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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 11.01.2011

Gegen Schulnoten und Leistungsdruck

Sabine Czerny: "Was wir unseren Kindern in der Schule antun", Südwest Verlag 2010, 384 Seiten

Schüler lösen  während einer Physikstunde einer 10. Klasse in Bremen eine Aufgabe. (AP)
Schüler lösen während einer Physikstunde einer 10. Klasse in Bremen eine Aufgabe. (AP)

Bereits im Oktober ist dieses Buch erschienen und so richtig still ist es um diesen Insiderbericht einer Grundschullehrerin nicht geworden. Denn Sabine Czerny hat den Finger in eine Wunde gelegt: Sie prangert das bestehende Schulsystem an, das ihrer Meinung nach Kinder und Lehrer in eine enges Korsett aus Leistungskontrollen und Bewertungen drängt und Individualität nicht zulässt. Das hat ihr Ärger eingebracht und zugleich einen Orden für Zivilcourage - was zeigt, wie explosiv dieses Thema ist.

Von der ersten Seite an räumt Sabine Czerny mit einer idealisierten Sicht auf Schule auf: Nicht die Lust und Freude am Lernen stehen in der Schule im Vordergrund, sondern die Note und damit die Bewertung eines Kindes, wo es steht und für welchen Schulzweig es sich qualifiziert. Dabei sei wichtig, dass alle Kinder zu einem willkürlich festgelegten Zeitpunkt über dieselbe Qualifikation verfügen. Lernen werde damit schnell zum Frust, so die Pädagogin in ihrer Streitschrift für eine freiere Schule.

Schon früh glauben Kinder, die nicht mithalten können, dass sie Dummköpfe sind. Angst und Stress bestimmen ihr Denken. Zu pessimistisch? Nein, glaubt man Sabine Czerny. Jede ihrer unglaublichen Aussagen, belegt sie mit Beispielen: Da ist zum Beispiel Dominik. Der Junge überhört noch viele Buchstaben und schreibt daher im ersten Test, den er nach gerade mal acht Woche Schule schreiben muss, "Rosn" statt "Rosen". Eine schlechte Note bringt ihm das ein. Dass er vielleicht schon Wochen später alles richtig kann, interessiert nicht. Es geht schließlich um Selektion. Nur die Guten sollen weiterkommen. So das Fazit der Autorin, dem man sich spätestens nach den Fallbeispielen kaum noch entziehen kann.

Passen ihre Schilderungen doch perfekt in die Meldungen zum Nach- Pisa-Schock: Seit vor zehn Jahren Deutschland grob aus seinem Dämmerschlaf in Sachen Bildung gerissen wurde, überschlagen sich Bildungspolitiker in Sachen Leistungssteigerung. Wie falsch das ist, zeigt Sabine Czerny in ihrem lesenswerten Buch. Sie nimmt ihre Leser mit in Deutschlands Klassenzimmer und erzählt aus ihrem - mitunter gruseligen - Alltag: von Schülern und Eltern, deren Ängsten und Sorgen, von gestressten Lehrern, von verständnislosen Vorgesetzten und von Schulräten, denen es einzig und allein um das Abhaken von Formalitäten geht.

Die Schule drängt in Rollen, die keiner will, schreibt Czerny, sie erzeugt Verlierer und Lernunlust, anstatt zu motivieren. Warum das so ist, macht die Autorin in Exkursen zum Medienkonsum und zur Hirn- und Lernforschung deutlich. Und das ist klug, denn es beweist: Sabine Czerny schaut über den Tellerrand. Ihre Schilderungen passen perfekt zu den Erkenntnissen der Hirnforscher Gerald Hüther und Manfred Spitzer sowie den Aussagen des Pädagogen Jesper Juul.

Schonungslos analysiert die Autorin in den Teilen ihres Buchs ("Lernen für die Selektion", "Wie ich lernte und wie ich lehre" und "Was wir ändern müssen und können"), wo die Schwachstellen im Bildungssystem liegen und zeigt Zusammenhänge auf. So pressen Rahmenpläne Lehrer in ein enges Kontroll-, Leitungsmessungs- und Absicherungsnetz, das genau festlegt, wann Leistungsproben geschrieben werden. Das gelingt nur mit genauer Absprache unter den Kollegen und macht freie Unterrichtsgestaltung unmöglich. Auch die Inhalte der Tests sind streng festgeschrieben: da geht es nicht darum, dass ein Kind eine tolle Geschichte schreibt, sondern darum, die richtigen Worte genutzt und eine bestimmte Anzahl von direkter Rede eingebaut zu haben. Formalität geht vor Inhalt.

Das treibt mitunter obskure Blüten, wie etwa bei der Einführung von Schulobst. Jedes Kind sollte danach regelmäßig hundert Gramm Obst erhalten, die Schule sollte dies wiederum nachweisen. Am besten per Liste. Wie das umzusetzen ist, interessiert dabei wenig. Auch das ist Schule, wie dieses wichtige Buch beweist. Gut so! Denn erst wenn der Schulalltag durchsichtig wird, wenn alle Perspektiven beleuchtet werden, zeigt sich, was falsch läuft. Und genau das schafft die Autorin.

Mehr noch: Sabine Czerny wirbt für eine Allianz aus Kindern, Eltern und Lehrern. Erst wenn alle wieder an einem Strang ziehen, sich nicht mehr gegenseitig die Schuld zuschieben, kann Lernen wieder Spaß machen und Schule gelingen. Ganz wichtig dabei: die Individualität eines jeden Kindes zu akzeptieren, Noten so spät und so sparsam wie möglich zu vergeben und Lehrer wieder Pädagogen sein lassen, denen es in erster Linie um das Wohl ihrer Schüler geht.

Besprochen von Kim Kindermann

Sabine Czerny, Was wir unseren Kindern in der Schule antun: ...und wie wir das ändern können
Südwest Verlag 2010
384 Seiten, 17,99 Euro

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