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Buchkritik

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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 30.07.2012

Gegen das Vergessen

Helon Habila: "Öl auf Wasser", Wunderhorn, Heidelberg 2012, 231 Seiten

Nigeria ist eines der ölreichsten Länder Afrikas, die Regierung lässt Konzernen freie Hand.
Nigeria ist eines der ölreichsten Länder Afrikas, die Regierung lässt Konzernen freie Hand. (picture alliance / dpa - Keystone Mark Allen Johnson)

Das erste Buch des Nigerianers Helon Habila "Waiting for an Angel" wurde in der englischsprachigen Welt preisgekrönt. Jetzt kann der weltweit gefeierte Autor auch auf Deutsch gelesen werden: "Öl auf Wasser" - ein Entwicklungsroman über die Umweltverschmutzung und das Elend der Bevölkerung in Nigeria.

1995 schaute die Welt entsetzt nach Nigeria. Der Schriftsteller und Umweltaktivist Ken Saro-Wiwa wurde wegen seines Engagements für die Ogoni, die Bewohner des Nigerdeltas, die gegen die internationalen Ölfirmen kämpfen, von der Militärdiktatur Sani Abachas hingerichtet.

Nun schaut der nigerianische Autor Helon Habila in seinem politischen Roman "Öl auf Wasser" wieder in das umweltverseuchte Delta des Nigers. Der junge Journalist Rufus lebt in Port Harcout und versucht bei der Zeitung "Reporter" Karriere zu machen.

Sein großes Vorbild ist der Starjournalist Zaq, der in den 90er-Jahren großen, sogar politischen Einfluss hatte. Inzwischen ist er ein alter, schwer kranker Alkoholiker, der sich noch einmal zu einer Geschichte aufrafft. Die Frau eines hochrangigen Ölingenieurs - eine Britin - ist entführt worden.

Ein gängiges Geschäft in Nigeria: Rebellen entführen Europäer, "laden" Journalisten ein, damit sie bezeugen können, dass es der Geisel gut geht, dann zahlen die Ölfirmen und die Geiseln werden wieder freigelassen. Diesmal sollen Zaq und Rufus die Zeugen sein. Doch so einfach ist dieser Deal nicht.

Der erste Treffpunkt wird verraten und von der Armee wird ein Massaker unter den Rebellen verübt. Der junge Rufus ist fassungslos und schreibt einen Bericht, der ihm die Anerkennung der Redaktion einbringt. Doch die Suche geht weiter und verliert sich immer mehr im Undurchsichtigen. Die beiden sehen verlassene, verseuchte Dörfer. Sie geraten in die Schusslinie zwischen Militär und Rebellen, beide gleichermaßen hoch bewaffnet, mit Schnellbooten ausgerüstet und gewalttätig.

Sie gelangen auch mehrfach auf eine kleine Insel, auf der eine Sekte eine egalitäre Gemeinschaft aufgebaut hat und versucht, möglichst unbeeinflusst von der Gewalt ringsum zu überleben. Hier findet nicht nur Rufus Schwester ihren Frieden nach einem schrecklichen Ölunfall - einer Familientragödie. Hier begegnet Rufus auch seiner Liebe. Eine Liebegeschichte, die nur angedeutet wird, aber zum Ende doch Hoffnung in dem ganzen Grauen entstehen lässt.

Die vielschichtigen Erzählstränge verbindet Helon Habila durch zahlreiche Rückblenden und Einschübe, die es dem Leser nicht immer ganz einfach machen, sich zu orientieren, aber Spannung und einen eigenen Sog hervorrufen. Der Autor zeichnet seine Figuren differenziert. Gut und Böse sind die Strukturen, aber nicht die jeweiligen Personen.

Habila vermeidet Klischees, er lässt die einzelnen Figuren ihre Motivation erklären. Das ermöglichen die beiden fragenden Reporter. Die Sprache des Icherzählers Rufus ist gradlinig unaufgeregt und kühl. Durch die Beschreibung seines Lebenswegs passt die Geschichte auch in das Genre des Entwicklungsromans. Geradezu poetisch und metaphernreich sind die Landschaftsbeschreibungen.

Das Licht schillert in wunderbaren Farben auf dem Wasser - wegen der Öllachen. In den Zweigen der Mangroven hängt "der Dunst in Klumpen, wie Baumwollbällchen". So brennen sich das Entsetzen und der Ekel über die Umweltverschmutzung und das Elend der Bevölkerung in scharfen Bildern beim Leser ein.

Eine Tatsache, die wir schon lange kennen, aber schnell wieder vergessen haben - gegen dieses Vergessen schreibt Helon Habila an.

Besprochen von Birgit Koß

Helon Habila: Öl auf Wasser
Wunderhorn, Heidelberg 2012
231 Seiten, 24,80 Euro


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