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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 08.10.2013

Gegen die Herrschaft der Algorithmen

Evgeny Morozov: "Smarte neue Welt - Digitale Technik und die Freiheit des Menschen", Blessing, München 2013, 656 Seiten

Das World Wide Web: Große Freiheit oder unerträgliche Sozialkontrolle? (picture alliance / dpa / Daniel Reinhardt)
Das World Wide Web: Große Freiheit oder unerträgliche Sozialkontrolle? (picture alliance / dpa / Daniel Reinhardt)

Da meint es jemand ernst mit seiner Kritik an einer Gesellschaft, die beinahe jede Problemlösung ins Netz verlagert. Evgeny Morozov schreibt das Wort Internet konsequent in Anführungszeichen und fleht die Zeitgenossen an, die digitale Welt doch bitte nicht als Allheilmittel zu betrachten. Sein Mammutwerk ist kein billiger Verriss, sondern eine ernst zu nehmende Gegenperspektive.

Wie sieht ein Leben nach dem Internet aus? Was für eine Frage! Vielen modernen Technikenthusiasten ist das nicht einmal eine Überlegung wert. Ganz anders Evgeny Morozov. Er nennt sich einen Post-Internet-Theoretiker, der den Internet-Hype unserer Zeit durch "empirische Nüchternheit" ablösen will. Denn für den Medienwissenschaftler ist das "Internet", das er grundsätzlich in Anführungszeichen setzt, nichts weiter als ein "gesellschaftlich konstruiertes Konzept, das uns nichts darüber sagt, wie die Welt funktioniert". Ein unbrauchbarer Begriff also und zudem ein ebenso vergängliches Phänomen, wie andere technische Neuerungen, die früher oder später vom Fortschritt eingeholt wurden.

Außer ihm scheinen das aber bisher nur wenige mitzubekommen. Und deshalb bleibt der gerade mal 29-Jährige kein bisschen nüchtern – wie er es selbst ja eigentlich vorschlägt – sondern legt sich emotionsgeladen, spöttisch, aber auch ziemlich selbstbewusst auf 600 Seiten mit fast allen an, die sich in der amerikanischen Internetszene einen Namen gemacht haben. Egal ob Wissenschaftler wie Jeff Jarvis, David Weinberger oder Lawrence Lessig, Skeptiker wie der Journalist Nicolas Carr oder das Silicon Valley mit seinem Streben nach technischer Perfektion – sie alle gingen viel zu undifferenziert mit der Digitalisierung um, klagt Morozow.

An zwei Begriffen macht er seine Kritik fest. Am "Internetzentrismus", der dem Netz fälschlicherweise inhärente, starre Eigenschaften – wie etwa Transparenz – zuschreibt und fordert, die Gesellschaft müsse sich dem komplett unterwerfen oder komplett entziehen. Und am "Solutionismus", der permanent nach (technisch möglichen) Lösungen sucht, die meistens haarscharf an den Problemen vorbeigehen. Praktisch bedeutet dies, dass die Technik und undurchsichtige Algorithmen vorgeben, wie wir unsere Gesellschaft gestalten und nicht gemeinschaftlich ausgehandelte Werte, wie es eigentlich wünschenswert wäre.

Der Mülleimer meldet sich per Smartphone

Mit welchen Theorien das sanktioniert wird und wie schädlich dieses Denken langfristig sein kann, macht Morozow in einer beeindruckend detaillierten Literaturauswertung und mit unzähligen teils skurrilen Beispielen klar. Da ist das System ShotSpotter, das im kalifornischen Oakland mit Hilfe von statistischen (Überwachungs-)Daten Verbrechen vorhersagen und verhindern soll. Oder das Projekt BinCam. Hier meldet der Mülleimer per Smartphone an die Facebook-Gemeinde, ob der Hausmüll regelkonform getrennt wurde. Oder aber die Website eightmaps.com, auf der Namen von Spendern für teils heikle Petitionen aufgelistet sind. Alles gut gemeinte Transparenzideen, die zu einer unerträglichen Sozialkontrolle führen und gleichzeitig ihr Ziel – weniger Verbrechen, mehr Umweltbewusstsein, sinnvolle politische Transparenz – verfehlen.

Es ist eine irrige Annahme, meint Morozow, gesellschaftliche Herausforderungen mit der "digitalen Zwangsjacke" lösen zu wollen. Genau das aber wirft er den "Internetjüngern" vor. Technik müsse in die Gesellschaft sinnvoll integriert werden und nicht umgekehrt. Zu dieser Diskussion will er anregen und dazu, das Internet nicht als ein Heiligtum, sondern als etwas Vorübergehendes zu betrachten. Natürlich weiß Morozow, dass die von ihm kritisierte Technikgläubigkeit kein neues Phänomen ist und auch immer wieder abebbt. Aber offenbar scheint er dieser Einsicht nicht ganz zu trauen. Und deshalb fragt man sich manchmal, ob er in seinem Eifer nicht unterschätzt, wie instinktiv klug sich die Mehrzahl der Menschen an neue Technik heranarbeitet. Das ist aber auch die einzige Schwäche an diesem lesenswerten Mammutwerk, das kein billiger Verriss ist, sondern eine Gegenperspektive eröffnet zu all den Verheißungen des Internets.

Besprochen von Vera Linß

Evgeny Morozov: Smarte neue Welt - Digitale Technik und die Freiheit des Menschen
Übersetzt von Henning Dedekind und Ursel Schäfer
Blessing, München 2013
656 Seiten, 24,99 Euro

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