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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 26.09.2005

Gegen die Gegenkultur

Ein Sachbuch als Feldzug

Rezensiert von Georg Gruber

Kurt Cobain (AP)
Kurt Cobain (AP)

In dem Sachbuch "Konsumrebellen. Der Mythos der Gegenkultur" lassen die beiden Kanadier Joseph Heath und Andrew Potter kein gutes Haar an den Denkern und Vertretern der Gegenkultur. Ob in der Musik, Philosophie oder Politik seien sie elitär, naiv und lähmend - und blieben doch immer Teil des Systems.

"Nirvana", eine der Bands, die Anfang der 90er Jahren den Soundtrack lieferten für die Unangepassten. Kurt Cobain, der Sänger, auch er sah sich als Teil der Gegenkultur. Er wollte sich nicht vereinnahmen lassen und sah letztlich nur einen Weg aus dem Dilemma, das sich mit dem wachsenden Erfolg einstellte:

" Cobain hatte es nie geschafft, seinen Hang zu alternativer Musik mit "Nirvanas" Popularität zu versöhnen. Sein Selbstmord war der letzte Ausweg. Lieber Schluss machen, bevor der letzte Rest von Integrität verloren geht. Den totalen Verrat vermeiden."

Cobain ist für die beiden Autoren von "Konsumrebellen. Der Mythos der Gegenkultur" einer der Fälle, an dem sich exemplarisch aufzeigen lässt, wie kurzsichtig doch die Vertreter der Gegenkultur sind, die glauben, etwas Neues zu schaffen, nicht Teil des Systems zu sein, sich nicht zu verkaufen – und letztlich nichts anderes sind, als der Motor, der die Konsummaschine antreibt und am Laufen hält. Angefangen bei den Hippies der 60er Jahre:

" Es hat nie einen Gegensatz zwischen den gegenkulturellen Ideen der 60er Rebellion und den ideologischen Erfordernissen des kapitalistischen Systems gegeben."

Über rund 400 Seiten zieht sich der Feldzug der Kanadier, beide Mitte/Ende 30. Joseph Heath ist Philosophieprofessor, Andrew Potter Dozent und Journalist, beide waren auch mal jung: Der eine war Punk, der andere fuhr Fahrrad. Nun rechnen sie ab mit dem Mythos der Gegenkultur, machen dafür auch Streifzüge zu den Wurzeln, historisch und ideengeschichtlich, angefangen bei dem französischen Aufklärer Rousseau, über den Erfinder der Psychoanalyse Sigmund Freud, den Philosophen Ludwig Marcuse und den Schriftsteller Norman Mailer bis zu modernen popkulturellen Globalisierungskritikerinnen wie Naomi Klein.

An den Denkern und Vertretern der Gegenkultur lassen sie kein gutes Haar: Elitär seien sie, da sie den Massen misstrauten und sich abgrenzten. Naiv und lähmend, weil sie nicht die nahe liegenden Schritte gingen, sondern immer gleich das Ganze verändern wollten. Und letztlich seien sie nicht scharfsinnig genug, weil sie gegen ein System rebellieren, dass es so gar nicht gibt. Beispiel Massengesellschaft, Konsumzwang und Werbung:

" Die traditionelle Kritik der Massengesellschaft suggeriert, dass die meisten Menschen Herdentiere sind, Rädchen im Getriebe, geistlose Konformisten. Sie führen ein leeres, hohles Leben, beherrscht von seichten materialistischen Werten."

Falsch, sagen die beiden Autoren. Die Gesellschaft bestehe, so ihre These, gerade nicht aus Konformisten, die von Werbung gesteuert alle dasselbe erstreben, sondern aus Menschen, die sich unterscheiden wollen von den anderen, die in "Konsumkonkurrenz" stehen. Auch der Konsumrebell, in seinem letztlich erfolglosen Versuch sich abzugrenzen, denn alles was er macht, wird irgendwann vom Mainstream aufgesogen:

" Wenn jeder zur Gegenkultur gehört, wird die Gegenkultur zur Kultur. Der Rebell muss eine neue Gegenkultur erfinden, um wieder für Unterscheidung zu sorgen. "

Letztlich geht es Heath und Potter darum, jede bewusste Abweichung von der Norm zu diskreditieren – auch mit billiger Polemik: Wer der Schulmedizin misstraut und alternative Heilmethoden ausprobiert, ist schuld am Niedergang des gesamten Gesundheitssystems. Und wer nicht gerne Fastfood bei McDonalds isst, hat nur deshalb Aversionen dagegen, weil dort die unteren Klassen verkehren.

Die Macht, die der Gegenkultur-Mythos in den letzten Jahrzehnten ausgeübt habe, beruhe, so die Analyse von Heath und Potter, letztlich auf einem Trauma, das die westliche Zivilisation durch die Gleichschaltungsmechanismen des Nationalsozialismus erlitten habe.

" Der Konformismus avancierte zu einer Todsünde, die Massengesellschaft wurde zum Schreckbild einer modernen Gegenutopie."

Und zu diesem Schreckbild gehörten auch alle Regeln, sozialen Normen und bürokratischen Organisationsformen.

Die Rebellen hätten – zum Teil berechtigterweise - überkommene Normen zerstört, aber dadurch ein Vakuum hinterlassen. Als Ideal schimmert bei den beiden Autoren immer wieder die Gesellschaft der 50er Jahre durch. Als sehnten sie sich dorthin zurück: Denn sie wollen nicht weniger Regeln, sondern mehr, nicht weniger Staat, sondern mehr. Sonst drohe der Rückfall in den Naturzustand, wie ihn der Vertragstheoretiker Thomas Hobbes entworfen hat: Der Kampf aller gegen alle. Dann doch lieber eine Gesellschaft der Angepassten:

" Statt "den Mut zu haben, anders zu sein", sollten wir vielleicht den Mut haben, die gleichen zu sein. "

"Konsumrebellen" ist ein anregendes Buch, nicht nur für diejenigen, die beim Kaufrausch ein schlechtes Gewissen beschleicht und die ungern Kaffee im Wegwerfbecher trinken, es aber doch immer wieder tun.

Wie überzeugend man die Thesen der beiden findet, wird letztlich aber wahrscheinlich auch davon abhängen, wo der Leser sich selbst sieht: Auf der Seite der Rebellen oder auf der Seite der Angepassten, die, in den Augen der Autoren zumindest, die Klügeren sind. Eine kleine Ironie ist es allerdings, dass das Buch nur bei Zweitausendeins erhältlich ist, dem großen Ramschladen der Gegenkultur.

Joseph Heath, Andrew Potter: Konsumrebellen. Der Mythos der Gegenkultur
Übersetzt von Thomas Laugstien
Rogner & Bernhard bei Zweitausendeins
432 Seiten, 19,90 Euro
(Die Originalausgabe erschien 2004 unter dem Titel "The Rebell Sell" bei HarperCollins Publisher, Toronto)

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