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Thema / Archiv | Beitrag vom 25.01.2013

"Gegen das Mackertum"

Dirk von Lowtzow über das neue Tocotronic-Album "Wie wir leben wollen"

Moderation: Frank Meyer

"Wir haben nie so weit in die Zukunft gedacht", erklärt Dirk von Lowtzow. (Deutschlandradio - Bettina Straub)
"Wir haben nie so weit in die Zukunft gedacht", erklärt Dirk von Lowtzow. (Deutschlandradio - Bettina Straub)

Tocotronic habe fast zwei Jahrzehnte damit verbracht darüber zu singen, was man nicht haben wolle, sagt Sänger Dirk von Lowtzow. Dafür ständen Titel wie "Wir kommen um uns zu beschweren" oder "Aber hier leben, nein danke". Mit dem zehnten Albumtitel habe man einfach mal etwas konstruktiver werden wollen.

Frank Meyer Die Band Tocotronic, das sind die "Staatsdichter", so steht's im Magazin "Der Spiegel" aus Anlass des neuen Tocotronic-Albums, das heute erscheint. Die Staatsdichter. Auch andere Zeitungen fahren interessante Titel und Zuschreibungen auf für diese Band, die jetzt 20 Jahre existiert.

"Tocotronic hat dem deutschen Indie-Pop das Denken beigebracht", das meint die "Süddeutsche Zeitung". "Tocotronic ist die deutscheste Band der Welt", schreibt "Die Zeit". Und das Pop-Magazin "Spex" hat der Band im Dezember gleich eine ganze Ausgabe gewidmet.

Dirk von Lowtzow, der Sänger und Gitarrist der Band ist gleich bei uns für ein Gespräch über 20 Jahre Tocotronic, aber hier erst mal ein Stück vom neuen Album "Wie wir leben wollen", so heißt das Album, und hier die Single "Auf dem Pfad der Dämmerung".

Frank Meyer "Auf dem Pfad der Dämmerung", ein Stück vom neuen Album der Band Tocotronic, dem Album zum 20-jährigen Bandjubiläum. Heute ist diese Platte rausgekommen und hier im Studio von Deutschlandradio Kultur ist Dirk von Lowtzow, der Sänger und Gitarrist der Band. Herzlich willkommen!

Dirk von Lowtzow: Danke, Hallo!

Frank Meyer Bleiben wir bei dem Song, den wir gerade gehört haben. "Ich will Steine sammeln, mich verrammeln, in mir die ganze Welt versammeln. Die Altäre sollen rauchen, ich werde neue Kleider brauchen", um so ein paar Verse in Erinnerung zu rufen. Das Video zu diesem Song zeigt so eine ganz hochironische Geschichte, eine Schule taucht auf, Vampire, Cheerleader und so weiter - wie sind Sie von dem Song zu diesem ironischen Video gekommen?

von Lowtzow: So ironisch ist es eigentlich gar nicht, denn das Video drückt unsere Bandbegeisterung, die recht ungebrochen ist, für die US-amerikanische Fernsehserie "Buffy, the Vampire Slayer" aus. Es ist eigentlich eine Hommage an diese Serie und an ihren Schöpfer, Joss Whedon, der ein großartiger Creator solcher Serien ist, auch Filmregisseur ist und die eigentlich in ihrem Figurenreichtum und ihrem Zauber mit jedem Dickens-Roman mithalten kann.

Und so haben wir jetzt die Grundelemente der Handlung von "Buffy" vom amerikanischen Kalifornien nach Berlin-Zehlendorf verlegt. Das ist aber eigentlich auch die einzige Brechung, ansonsten ist es eins zu eins, drückt es unsere Liebe zu "Buffy" aus.

Frank Meyer Ich frag auch danach, weil so die Bedeutungssuche bei Projekten, bei Texten von Tocotronic immer eine große Rolle spielt, zumindest in der journalistischen Widerspiegelung dessen, was Sie machen. Ihre Songtitel zum Beispiel, die hatten ja immer eine relativ einmalige Zweitkarriere als politische Slogans.

Ein paar Beispiel will ich nennen: "Wir kommen, um uns zu beschweren" oder "Ich möchte Teil einer Jugendbewegung sein" oder "Pure Vernunft darf niemals siegen". Und jetzt heißt Ihr neues Album "Wie wir leben wollen". Was hat Sie zu diesem Albumnamen gebracht?

von Lowtzow: Na ja, Sie haben ja gerade eben schon ein paar frühere Titel genannt, die alle - die Quintessenz der Titel war eigentlich Abgrenzung, Widerstand - wir haben 19 Jahre damit verbracht, zu sagen, wie wir es nicht haben wollen, aber hier leben, nein danke, wir wollten uns beschweren und so weiter und so fort. Und zum 20. Jahr unseres Bestehens dachten wir eben, es wäre ganz schön, mal so etwas konstruktiver zu werden und vielleicht auch mal zu sagen, wie wir es gerne haben wollen.

Und da haben wir es natürlich, das muss man zugeben, so etwas übererfüllt. Wir haben gleich parallel zum Titel auch noch 99 Thesen aufgestellt, und auf dem Album sind 17 Stücke mit ich weiß nicht wie vielen Textzeilen. Also die Fragestellung haben wir - wir haben das Ding voll gemacht.

Frank Meyer Die 99 Thesen, die sind auch erfreulich verwirrend, weil da kann man ganz verschiedene Richtungen herauslesen. Es gibt zum Beispiel ein paar Thesen, die heißen, also "Wie wir leben wollen": "Emanzipiert", "Mit der Revolte in uns", "Wie eine Haubitze" - das klingt ja ordentlich rebellisch, wie eine Haubitze, als wenn Sie auf den Barrikaden stehen. Andererseits findet man, "Wie wir leben wollen", Thesen: "Nach Erdbeere riechend", oder "warm und grau" oder "plüschophil" wollen Sie auch leben ...

von Lowtzow: Ja, das stimmt, ja, das ist unsere sexuelle Orientierung, wir sind plüschophil.

Frank Meyer Was heißt das?

von Lowtzow: Unser sexuelles Begehren richtet sich auf das Stofftier hin. Auf das Plüschtier hin.

Frank Meyer Okay, wir haben also zwei Lebensrichtungen: Rebellion steckt immer noch drin in Ihren Thesen, und ansonsten die eher sanfte plüschophile Bewegung?

von Lowtzow: Ja, das stimmt, das ist natürlich - hat natürlich aber auch einen rebellischen Hintergrund, weil die Plüschophilie ja sozusagen die sexuelle Orientierung ist, die sich am offensivsten gegen das Mackertum und gegen das normale heteronormative geschlechtliche Begehren richtet. Das ist sozusagen - geht noch weiter.

Frank Meyer Also selbst da, wo man pure Albernheit vermutet, wie "plüschophil", steckt eigentlich schon wieder eine Botschaft darin.

von Lowtzow: Ja, Botschaft wäre mir jetzt zu viel, Botschaften, das klingt mir fast so ein bisschen zu autoritär. Es soll schon alles immer albern sein und spielerisch. Nur schließt sich das ja nicht aus mit, dass man schon ernsthaft über Dinge nachdenkt.

Frank Meyer Und das trägt Ihnen dann so Titel ein, ich hab's vorhin schon mal erwähnt, die "Staatsdichter", schreibt jetzt der "Spiegel" ...

von Lowtzow: Das finde ich, offen gesagt, wenig schmeichelhaft, da wir ja über die letzten Jahrzehnte, glaube ich, sehr deutlich gemacht haben, dass wir ein recht gebrochenes Verhältnis zu Deutschland haben und wir auf allerlei antinationalistischen Veranstaltungen aufgetreten sind und uns da immer wieder in der Richtung engagiert haben. Aber, man kann nichts dagegen tun, früher oder später scheint's einen zu erwischen.

Frank Meyer Das ist ja schon schön ironisch: Man ist 20 Jahre im Widerstand und endet als Staatsdichter.

von Lowtzow: Das ist in der Tat sehr ironisch. Das ist die Ironie des Schicksals, wie man so schön sagt.

Frank Meyer Die lassen wir einen Moment nachwirken und hören ein nächstes Stück vom neuen Tocotronic-Album: "Die Revolte ist in mir".

Frank Meyer "Die Revolte ist in mir" vom neuen Tocotronic-Album "Wie wir leben wollen". Heute ist das Album herausgekommen, und bei uns im Studio von Deutschlandradio Kultur ist nach wie Dirk von Lowtzow, der Sänger und Gitarrist der Band. Wir haben ja gerade dieses Stück gehört mit diesem Sound, der, man könnte sagen, geschichtsgesättigt ist, auch dieser Sound.

Sie haben in anderen Gesprächen auch viel Wert darauf gelegt, wie diese Aufnahmen entstanden sind, nämlich alles analog, haben Sie gesagt, mit einer Vierspurmaschine und einem Neun-Kanal-Mischpult aus den 50er-Jahren, also analoge Technik. Wie kam es denn zu dieser Rückwärtsbewegung vom Digitalen zum Analogen?

von Lowtzow: Ja, wir haben das immer gern erzählt, weil das so eine gute Geschichte ist. Und eigentlich kam uns der Zufall zu Hilfe, denn vor ungefähr fünf Jahren hat in Berlin ein neues Tonstudio aufgemacht, und zwar im Flughafen Tempelhof, das ist ja an sich schon ein recht exzentrischer Ort für ein Tonstudio.

Und dieses Tonstudio wird betrieben von Ingo Krauss und Paul Lemp, und diese beiden Herren sind große Sammler analoger und vorsintflutlicher Technik und haben eben eines dieser weltweit nur noch fünf existierenden Vier-Spur-Telefunken-T9-Ein-Zoll-Geräte und ein Acht- oder Neun-Kanal-Mischpult, Paris-München, hier aus der Deutschen Grammophon.

Und die haben diese Geräte hervorragend instand gesetzt, sodass sie eben auch funktionstüchtig sind. Und für uns war es natürlich eine unglaubliche Herausforderung, mit diesen vorsintflutlichen Apparaturen zu arbeiten.

Frank Meyer Ich frag auch danach, weil es gibt ja im Moment auch so einen Mainstream in der Pop-Berichterstattung, dass die Retromanie gegeißelt wird und die Nostalgie gegeißelt wird und so eine Stimmung da ist, es passiert eigentlich nichts Neues mehr unter der Sonne in der Popmusik. Jetzt kommen Sie und nehmen mit uralter Technik auf. Kehren Sie auch zurück in die Vergangenheit?

von Lowtzow: Ja, also wir hatten eigentlich so eine gewisse Dialektik im Sinn, weil wir wollten einen sehr, sehr modernen Sound, wir und unser Produzent und Freund Moses Schneider, einen sehr modernen Sound mittels dieser uralten Technik erschaffen. Ich hoffe, dass uns das gelungen ist. Die Retromanie äußert sich ja anders.

Da wird ja meistens mittels digitaler Produktionstechniken versucht, so eine künstliche Patina auf die Musik zu zaubern, um es eben möglichst authentisch nach 60er-Jahre Soul oder Ähnlichem klingen zu lassen. Uns ging es eigentlich um die größtmögliche Artifizialität, also das Gegenteil von Authentizität. Und dabei helfen diese Geräte sehr gut.

Frank Meyer Man könnte es Ihnen ja nicht verdenken, jetzt nach 20 Jahren Tocotronic-Geschichte, dass Sie sich hinstellen und sagen, wir gucken jetzt mal zurück, wir gucken auch retrospektiv in unsere eigene Vergangenheit. Hat das keine Rolle gespielt jetzt beim Jubiläumsalbum?

von Lowtzow: Eigentlich nicht, zumal diese Vergangenheit, der diese Gerätschaften angehören, ja doch etwas weiter zurückliegt als unsere Geburtstage. Diese Geräte stammen ja alle aus Mitte der 50er-Jahre. Und man muss einfach dazu sagen, diese Art Technik erfordert sehr viel kreatives Denken und sehr viel Vorbereitung und es ist insofern eine große Herausforderung, damit zu arbeiten.

Es klingt aber, wenn man es beherrscht, was wir glücklicherweise taten und Moses, unser Produzent, und nicht zuletzt Ingo Krauss, der Engineer - wenn man es richtig macht, klingt es wirklich unübertroffen.

Man merkt es, wenn man alte Jazz-Platten hört von Miles Davis oder John Coltrane oder Beatles und Beach Boys oder Zombies, Bands aus den 60-ern, Aufnahmen - die Klangqualität ist einfach wunderbar, bis heute.

Frank Meyer Das ist das eine Thema, was sozusagen schon in der Materialität der Musik drin ist, wie Sie sagen, das dialektische Verhältnis von Vergangenheit und Gegenwart.

Ein anderes Thema, merkt man immer wieder, auch gerade in den Texten: Körperlichkeit, Altern, Tod. Sie haben ja gerade gesagt, Sie wollen eigentlich nicht authentisch sein, authentische Musik machen, aber da hat sich dann doch der eigene Lebensverlauf - Sie sind jetzt Anfang 40, glaube ich -

von Lowtzow: So ist es.

Frank Meyer ... macht sich dann doch bemerkbar, wenn Sie übers Altern jetzt texten?

von Lowtzow: Also, wir haben das Thema versucht, scherzhaft aufzugreifen, weil man natürlich jetzt in einem Alter ist, von dem man annahm, als man Teenager war, dass das sozusagen der Endpunkt dessen ist, wo Rock 'n' Roll überhaupt stattfinden kann - oder man hatte sich darüber lustig gemacht, dass es überhaupt Musikerinnen und Musiker gab, die schon jenseits der 40 waren.

Heutzutage, muss man zugeben, ist es ein bisschen gang und gäbe geworden. Neil Young hat ja gerade seinen siebzigsten Geburtstag gefeiert und rockt immer noch unverdrossen vor sich hin. Und - also es war für uns ein bisschen die Flucht nach vorne, weil wir dachten, das Thema würde ohnehin aufkommen nach 20 Jahren. Und Körper - Körperlichkeit ist natürlich grundsätzlich, also altersunabhängig ein sehr, sehr interessantes Thema.

Frank Meyer Aber das ist ja sowieso ein Problem: als Band älter werden, alt werden. Jetzt sind Sie 20 Jahre zusammen als Tocotronic. Geht das immer so weiter, zusammen bleiben, älter werden, cool bleiben, kreativ bleiben als Band - wie sehen Sie da in die Zukunft?

von Lowtzow: Keine Ahnung. Bis jetzt ging alles gut, aber wir haben nie so weit in die Zukunft gedacht. Das ist vielleicht unser Erfolgsgeheimnis. Und darüber hinaus ist es so, wir mögen uns alle sehr und sind über die ganzen Jahre eben nicht nur gemeinsam musikalisch aktiv gewesen, sondern immer auch noch sehr intensiv befreundet. Und das ist, glaube ich, eine sehr, sehr schöne Sache und worauf man - wo man auch, sagen wir mal, beruhigt in die Zukunft blicken kann, wenn das so bleibt.

Frank Meyer Das neue Tocotronic-Album ist da: "Wie wir leben wollen", heute erschienen. Und bei uns im Studio war Dirk von Lowtzow, Sänger und Gitarrist der Band. Ganz herzlichen Dank!

von Lowtzow: Ich hab zu danken!

Frank Meyer Wir hören noch ein Stück: "Ich will für dich nüchtern bleiben".


Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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