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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 18.11.2009

Gegen Gott und die Welt

Hamed Abdel-Samad: "Mein Abschied vom Himmel", Fackelträger-Verlag, Köln 2009, 320 Seiten

Der Islam bescherte dem Autor eine schwierige Kindheit. (AP)
Der Islam bescherte dem Autor eine schwierige Kindheit. (AP)

Der Titel des Buches klingt wie eine bittere Abrechnung mit seinem Glauben, doch es ist vielmehr die Beschäftigung mit einem Gottesbild, das der Autor ablehnt. In der islamischen Welt, in der die Religion so gut wie nie hinterfragt wird, ein höchst gefährliches Vorhaben.

Hamed Abdel-Samad wurde 1972 in einem ägyptischen Dorf in der Nähe von Kairo als drittes von fünf Kindern geboren. In seiner jetzt erschienen Biografie "Mein Abschied vom Himmel" beschreibt er seine Kindheit und Jugend in dem Land am Nil sowie seine Studienzeit in Deutschland.

Der Titel des Buches klingt wie eine bittere Abrechnung mit seinem Glauben, doch es ist vielmehr die Beschäftigung mit einem Gottesbild, das der Autor ablehnt: "Ein erhabener, wütender Gott, der nicht nach seinem Handeln gefragt werden darf und dennoch Menschen für ihre Fehltritte bestraft." In der islamischen Welt, in der die Religion so gut wie nie hinterfragt wird, eine höchst gefährliche Ansicht. Sie brachten dem in München lebenden Autor, der am Institut für Jüdische Geschichte und Kultur forscht und lehrt, Morddrohungen von Islamisten ein; seitdem steht er unter Polizeischutz.

Doch der Weg zu dieser Erkenntnis ist mit vielen schmerzhaften Erfahrungen gepflastert. Er wächst in einem Dorf in der Nähe von Kairo auf, wo sein Vater als die höchste religiöse Autorität, als Imam, arbeitet. Schon früh beginnt er mit dem Auswendiglernen des Korans und möchte auch Geistlicher werden wie sein Vater. Der von ihm verehrte, aber auch gefürchtete Patriarch herrscht über seine Familie mit großer Strenge und manchmal auch mit Gewalt: So wird Abdel-Samad Zeuge, wie sein Vater seine Mutter brutal schlägt und züchtigt.

Überhaupt überschattet die Gewalt sein noch so junges Leben: Im Alter von vier Jahren wird er zum ersten Mal von einem 15-jährigen vergewaltigt. Mit elf wird er wieder missbraucht, diesmal von fünf Jugendlichen auf einem Friedhof. Ohne fremde Hilfe und nicht in der Lage, über das Geschehene zu reden, gelingt es ihm nicht, das Erlebte zu verarbeiten. Er flüchtet sich zunächst noch tiefer in die Religion, aber auch diese kann ihm nicht helfen.

Allein gelassen mit seine traumatischen Erlebnissen, lebt er in seiner eigenen Welt, die vor allem von der Beschäftigung mit seiner aufkeimenden Sexualität bestimmt ist – sei es durch mehrmals täglich stattfindende Selbstbefriedigung oder durch immer wiederkehrende homoerotische Anwandlungen, die er auf seine Vergewaltigungserlebnisse zurückführt. Auch politisch sucht er nach Orientierung: An der Uni in Kairo schließt er sich zunächst den Marxisten und dann den Muslimbrüdern an, immer auf der Suche nach einem Ort der Ruhe.

Er arbeitet als Touristenführer und lernt eine Deutsche kennen, die 18 Jahre älter ist als er. Sie holt ihn nach Deutschland, nicht aus Liebe, "sie hatte die Lohnsteuerklasse drei und ich den deutschen Pass vor Augen". In Deutschland erlebt er die Kälte des Menschen und der Behörden, entdeckt aber auch die Freiheiten einer aufgeklärten Gesellschaft. Er löst sich immer mehr von den Zwängen seiner Erziehung und den Traditionen seiner Kultur. Doch seine innere Zerrissenheit treibt ihn weiter zur Flucht vor seinen Ängsten, die er mit Alkohol und zahllosen Affären zu verscheuchen versucht.

Er geht nach Japan, wo er während seines Studiums seine jetzige Frau kennenlernt, eine dänisch-japanische Schönheit, die ihn nicht mehr loslässt. Doch bevor die beiden zusammen kommen, dauert es Jahre, in denen Abdel-Samad mehrfach psychisch zusammenbricht. Erst nach mehreren Klinikaufenthalten ist er nun ein Mensch, der seine Mitte gefunden hat, nicht zuletzt wegen seiner Frau, die in allen Krisen zu ihm gehalten hat. Geholfen hat ihm dabei auch, seine Lebensgeschichte während der Zeit in der psychiatrischen Behandlung niederzuschreiben.

Und er ging noch einen Schritt weiter: Auf Anregung eines Freundes veröffentlichte er diese sehr persönlichen Aufzeichnungen als Buch in seiner Heimat Ägypten. Es wurde ein Skandal und Gesprächsthema Nummer eins in den Medien. Doch auch sein Vater hat das Buch gelesen und seinen Sohn dafür gelobt. Auf die Kritik an den Ausführungen seines Sohnes entgegnete er: "Wir sollten uns ärgern, weil das, was Hamed geschrieben hat, tatsächlich überall geschieht, und nicht, weil er es geschildert hat."

Das Buch "Mein Abschied vom Himmel" liest sich wie ein Kinofilm, doch es ist die harte und unverstellte Lebensgeschichte eines jungen Mannes, die stellvertretend für eine ganze Generation junger Ägypter steht. Abdel-Samad ist der Erste, der den Mut hat, über die großen Tabuthemen der islamischen Welt – Religion, Sexualität und Gewalt – zu reden und gibt damit dieser frustrierten und unterdrückten Jugend eine Stimme. Nicht zuletzt deshalb ist sein Buch in seiner Heimat ein großer Erfolg, auch wenn es ein sehr kontroverses Echo ausgelöst hat.

Hamed Abdel-Samad spricht offen und schonungslos über diese Dinge und klammert dabei seine eigene Person nicht aus. Eine wichtige Lektüre, die Einblick gibt in eine fremde und abgeschottete Welt, auch wenn sie manchmal etwas zu lang und redundant gerät. Der Autor besticht vor allem durch seine analytische Fähigkeit, in der er immer wieder der ägyptischen wie auch der deutschen Gesellschaft den Spiegel der Kritik vorhält.

Besprochen von Abdul-Ahmad Rashid

Hamed Abdel-Samad: Mein Abschied vom Himmel
Fackelträger-Verlag, Köln 2009
320 Seiten, 19,95 Euro

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