Seit 19:05 Uhr Oper
 
  • facebook
  •  
  • twitter
  •  
  • instagram
  •  
  • spotify
 
Seit 19:05 Uhr Oper
 
 

Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 09.01.2012

Gefangen in der Medien-Falle

Marc Polednik / Karin Rieppel: "Gefallene Sterne", Klett-Cotta, Stuttgart 2011, 254 Seiten

Auch nach dem TV-Auftritt lässt der Druck auf Christian Wulff nicht nach. (picture alliance / dpa / Britta Pedersen)
Auch nach dem TV-Auftritt lässt der Druck auf Christian Wulff nicht nach. (picture alliance / dpa / Britta Pedersen)

Wie kommen politische Affären ins Rollen, zu welchem Zeitpunkt wird ein Rücktritt unvermeidlich und welche Rolle spielen dabei die Medien? Auf diese Fragen wollen die Journalisten Marc Polednik und Karin Rieppel in ihrem Buch "Gefallene Sterne" eine Antwort geben.

Wer sich für die Logik von Skandalen interessiert, für ihren Anfang, Verlauf und für ihr (vorläufiges) Ende, der bekommt derzeit in Deutschland mit dem höchst präsidialen Fall Wulff mehr als genug Anschauungsmaterial. Aber auch in den Jahren davor gab es spektakuläre Fälle: der Koks- und Prostitutionsskandal von Moderator Michel Friedman, die privat genutzten Flugmeilen Cem Özdemirs oder die Autofahrt der angetrunkenen Margot Käßmann.

Wie aber kommen solche Affären eigentlich ins Rollen, zu welchem Zeitpunkt wird ein Rücktritt unvermeidlich und welche Rolle spielen die Medien? Das fragen die beiden Journalisten Marc Polednik und Karin Rieppel in ihrem Buch "Gefallene Sterne". Gekonnt rekonstruieren sie darin minutiös 13 Skandalgeschichten der letzten Jahre und versuchen, deren Ablauf rückblickend zu erklären. Dazu haben sie nahezu alle jeweils einschlägigen Zeitungsartikel ausgewertet, daneben Online-Seiten, TV-Auftritte und Radio-Beiträge. Seite für Seite blättert man sich so durch viele längst vergessen Skandale - den um Eva Hermann etwa - und ist erstaunt, wie gleich der Ablauf immer ist.

Die meisten Skandale, so die Autoren, haben eine klare dramatische Kurve. Meist beginnen sie mit einem Paukenschlag - wie beispielsweise die Verhaftung von Jörg Kachelmann -, um sich dann hoch zu schaukeln, wie bei Thilo Sarrazin. Sie dauern dann als mediales Fußballspiel mit einer beliebig großen Anzahl von Schaulustigen so lange an, bis sich die skandalträchtige Person aus der Öffentlichkeit - und meistens auch aus ihren jeweiligen Ämtern - zurückzieht. Manchmal gibt es eine Rehabilitierung, vor allem wenn die Betroffenen schnell und vorbildlich die Konsequenzen ziehen, wie etwa Margot Käßmann.

Die Autoren zeigen deutlich, wer im Genre der Skandalberichterstattung die federführenden medialen Akteure sind: an vorderster Front immer die Bild-Zeitung, aber mit ihr in erstaunlich regem Austausch auch alle anderen Medien, selbst die seriösen.

Die Nacherzählungen der dramaturgischen medialen Kurven - hochschreiben, runtermachen, eventuell später rehabilitieren - sind pointiert und bilden eine unterhaltsame Lektüre. Als Leser wünscht man sich allerdings oft etwas mehr analytische Schärfe. Wirklich große neue Erkenntnisse zur inneren Logik von Medienskandalen sucht man in dem Buch vergebens. Weniger bahnbrechende Einsichten werden aber von den Autoren sehr plastisch herausgearbeitet, etwa der mediale Herdentrieb, die Tatsache, dass prominente Personen, welche die Medien in ihre Wohnzimmer hineinlassen, diese dann auch da selbst noch vorfinden, wenn sie sie gerne wieder draußen hätten, oder auch dass sich Politiker gerne in einem selbst kultivierten Image verheddern, an dem sie dann im Krisenfall von der Öffentlichkeit gemessen werden.

Man bekommt insgesamt ein ziemlich gutes Gefühl für das Funktionieren der von medialen Aufgeregtheitskurven und kann zum aktuellen Fall um den Bundespräsidenten erstaunliche Parallelen ziehen. Wann aber ein Rücktritt unvermeidlich wird, das verrät das Buch leider auch nicht.

Besprochen von Catherine Newmark

Marc Polednik / Karin Rieppel: Gefallene Sterne. Aufstieg und Absturz in der Medienwelt
Klett-Cotta, Stuttgart 2011
254 Seiten, 17,95 Euro

Buchkritik

weitere Beiträge

Literatur

weitere Beiträge

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie Deutschlandradio Kultur