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Profil / Archiv | Beitrag vom 30.07.2012

Gegen den Lauf der Zeit

Documenta 13: Der südafrikanische Künstler William Kentridge

Von Rudolf Schmitz

Die spektakuläre Video-Installation "The refusal of time" von William Kentridge auf der Documenta 13. (picture alliance / dpa / Boris Roessler)
Die spektakuläre Video-Installation "The refusal of time" von William Kentridge auf der Documenta 13. (picture alliance / dpa / Boris Roessler)

Tickende Metronome und Schauspieler in Fantasiekostümen zeigt der südafrikanische Künstler William Kentridge in seiner Installation "The Refusal of Time" auf der Documenta. "Man kann sich der Zeit nicht verweigern", sagt er. Trotzdem wünschten sich viele Menschen genau das.

Ein Lagerraum in der Gleisanlage des Kasseler Hauptbahnhofs. Unverputzte Ziegelsteinwände, darauf die Projektionen von fünf Videos: Tickende Metronome, kreisende Räder, Schauspieler in Fantasiekostümen, die vor gezeichneten Hintergründen agieren. Suggestive Musik untermalt diese Mischung aus Slapstick und Revue. William Kentridge verwickelt die Betrachter in eine fesselnde Inszenierung:

"Von der Decke hängen Megaphone, in der Mitte des Raumes gibt es eine große Maschine, die wir Elefant genannt haben: teilweise eine Pumpe, teilweise eine atmende Lunge. Das ist der Motor der ganzen Installation. Und er holt die Bilder in die Mitte des Raums zurück".

Das ist dem südafrikanischen Künstler, der nicht nur gezeichnete Animationsfilme produziert, sondern als Regisseur, als Schauspieler, als Bühnenbildner, als Opernregisseur arbeitet, besonders wichtig: Die Videobilder sollen sich mit dem räumlichen Erlebnis dieser Installation verbinden. Der Raum im Kulturbahnhof weckt das Gefühl, man sei in eine explodierende Spieluhr geraten, deren Elemente ein anarchisches Eigenleben führen. "The Refusal of Time” hat William Kentridge seine Installation für die documenta 13 genannt. Das Zurückweisen, die Ablehnung der Zeit:

"Es ist eine Absurdität, man kann sich der Zeit nicht verweigern, ob man nun möchte oder nicht. Trotzdem ist es ein realer Wunsch: so zu leben, als wären wir der Zeit und dem Verfall nicht unterworfen."

Also eine existenzialistische Auseinandersetzung mit dem, was jedem Menschen widerfährt: unter dem Diktat der Zeit und dem Älterwerden zu leiden, dem Verfall von Energie und Physis ausgesetzt zu sein? Hat der heute 57-jährige William Kentridge, den man doch für seine melancholischen Animationsfilme über Apartheid, politische Unterdrückung und Gesellschaftswandel in Südafrika schätzt und bewundert, sein politisches Thema verloren?

Doch dieses Essay über die Zeit hat es in sich, denn es geht nicht nur um die Entdeckung der Relativitätstheorie, sondern auch um Zeit als Form der politischen Herrschaft, über Natur und Menschen.

William Kentridge wurde 1955 in Johannesburg als Sohn eines Anwaltspaares in eine jüdische Familie geboren. Er hat dort Politik und Kunst studiert, heiratete eine Ärztin, bekam mit ihr zwei Töchter und einen Sohn. Früh hat er sich in der Anti-Apartheidsbewegung engagiert. Vor allem mit einer südafrikanischen Theater-kompagnie, mit der er bis in die 1990er-Jahre immer wieder arbeitete. Damals entwickelte er seine Animationsfilme, die auf abfotografierten Kohlezeichnungen beruhen. Mit Filmen wie "Felix in Exile", dessen Hauptfigur stark biografische Züge trägt, rekapitulierte er die blutige Gewalt des Apartheid-Regimes, die ungeklärten Morde, das Trauma der Unterdrückung.

Die Filmbilder leben vom Reiz der abfotografierten Kohlezeichnungen, die Kentridge immer wieder verändert, auswischt, überlagert. Diese Animationstechnik, die viel weniger Bilder zugrundelegt als sonst bei Trickfilmen üblich sind, war ein politisches Statement, weil sie die Lückenhaftigkeit des menschlichen und gesellschaftlichen Gedächtnisses vor Augen führt. Für jeden Betrachter ist mit Händen zu greifen, dass es hier um die mühsame Rekonstruktion der Wahrheit und die Traumversunkenheit der Hauptfigur geht. Sie ist das Alter Ego des Künstlers, hat seinen stattlichen Körper, seine aristokratischen Gesichtszüge, seine sparsamen Gesten, seine Melancholie und seine vorsichtige Zuversicht:

"Man kann die Welt entweder als Tatbestand aus Fakten begreifen und dem entspricht dann zum Beispiel eine Fotografie oder ein Bild, die sich nicht verändern. Oder man begreift die Welt als Prozess, der sich entwickelt und offenbart. Und dem entspricht die Animation, die mit der Verwandlung des einen Bildes in ein anderes zu tun hat. Denn jedes dieser Bilder ist vorläufig und wird von einem ähnlichen, aber auch anderen Bild abgelöst, 24 mal in der Sekunde. Und das kommt meiner Auffassung der Welt und ihrer Widersprüche sehr viel näher. Animation, das steht für ein Verständnis der Welt als Prozess."

William Kentridge beansprucht keine Allwissenheit, ihm geht es nicht um die eine und einzige Version der Wahrheit, seine Kunst entsteht im Atelier, vor gemalten und gezeichneten Kulissen. Die Welt als Bühne, der Künstler als Schauspieler, die Kunst als Widerspruch. Etwas anderes wäre seiner südafrikanischen Heimat, dieser Gesellschaft in Transformation, wohl auch kaum angemessen.

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