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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 22.10.2009

Gefährlicher Widerstand

Mo Yan: "Die Sandelholzstrafe", Suhrkamp/Insel-Verlag, Frankfurt am Main, 647 Seiten

Um chinesische Literatur ging es auch auf der diesjährigen Frankfurter Buchmesse
Um chinesische Literatur ging es auch auf der diesjährigen Frankfurter Buchmesse (AP)

Mo Yan erzählt in dem Roman, wie vor gut 100 Jahren deutsche Kolonialherren eine Eisenbahnlinie durch das chinesische Gaomi bauen. Doch dagegen formiert sich Widerstand, der mit der schlimmen Sandelholzstrafe geahndet wird.

"Ich bin bloß ein Bauer, der schreibt", sagt der Autor Mo Yan etwas kokett über sich selbst. Doch eigentlich ist er eher ein Autor, der über Bauern schreibt, und zwar über die Bewohner des ländlichen Gaomi in der ostchinesischen Provinz Shandong. Mo Yan ist selbst in dieser Gegend aufgewachsen.

In seinem sechsten, nun auf Deutsch erschienenen Roman "Die Sandelholzstrafe" erzählt er, wie vor gut 100 Jahren die deutschen Kolonialherren eine Eisenbahnlinie durch Gaomi bauen, um die Städte Qingdao und Jinan miteinander zu verbinden. Sie scheren sich wenig darum, dass dabei die Gleise quer über die Felder der ansässigen Bauern und die Gräber ihrer Ahnen verlegt werden. Auch dass dadurch das Feng Shui der ganzen Region gestört wird, kümmert sie nicht. Deshalb formiert sich bald der Widerstand gegen sie.

Sun Bing, eigentlich ein Darsteller der volkstümlichen Katzenoper, führt den Angriff der Dörfler an. Er wird jedoch gefasst und zur schlimmsten aller Strafen verurteilt, der Sandelholzstrafe. Dabei wird dem Verurteilten ein Sandelholzstock in den Hintern und durch die Gedärme geschoben, bis er oben wieder herauskommt. An diesem Stab wird der noch lebende Sun Bing dann in der Öffentlichkeit aufgehängt. Das bricht schließlich den Widerstand der Bauern gegen die Eisenbahnlinie; sie ist übrigens noch heute in Betrieb.

Mo Yan führt vor, wie grausam die kaiserlichen Beamten der untergehenden Qing-Dynastie gegen das eigene Volk vorgehen und wie die deutschen Kolonialherren sich diese Brutalität zunutze machen. Besonders Schrecken einflößend ist dabei der Henker Zhao Jia gezeichnet, der mit emotionsloser Genauigkeit nicht nur den Sandelholzstab einführt, sondern auch zuvor in langen Erzählpassagen unter Beweis stellt, dass er einem Mann mit einem Metallring den Kopf zerquetschen oder einen anderen in 500 Teile zerlegen kann, bevor dieser endlich stirbt.

Dass Zhao Jia schließlich die Sandelholzstrafe gegen Sun Bing durchführt, ist aber nicht nur grausam, sondern auch eine Familientragödie. Denn der Folterknecht ist mit seinem Opfer verwandt; Zhao Jias Sohn ist mit Sun Bings Tochter verheiratet.

Mo Yan zieht also wieder einmal alle Register: Liebe und Hass, Brutalität und Ekel – durch jedes Extrem menschlicher Gefühle müssen die Figuren hindurch und mit ihnen der Leser. "Die Sandelholzstrafe" ist ein hervorragend geschriebener Schmöker voll dramatischer Qualität. Er ist allerdings in Erzählstil, Inhalt und Struktur bewusst ein vormodernes Stück Literatur, das die rhapsodischen Strukturen der volkstümlichen Katzenoper aufgreift.

Sich so auf chinesische Erzähltraditionen zu besinnen und nicht nach literarischen Techniken aus dem Westen zu schielen, hat dem Roman in China ganz besonderen Erfolg beschert. Auch in der exzellenten deutschen Übersetzung kann man nun vollständig in der chinesischen Welt von 1900 aufgehen. Eine Reflexion über die Historizität des Erzählten, eine zweite Ebene etwa, die die Jetztzeit mit einbezieht oder die Totalität der historischen Szene aufbricht, aber darf man nicht erwarten.

Besprochen von Katharina Borchardt

Mo Yan: Die Sandelholzstrafe
aus dem Chinesischen von Karin Betz, Suhrkamp/Insel-Verlag, Frankfurt am Main 2009, 647 Seiten, 29,80 Euro