."

Jan Schmidt ist ebenfalls Blogger. Der Soziologe forscht am Hans-Bredow-Institut in Hamburg über die Wirkung von Weblogs und die Kommunikationsmöglichkeiten im Internet.

"Bloggen ist nicht so verbreitet wie andere Angebote im Web 2.0 wie StudiVZ, Facebook oder YouTube. Ich würde sagen, es sind vielleicht zehn Prozent regelmäßige Nutzer, aber belastbare Zahlen gibt es nicht. Die Mehrzahl der Blogger schreiben Dinge auf, die sie persönlich beschäftigen. Das reicht ihnen auch aus, wenn fünf Freunde lesen, was sie als Au-Pair machen. Damit halten sie sie auf dem Laufenden. Die haben gar nicht den Anspruch, relevante Schichten zu erreichen. 95 Prozent der Blogs sind nicht relevant für eine größere Öffentlichkeit."

Ausschlaggebend sei "der Reiz, im Netz präsent zu sein. Außerdem ist der Reiz größer, Facetten seiner Identität herauszufinden: Wer man ist, wie man auf andere wirkt."

Neben diesen privaten Blogs gebe es auch viele Spezialblogs, zum Beispiel zum Thema Politik, Datenschutz, Wissenschaft, Musik, aber auch übers Stricken oder – ganz beliebt - über Katzen.

Sind die Online-Informationen eine Konkurrenz für die traditionellen Medien?
Wenn man nach dem Vertrauen fragt, hat der klassische Journalismus noch einen hohen Stellenwert. Aber, wenn man sich mal die Nutzer anschaut, da sieht man, dass Jugendliche in erheblichem Maße ihre Zeit im Netz verbringen. Da ist nicht mehr per se der klassische Journalismus die Quelle, er steht neben YouTube und Wikipedia. Umgekehrt können Blogs auch Quelle für den klassischen Journalismus sein, sie können Meinungsbilder aufgreifen, können Quelle sein für Informationen aus erster Hand, so wie in den USA, wo Blogs als Äquivalent für die Meinung des Mannes auf der Straße sind."

Sein Blick auf die Zukunft der Blogs und der Kommunikation im Internet:
"Spannend wird sein, welche Mechanismen wir als Gesellschaft entwickeln, um diese Vielfalt zu filtern. Wie gehen wir mit dem Umstand um, dass immer mehr Privatpersonen, Laien, die Möglichkeit haben, sich mit Inhalten zu präsentieren? Was bedeutet es für die Politik?"

"Gegenöffentlichkeit oder Selbstdarstellung – Welche Bedeutung haben Weblogs?"
Darüber diskutiert Dieter Kassel heute von 9 Uhr 05 bis 11 Uhr gemeinsam mit Stefan Niggemeier und Jan Schmidt. Hörerinnen und Hörer können sich beteiligen unter der kostenlosen Telefonnummer 00800 - 2254 2254 oder per E-Mail unter gespraech@dradio.de.

Informationen im Internet:
www.bildblog.de
http://stefan-niggemeier.de
www.schmidtmitdete.de
www.breitband-online.de (mit dem Blogspiel von Deutschlandradio Kultur)

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